Singapur: Bis 2030 die smarteste Nation der Welt?

Fred Kalt, Managing Director von Siemens ITS in der Region Asia Pacific, über das ambitionierte Stadtentwicklungsprojekt „Smart Nation Singapore“, den ersten voll integrierten Digitalisierungs-Hub in dem multikulturellen Inselstaat und die Frage, ob die Zukunft der Mobilität möglicherweise in Südostasien beginnt.

 

von Peter Rosenberger 

Herr Kalt, was man unter einer „Smart City“ versteht, ist inzwischen weitgehend bekannt – Singapur soll nun mit Unterstützung von Siemens zur „Smart Nation“ avancieren. Wie darf man sich das vorstellen?

 

Fred Kalt: Der Begriff steht in Singapur für eine sehr ambitionierte Vision im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung des gesamten Stadtstaats. Um zu signalisieren, dass wir es keineswegs mit einer Utopie, sondern mit einer konkreten Strategie zu tun haben, hat man das Projekt fest terminiert und spricht von „Smart Nation 2030“. Man will innerhalb der nächsten zwölf Jahre die smarteste Nation der Welt werden – in allen Belangen. Dazu gehören neben der Mobilität auch Bereiche wie Gesundheitswesen, Energieversorgung oder Advanced Factories. Schon heute läuft hier im täglichen Leben sehr Vieles digital: Wenn ich aus dem Haus gehe, muss ich eigentlich nur mein Handy und meine Bankkarte mitnehmen und komme damit durch die ganze Stadt, weil ich alles damit bezahlen kann, auch die Busse und U-Bahn Tickets. Das Einzige, was man sonst noch immer dabei haben sollte, ist ein Regenschirm. 

 

Bei der Umsetzung des Masterplans „Smart Mobility 2030“ der Land Transport Authority (LTA) spielt Siemens eine wichtige Rolle. Auf welchen Wegen fanden die beiden Partner zueinander?

 

Fred Kalt: Was uns vor allem eint, sind unsere Vorstellungen davon, wie man urbane Mobilität in Zukunft gestalten sollte. Das Interessante ist: Wenn Sie den Masterplan der LTA neben die Vision von Siemens ITS halten, werden Sie sehr viele Gemeinsamkeiten entdecken. Die meisten der Projekte, die von der LTA im Bereich Straßenverkehr derzeit geplant werden, lassen sich mit unseren Systemen optimal realisieren – zum Teil mit bereits vorhandenen Lösungen, zum Teil mit neuen Entwicklungen, die noch in der Pipeline sind. Erst kürzlich fand ein so genannter Opportunity Workshop mit der LTA statt, bei dem wir den aktuellen Bedarf mit dem Portfolio von Siemens ITS abgeglichen haben. Und dabei reichte das dafür eingeplante Zeitfenster bei weitem nicht aus, um alle Möglichkeiten aufzulisten.

Vor einigen Monaten hat Siemens in Singapur den ersten voll integrierten Digitalisierungs-Hub eröffnet. Was genau verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?

 

Fred Kalt: Das Kompetenzzentrum, das in hier entstanden ist, lässt sich am ehesten vergleichen mit entsprechenden Einrichtungen US-amerikanischer IT-Riesen wie Google oder Microsoft – im Hinblick auf die technische Ausstattung genauso wie auf das fachliche Know-how und die inspirierende Atmosphäre. Einerseits wurden hier unsere eigenen bereits vorhandenen digitalen Ressourcen gebündelt. Andererseits haben wir uns aber auch verstärkt mit Experten aus der Region, unter anderem aus Bangalore. Da wir den Hub in den kommenden Jahren kontinuierlich weiter ausbauen wollen, sind wir permanent auf der Suche nach hochqualifizierten neuen Kollegen: Die müssen nicht unbedingt im Bereich Mobilität zuhause sein, wir können natürlich auch das Spezialwissen etwa über  Videoanalytik, Artificial Intelligence oder Verkehrsalgorithmen hervorragend nutzen.

 

Wie sieht denn Ihre persönliche Rolle in Singapur aus?

 

Fred Kalt: Auf meiner Visitenkarte steht: Managing Director ITS Asia Pacific. Der Standort Singapur ist als Hub für die gesamte Region aus mehreren Gründen prädestiniert: nicht nur wegen seiner zentralen Lage in der Region, sondern auch, weil die Verantwortlichen hier eine hohe Affinität zu neuen Technologien haben und wir deshalb in der Lage sind, gemeinsam mit den Kunden viele innovative Entwicklungen zu implementieren. In Singapur können wir schon jetzt die Chance nutzen, uns über hochmoderne Technologie gegenüber unseren Wettbewerbern zu differenzieren – auf vielen anderen Märkten ist das noch nicht im selben Ausmaß möglich. Zu meinen Aufgaben gehört es, von Singapur aus das Business in der gesamten Region Asia Pacific auszubauen. Im Moment kümmern wir uns neben Singapur verstärkt um Australien, Neuseeland, Vietnam und Thailand. In einer zweiten Welle rücken dann auch weitere ASEAN-Staaten in den Fokus, unter anderem Indonesien, Malaysia und die Philippinen. Unser Konzept sieht vor, die Lösungen, die im Digitalisierungs-Hub in Singapur entstehen, anschließend in diesen Ländern auszurollen. Das reicht von Tunnelmanagement- und Expressway-Systemen bis zu Verkehrsmanagementlösungen im urbanen Bereich, für die in der Region spezielle technologische Anforderungen bestehen.

 

Kann es sein, dass einige dieser Lösungen später auch in anderen Teilen der Welt, also möglicherweise auch in Europa eingesetzt werden?

 

Fred Kalt: Gerade bei datenbasierten, technologieneutralen Systemen ist das natürlich durchaus denkbar. Die Stadt Singapur bietet uns zum Beispiel an, Daten aus dem elektronischen Mautsystem zur Verfügung zu stellen, wenn wir daraus einen Mehrwert für die Verkehrsteilnehmer generieren können. Es wird also wahrscheinlich mobile Apps geben, die den Nutzer mit hochaktuellen Informationen zur jeweiligen Verkehrslage versorgen. Und solche Konzepte lassen sich sicherlich auch auf alle anderen urbanen Regionen übertragen.

Dienstleistungssektor ist die Mobilität einer der fünf großen Bereiche, auf die sich die Regierungsinitiative „Smart Nation Singapore“ konzentriert. Was sind die wichtigsten Anforderungen an innovative Transportlösungen in dem südostasiatischen Stadtstaat?

Fred Kalt: Zunächst muss man sich die Masterfrage hinter dem Masterplan vor Augen halten: Wie soll die Mobilität im Jahr 2030 aussehen? Das heißt: Wir planen hier bereits für das Zeitalter des automatisierten und vernetzten Verkehrs. Da Singapur weltweit zu den ersten Städten gehörte, die ganzheitliche Verkehrsmanagementlösungen installiert haben, ist die entsprechende Infrastruktur inzwischen natürlich in die Jahre gekommen. Die großen Themen bei der Modernisierung reichen von Car2X bis zum Fleetmanagement für selbstfahrende Flotten, von Detektionssystemen für die integrierte Reisezeitplanung bis zu Smart-Transport-Lösungen für autonome Kleinbusse und effizienten Ticketingsystemen. Für mich steht fest: Die verschiedenen Modi, die nebeneinander existieren, müssen integriert werden, damit am Ende des Tages die „Smart Nation 2030“ im Transportbereich entsteht.

Gemeinsam mit der Nanyang Technological University (NTU) will Siemens unter anderem innovative Mobilitätslösungen auf Basis von autonomen Fahrzeugen entwickeln. Was beinhaltet die Kooperation?

 

Fred Kalt: Die NTU hat vom Staat den Auftrag bekommen, ein Testfeld für autonome Fahrzeuge zu etablieren und dabei alle Anforderungen des normalen Straßenverkehrs zu simulieren: also etwa komplexe Kreuzungen mit Signalgebern, Konflikte an Fußgängerüberwegen oder Nachtfahrten mit Regensimulator. Die Anlage wurde bereits vor einem halben Jahr eröffnet. Wir stellen dafür die Infrastruktur zur Verfügung, mit deren Hilfe sich der reale Verkehr simulieren lässt. Dazu haben wir eine ganze Reihe neuer Technologien installiert, die hier auf dem Markt noch nicht präsent sind: unter anderem unseren neuen sX-Controller, der jetzt in der Lage ist, auch mit der lokalen Peripherie zu kommunizieren – oder auch unser eigenes Managementsystem zur Steuerung autonomer Fahrzeuge.

 

Welche zusätzlichen Innovationen für den Transportsektor haben Sie außerdem in der Pipeline? Worauf dürfen wir uns beispielsweise zum ITS World Congress 2019 in Singapur freuen?

 

Fred Kalt: Angesichts der hohen Schlagzahl in der aktuellen Entwicklung kann ich Ihnen jetzt natürlich noch keine konkreten Produkte nennen. Aber sicherlich können wir zum ITS World Congress eine ganze Reihe neuer Lösungen für den autonomen Straßenverkehr präsentieren. Im Fokus werden dabei auch Datenapplikationen stehen – ein Thema, von dem sich unser Kunde LTA ganz besonderen Mehrwert verspricht.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Vision vom autonomen Fahren in Singapur erstmals in größerem Stil Realität wird.
Fred Kalt, Managing Director von Siemens ITS in der Region Asia Pacific

Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Siemens den neuen, insgesamt 21,5 Kilometer langen Nord-Süd-Korridor in Singapur, der 12,5 Kilometer Tunnel- und 9 Kilometer Viaduktstrecke umfasst, mit einem integrierten Verkehrsmanagement- und Betriebssystem ausrüsten wird. Was sind – abgesehen vom gigantischen Ausmaß – die Besonderheiten dieses Projekts?

 

Fred Kalt: Einzigartig ist vor allem das geforderte Safety-Integrity-Level (SIL). Für diesen Straßentunnel gelten ähnliche Sicherheitsanforderungen wie für einen Bahntunnel. Deshalb gibt es natürlich auch die dafür notwendigen Technologien noch gar nicht – wir werden sie erst im Lauf des Projekts entwickeln. Fünf der insgesamt acht Jahre, die für die Realisierung des Korridors vorgesehen sind, stehen uns allein für Planung, Design, Engineering und Software Development zur Verfügung. Für mich ist dieser riesige Auftrag natürlich ein herrliches Antrittsgeschenk hier in Singapur. Den Erfolg verdanken wir allein der großen Weitsicht und dem hohen  Engagement unseres Headquarters und der perfekten Performance der Kollegen vor Ort. 

 

„Smart Nation“ gilt als eines der fortschrittlichsten Stadtentwicklungsprojekte der Welt, und Vieles dreht sich dabei um die intelligente Nutzung von Technologien für das autonome Fahren. Halten Sie es für möglich, dass die Zukunft der Mobilität in Singapur beginnt?

 

Fred Kalt: Ich denke, die Zukunft beginnt an vielen Orten. In China, in Europa, in den USA: Es wird derzeit überall viel geforscht und entwickelt. Die Frage ist für mich eher: Wo wird die Technologie zum ersten Mal flächendeckend umgesetzt. Und da hat Singapur als dicht besiedelter Stadtstaat, der technologisch bereits ein sehr hohes Level aufweist, in der Tat gewisse Vorteile. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass die Vision vom autonomen Fahren in Singapur erstmals in größerem Stil Realität wird.

 

Zum Ausklang noch eine persönliche Frage. Sie waren in den vergangenen 27 Jahren für Siemens bereits in vielen Ländern im Einsatz: in Nigeria, in Vietnam, in China, den USA – und auch schon einmal in Singapur. Was hat Sie dazu bewogen, jetzt hierher zurückzukehren?

 

Fred Kalt: Zum einen ist es natürlich die Aufgabe, die mich reizt. Ich bin sicher, dass wir mit unserem Technologieverständnis, unserem Commitment zur Region Asia Pacific und unserem Siemens Setup Vieles bewegen können. Zum anderen hat mich aber auch Singapur selbst von Anfang an beeindruckt – schon bei meinem ersten Besuch vor über 20 Jahren. Inzwischen habe ich zu der Stadt eine ganz besondere Beziehung, ich habe mehrere Lebensabschnitte mit meiner Familie hier verbracht, mein Sohn ist hier geboren und kommt nun auch für ein sechsmonatiges Praktikum hierher zurück. Es macht Spaß, hier zu leben, zu beobachten, wie dynamisch sich die Stadt entwickelt und zu erleben, wie sich unterschiedlichste Kulturen gegenseitig inspirieren können.

 

Herr Kalt, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

09.07.2018

Peter Rosenberger works as a journalist in BirkenauPeter Rosenberger arbeitet als Journalist in Birkenau

Bildquellen: istock/ake1150sb, Siemens AG, Fred Kalt

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