Künstliche Intelligenz: „Unsere Computer waren erschreckend dumm“

Mario Sela, Referent Mobility beim Digitalverband Bitkom, über die technologische und gesellschaftliche Dimension Künstlicher Intelligenz, die Optimierungspotenziale durch KI in der Mobilität und die Frage, wer in automatisierten Verkehrssystemen das letzte Wort haben soll: die Maschine oder der Mensch?

 

von Peter Rosenberger

Herr Sela, Tesla-Gründer Elon Musk sieht in der Künstlichen Intelligenz „das größte Risiko für unsere Zivilisation“. Der kürzlich verstorbene Physiker Stephen Hawking warnte davor, dass die Künstliche Intelligenz den Menschen ersetzen könnte. Halten Sie die Sorgen der beiden prominenten Skeptiker für nachvollziehbar?

 

Diese Sorge wird immer wieder öffentlich diskutiert und auch von einzelnen, prominenten Vordenkern der Technologieszene geteilt. Dabei tritt aber in den Hintergrund, dass die große Mehrheit der Experten das anders sieht. Die Gefahr, dass eine Einparkhilfe im Auto oder auch ein intelligenter Weiterbildungs-Assistent am Arbeitsplatz die Weltherrschaft an sich reißt, ist doch sehr gering. Wir erleben immer bessere KI-Systeme, die allerdings jeweils für eine bestimmte Aufgabe trainiert sind und diese zum Teil auch besser als wir Menschen erledigen. Aber eine Maschine, die besonders gut Krankheits-Diagnosen stellt, kann eben nur das und wird weder Reisen buchen noch meine Wohnung putzen.

 

Wie bewerten Sie derlei medienwirksame Mahnungen: als kontraproduktive, weil entwicklungshemmende Panikmache – oder als sinnvollen Appell an die Politik, möglichst bald über Regulierungen nachzudenken?

 

Wir müssen besser und breiter darüber aufklären, was Künstliche Intelligenz kann, und was sie aber auch nicht kann. Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Zukunft tiefgreifend verändern wird. Was wir dringend brauchen, ist eine Strategie zu Entwicklung und Einsatz von Künstlicher Intelligenz auf Bundesebene. In der KI-Forschung hat Deutschland eine hervorragende Ausgangsbasis. Aber wenn wir die nächsten Jahre darauf verwenden, alleine das Für und Wider der Technologie zu debattieren, werden wir international abgehängt. China, aber auch Russland setzen Zeichen, indem sie KI ganz oben auf die Agenda setzen und auch entsprechende finanzielle Mittel bereitstellen.

 

Welche Regulierungen wären in Ihren Augen nötig?

 

Neben einer Strategie und einer Förderung von KI ist es auch von entscheidender Bedeutung, dass wir die Risiken von KI adressieren. Für KI sollte ein strategischer Prozess der Potenzial- und Risikobeurteilung aufgesetzt werden. Deutschland sollte sich außerdem auf europäischer Ebene engagieren, um den Datenschutz mit Blick auf KI weiterzuentwickeln. Dabei bietet sich eine »regulierte Ko-Regulierung« an, um Datenschutzvorgaben bei KI-Anwendungen umzusetzen: Unternehmen entwickeln anhand von Best Practices Verhaltensregeln, die die EU-Kommission oder Aufsichtsbehörden als rechtskonform anerkennen. KI hat eine sehr grundsätzliche Bedeutung für die Entwicklung der digitalen Gesellschaft. Deshalb brauchen wir Eckpunkte einer digitalen Ethik, die wir in einer Partnerschaft von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik entwickeln sollten.

 

In welchen Intelligenzbereichen sind Maschinen den Menschen bereits überlegen – und in welchen haben sie noch Nachholbedarf?

 

Die Vorstellung von intelligenten Maschinen, die uns Menschen ebenbürtig oder vielleicht sogar überlegen sind, beflügelt schon seit langer Zeit unsere Fantasie. Ob schlauer Bordcomputer, menschlicher Androide oder gnadenloser Terminator – auch Literatur und Filmindustrie haben das Thema Künstliche Intelligenz immer wieder aufgegriffen. Im Vergleich dazu waren die Computer, die auf unseren Schreibtischen standen, lange Zeit erschreckend dumm. In jüngster Zeit hat sich das deutlich geändert. Intelligente Sprachassistenten auf dem Smartphone oder in unserem Wohnzimmer, die mit uns echte Dialoge führen, automatische Übersetzungen, die nicht in Kauderwelsch enden, oder Autos, die ganz alleine von A nach B fahren, ohne einen Unfall zu verursachen – KI-Systeme scheinen tatsächlich so etwas wie den Durchbruch in unsere Lebenswirklichkeit geschafft zu haben.

 

Das Neue an KI, verglichen mit der klassischen EDV, ist die Komponente des Lernens. Es ist kein Zufall, dass Begriffe wie Machine Learning oder Deep Learning eng mit KI verbunden sind, das Lernen steht im Mittelpunkt. Darin steckt ein gewaltiger Vorteil: Es ist fast unmöglich, einer Software über Regeln zu beschreiben, was ein Stuhl ist und wie er aussehen kann. Ein lernendes System, das mit einigen Hundert Fotos von Stühlen trainiert wird, kann danach recht gut entscheiden, ob ein Gegenstand ein Stuhl ist oder nicht. Oder denken Sie an das autonome Fahren. Einem System über Anweisungen zu erklären, wie es auf jede mögliche Verkehrssituation reagieren soll, ist schier unmöglich. Ein lernendes System kann diese Aufgabe dagegen meistern.

 

Und wie wird das in 20 Jahren aussehen?

 

Bereits in wenigen Jahren werden viele Produkte und Dienstleistungen mit Maschinenintelligenz ausgestattet oder sogar von ihr geprägt sein. Selbstfahrende Autos, ressourcenschonende Logistikprozesse oder effektive Polizeiarbeit – in allen Bereichen wird KI Menschen unterstützen und von Routineaufgaben entlasten. Dabei geht es nicht darum, dass ein KI-System den Menschen Arzt ersetzt. Es geht darum, dass intelligente Systeme ihm zuarbeiten.

Sie haben vor kurzem die Menschen in Deutschland nach Ihrer Meinung zu Künstlicher Intelligenz gefragt. Mit welchem Ergebnis?

 

Wir haben festgestellt, dass die Bundesbürger bei der grundsätzlichen Frage, ob KI eher Chance oder eher Risiko ist, gespalten sind. An dieser Stelle zeigt sich ein Unterschied zwischen allen Bürgern und jenen, die besser über KI Bescheid wissen. Von den besser Informierten sagen 57 Prozent, Künstliche Intelligenz biete vor allem Chancen, nur für 38 Prozent überwiegen die Gefahren. Vor allem hat unsere Studie aber auch gezeigt: Fragt man nicht nach dem Begriff Künstliche Intelligenz, sondern nach konkreten Anwendungen, dann gibt es eine sehr große Offenheit für diese Technologie.

 

Sind die Deutschen damit aufgeschlossener oder weniger aufgeschlossen als die Menschen in anderen Teilen der Welt?

 

Die Deutschen sind KI gegenüber sehr aufgeschlossen – vor allem wenn man nicht nach dem Begriff fragt, sondern nach konkreten Anwendungen. Aber dieser grundsätzlichen Offenheit gegenüber KI und deren Chancen stehen auch Ängste und Sorgen gegenüber. So befürchten die Befragten auch, dass der Einsatz von KI Machtmissbrauch und Manipulation Tür und Tor öffnet und dass zwar faktenbasierte Entscheidungen vorgegaukelt werden, sich in Wahrheit aber die Vorurteile der Programmierer in den Systemen niederschlagen. Jeder Zweite glaubt sogar, dass KI den Menschen entmündigt – und sich KI gegen den Menschen richten wird.

 

In welchen Lebensbereichen erhoffen sich die Befragten am meisten Unterstützung durch KI?

 

Fragt man die Bundesbürger, so ist eine deutliche Mehrheit der Meinung, dass KI in der Lage ist, große gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern. 8 von 10 Bundesbürgern sind sich sicher, dass KI die Verkehrssteuerung verbessern und so Staus reduzieren kann. Ebenso viele glauben, dass dank KI in der Industrie körperlich belastende Tätigkeiten auf Maschinen übertragen werden können. Jeweils gut zwei Drittel sind sich sicher, dass Verwaltungstätigkeiten durch KI beschleunigt werden, in der Forschung die Innovationskraft steigt und der Kundenservice Anfragen mit KI-Unterstützung zuverlässiger bearbeitet. Ebenfalls eine Mehrheit geht davon aus, dass die Polizei durch den Einsatz von KI Verbrechen schneller aufklären kann und im Gesundheitswesen mit KI-Hilfe bessere Diagnosen entstehen.

 

Deckt sich dieses Ranking in etwa mit Ihren Erwartungen?

 

Die Ergebnisse sind eher positiver als wir das erwartet hätten.

Wo liegen nach Ihrer Auffassung die größten Optimierungspotenziale für KI-Anwendungen in der Mobilität?

 

Gerade im Bereich der Mobilität sehen wir heute schon vielfältige Anwendungsmöglichkeiten von KI. Das fängt bei der Routenplanung an und hört beim selbstfahrenden Auto noch nicht auf.

 

Wie schätzen Sie diese verkehrstechnologischen Fortschritte auf der Zeitschiene ein: Bis wann rechnen Sie mit welchen Entwicklungen auf der Basis von KI?

 

Eine konkrete Prognose ist in der digitalen Welt sehr schwierig. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, dass das erste iPhone gerade einmal vor etwas mehr als zehn Jahren auf den Markt gekommen ist. Und welche Veränderungen durch Smartphones angestoßen wurden. Dazu kommt, dass es gerade beim Verkehr nicht nur um technologische Durchbrüche geht, sondern immer auch darum, die rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen. Wir haben zur IAA im vergangenen Jahr Manager der Automobilindustrie gefragt, und die kamen mehrheitlich zu der Einschätzung: In 50 Jahren werden in Deutschland ausschließlich selbstfahrende Autos zugelassen werden.

Können die permanenten Verbesserungen der IT-Sicherheitssysteme mit diesem Tempo Schritt halten?

 

Das ist keine Frage des „Kann“, sondern eine Frage des „Muss“. IT-Sicherheit und Datenschutz sind ganz zentrale Fragen. Gerade in diesem Bereich haben deutsche Unternehmen und Forscher einen hervorragenden Ruf und eine großartige Expertise.

 

Wer soll nach Ihrer Überzeugung das letzte Wort haben in den automatisierten Verkehrssystemen der Zukunft: die Maschine oder der Mensch?

 

Automatisierte Systeme müssen so gemacht sein, dass sie auf das Wohl des Menschen ausgerichtet sind. Wenn also eine maschinelle Entscheidung einen größeren Beitrag zur Sicherheit, zum Komfort oder zur Effizienz im Verkehrssystem leistet, sollte auch die Maschine diese Entscheidung treffen: zum Beispiel in kritischen Situationen, wenn sehr schnelle Reaktionen erforderlich sind.

In 50 Jahren werden in Deutschland ausschließlich selbstfahrende Autos zugelassen werden.
Mario Sela, Referent Mobility beim Digitalverband Bitkom

Wie könnte die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine konkret aussehen?

 

Maschinen können bestimmte Entscheidungen wesentlich schneller treffen und damit zu mehr Sicherheit im Verkehrssystem beitragen – denken wir nur an die „Schrecksekunde“ vor einer Notbremsung, die den Anhalteweg eines Autos bei 50 Stundenkilometern um rund 14 Meter verlängert. Eine Maschine kann hier viel schneller entscheiden und das Auto effizienter zum Stehen bringen. Mit Blick auf das Gesamtsystem sollte der Mensch aber die immer die Möglichkeit haben, das maschinelle System zu übersteuern – zum Beispiel mit einer Notbrems-Funktion in fahrerlosen Shuttles, die das Fahrzeug sicher am Straßenrand anhalten lässt.

04.05.2018

Peter Rosenberger arbeitet als Journalist in Birkenau

Bildquellen: iSTock/SIphotography, iStock/AndreyPopov, Bitkom

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