Verkehrstechnik in Angola: Wie Phönix aus der Asche

Der Plan klingt ehrgeizig: Begünstigt durch seine Lage an zwei transafrikanischen Transportkorridoren will Angola zur wichtigen logistischen Drehscheibe avancieren. Der Aufbau eines fast 14.000 Kilometer umfassenden Straßennetzes läuft. Als Schlüssel zur Zukunft gilt die innovative Verkehrstechnik.

 

von Peter Rosenberger 

Die Geschichte erinnert ein bisschen an die des mythischen Vogels Phönix, der sich aus seiner eigenen Asche erhebt. Fast 30 Jahre Bürgerkrieg hatten zwischen 1975 und 2002 einen großen Teil des Straßennetzes in Angola zerstört. Als das Verkehrsministerium zehn Jahre danach eine erste Zwischenbilanz vorlegte, waren bereits 3325 Straßenkilometer neu geteert worden – und weitere 10.400 im Bau. Tatsächlich ist Angola heute, trotz seiner noch schwach ausgebildeten Infrastruktur, eines der wenigen afrikanischen Länder ohne große Finanzierungslücken bei Infrastrukturinvestitionen. Dank der umfangreichen Ölreserven hat der südwestafrikanische Staat das Geld, Strukturprobleme anzugehen und die zerstörte Infrastruktur wiederaufzubauen, die Wirtschaft zu fördern, die Städte zu modernisieren und für bessere Verkehrsverbindungen zu sorgen.

Im weltweiten Vergleich hinkt Angola deutlich hinterher

Zum Potenzial kommt der politische Wille. So betont Präsident José Eduardo dos Santos, dass die Wiederherstellung und Erweiterung der Häfen, Fernstraßen und Bahnlinien unverzichtbar sei, wenn sein Land zu einer „logistischen Drehscheibe von erheblicher Bedeutung für das südliche Afrika“ werden soll. Geografisch stehen die Voraussetzungen dafür nicht schlecht. Denn Angola ist Teil zweier großer transafrikanischer Transportkorridore: der Nord-Süd-Route von Tripolis in Libyen nach Kapstadt in Südafrika und der Ost-West-Route von Beira in Mosambik nach Lobito in Angola.

 

Der Gütertransport erfolgt derzeit größtenteils per Lkw auf der Straße. Zum einen, weil es keine Binnenwasserstraßen gibt. Zum anderen, weil die wenigen Bahnlinien erst vor kurzem in Betrieb gingen und nicht miteinander vernetzt sind. Für den Personentransport stellen die unregelmäßig fahrenden Züge ebenfalls keine echte Alternative dar. In den Städten sind die Menschen hauptsächlich in Privatautos unterwegs. Wer sich das nicht leisten kann, der nutzt die so genannten Candongas: neunsitzige Kleinbusse, die in einem ÖPNV-ähnlichen Beförderungssystem verkehren. Insgesamt allerdings hinkt das Land in Sachen Multimodalität im weltweiten Vergleich noch deutlich hinterher. Doch das soll sich ändern: Entsprechende Investitionen in sämtliche Verkehrsmodi sind bereits geplant, mussten aber wegen der gesunkenen Rohölpreise zunächst verschoben werden.

In urbanen Gebieten steigt der Verkehrsdruck rasant

Als Schlüssel zur Zukunft gilt freilich die intelligente Straßenverkehrstechnik. Zwar liegt der Motorisierungsgrad mit 38 Autos pro 1000 Einwohner gegenwärtig noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Die rasanten Steigerungen um etwa zehn Prozent pro Jahr erzeugen in den urbanen Gebieten dennoch einen rapide wachsenden Verkehrsdruck. Das vielerorts bereits verbesserte Straßennetz lässt sich jedoch kaum mehr erweitern, weil die Städte inzwischen eine relevante Größe erreicht haben. 

 

Deshalb steht jetzt verstärkt die Implementierung unterschiedlichster ITS-basierter Lösungen auf der Agenda: verkehrsabhängige Ampelschaltungen, dynamische Signalpläne, Fahrspuren mit wechselbarer Fahrtrichtung, Verkehrsinformationen für die Routenplanung und die Umleitung von Verkehrsströmen. Siemens Mobility untersucht in Zusammenarbeit mit örtlichen Universitäten gerade die Anwendung dieser und weiterer Verkehrsmanagement-Lösungen. Im Bereich Fernverkehr stehen Maut- und Überwachungssysteme im Fokus, da insbesondere im Umkreis der Städte Ringstraßen gebaut wurden oder noch gebaut werden.

Mit vier Sitraffic-sX-Controllern in eine neue Ära

Der Nachholbedarf im Hinblick auf innovative Verkehrstechnik ist riesig. Das bisher einzige wirklich bedeutende Projekt entsprechender Ausprägung wurde in der Hauptstadt Luanda umgesetzt, wo seit Anfang der 2000er-Jahre 220 ST-Controller im Einsatz sind. Nach einem eher halbherzigen Versuch mit Low-Tech-Controllern chinesischer Provenienz in Kilamba Kiaxi hat man jetzt endgültig die Weichen in Richtung Smart Mobility gestellt: In Malanje, der 680 Kilometer ost-südöstlich von Luanda entfernt gelegenen Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, wurde im vergangenen Jahr eine Verkehrsmanagementanlage der neuesten Generation mit vier solarbetriebenen Sitraffic-sX-Controllern in Betrieb genommen.

 

Letztlich waren es vor allem drei Gründe, die zu dieser richtungsweisenden Entscheidung führten. Erstens trotzt die installierte Lösung dank ihrer autonomen Energieversorgung den Unwägbarkeiten des oft überlasteten Stromnetzes. Zweitens bietet sie mit ihren zahlreichen Vorteilen in Sachen Bedienungskomfort, Flexibilität, Konnektivität und Effizienz genau die Zukunftssicherheit, die das aufstrebende südwestafrikanische Land jetzt braucht. Und drittens spielte bei der Wahl auch die einzigartige verkehrstechnische Beratung eine Rolle. Die nächsten Etappenziele auf der rasanten Reise Angolas von Gestern nach Morgen zeichnen sich indes schon deutlich ab: Neben der Erweiterung des Systems in Malanje stehen zwei neue Projekte in Benguela und Lobito auf der Agenda.

Gerade auch beim Thema Fernwartung zeigt sich ganz praktisch, welchen Mehrwert unsere Technologie bietet und welchen Unterschied sie macht.
Sandra Pimentel, Siemens Portugal

Ein eigenes Kompetenz-Team vor Ort geplant

Der Rundum-Sorglos-Service durch Siemens Mobility ist das Ergebnis einer perfekten Mannschaftsleistung. Die Steuerung der in Luanda stationierten Mitarbeiter und der lokalen Installations- und Wartungs-Partner übernimmt die Niederlassung im portugiesischen Amadora. Vom dortigen Engineering-Team kommt bereits im Angebotsstadium Unterstützung in den Bereichen Elektrik, Hochbau und Verkehrstechnik. Nach Auftragseingang und Definition der technischen Lösung werden hier auch detaillierte Beschreibungen und CAD-Zeichnungen erstellt, damit die Bauaufsicht der Partner die Arbeiten vor Ort und die physische Einrichtung aller Komponenten entsprechend abwickeln kann. Wenn das zu 80 bis 90 Prozent abgeschlossen ist, reist eine auf die jeweilige Technologie spezialisierte Crew an, um die Inbetriebnahme zu begleiten – und die Mitarbeiter der Partner und/oder der Endkunden zu schulen. 

 

Nach diesem Training können die Teams vor Ort einfache Wartungsarbeiten selbst ausführen oder eventuelle technische Probleme zumindest so konkret beurteilen, dass sie sich anschließend remote von Amadora aus beheben lassen. Die Ausstattung der Controller mit einem Anschluss zur Fernwartung gehört bei Projekten in Angola deshalb in den meisten Fällen zur Standardausführung. „Gerade auch in diesem Punkt zeigt sich ganz praktisch, welchen Mehrwert unsere Technologie bietet und welchen Unterschied sie macht“, sagt Sandra Pimentel von Siemens Portugal und wirft dann gleich noch einen Blick voraus: „Sobald die installierte Basis in Angola eine gewisse Größenordnung erreicht hat, bauen wir vor Ort ein eigenes Kompetenz-Team auf. Angesichts der aktuellen Wachstumsperspektiven dürfte das nicht mehr allzu lange dauern.“

20.02.2018

Peter Rosenberger arbeitet als Journalist in Birkenau.

Bildquellen: Fotolia, iStock pop_jop und Siemens AG

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden: Alles was Sie über Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung wissen müssen.