Das Schaltwerk-Hochhaus

Das erste Fabrikhochhaus Europas in Siemensstadt

Mit dem Schaltwerk-Hochhaus steht in der Berliner Siemenstadt eine wahre Ikone der Industriegeschichte. Das 1928 in Betrieb genommene Gebäude ist das erste Fabrikhochhaus Europas und damals etwas Außergewöhnliches. Denn der Siemens-Architekt Hans Hertlein geht mit dem Bau völlig neue Wege: Erstmals werden industrielle Produktionsabläufe übereinander angeordnet. Auf insgesamt elf Stockwerken und mehr als 34.000 Quadratmetern wird fortan moderne Schaltgerätetechnik gefertigt.  

1917 – Anfänge im Flugzeugbau


Bis Ende des 19. Jahrhunderts kommt bei der Energieversorgung größerer Städte Gleichstrom zum Einsatz. Doch mit zunehmender Ausdehnung der Stromnetze erweist sich Wechselstrom als effizienter. Für den Netzbetrieb werden Schaltanlagen benötigt, die ab 1917 im späteren „Schaltwerk“ in Siemensstadt gefertigt werden. Auf einem Areal westlich des Verwaltungsgebäudes entsteht ab 1916 eine mehr als 15.000 Quadratmeter große Halle. Als Werkhalle für den Flugzeugbau im Ersten Weltkrieg konzipiert, nutzt man ab November 1917 gut ein Drittel des Gebäudes für die Schaltgerätefertigung. Nach Aufgabe des Flugzeugbaus 1919 belegt die elektrotechnische Produktion die komplette Halle – und das Schaltwerk erhält seinen Namen. Zug um Zug wird die Fertigung erweitert und der Hallenkomplex bis Ende 1922 um rund 20.000 Quadratmeter ausgebaut. 1923 arbeiten bereits 1.250 Personen im Schaltwerk. Das Foto zeigt die Flugzeugproduktion während des Ersten Weltkriegs.

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Schaltwerk-Hochhaus
Siemensstadt

Fertigung von Schaltgeräten und
Schaltanlagen seit 100 Jahren

Zur Ausgangsposition

1928 – Das Schaltwerk-Hochhaus entsteht

Um 1900 ist die Schaltanlagenfertigung im am Salzufer 11/12 gelegenen Charlottenburger Werk beheimatet. Wegen der Kapazitätsengpässe vor Ort werden Teile der Produktion ab 1917 nach Siemensstadt ins Schaltwerk verlagert. Aus wirtschaftlichen Gründen beschließen die Verantwortlichen 1926, die gesamte Herstellung von Schaltgeräten an einem Ort zu konzentrieren. Hierfür müssen die bestehenden Fabrikanlagen des Schaltwerks erweitert werden. Im Zuge der Planungen kommt die Idee auf, für die benötigten Flächen in die Höhe zu bauen und damit das erste Fabrikhochhaus Europas zu errichten. Im September 1926 genehmigen die Siemens-Vorstände 9,5 Millionen Mark für die Erweiterungsbauten. Herzstück ist ein elfstöckiges Hochhaus mit einer Höhe von 45 Metern. Zwei Verbindungsbauten schließen den Neubau an den bereits bestehenden Hallenkomplex an. Mit dem neu errichteten Hochhaus erweitert sich die Nutzfläche des Schaltwerks ab 1928 um mehr als 34.000 Quadratmeter.

1930er-Jahre – Die Fertigung im Schaltwerk-Hochhaus

Die Produktion im Schaltwerk-Hochhaus ist etwas ganz Besonderes: Auf elf Geschossen (das erste ist das Kellergeschoss) werden zahlreiche Produktionsprozesse übereinander durchlaufen. So befinden sich beispielsweise im zweiten Geschoss auf einer verstärkten Decke die schweren Maschinen der Verarbeitungswerkstätten. Im vierten Geschoss ist die Lehrlingswerkstatt untergebracht und darüber die eigentliche Schalterfertigung mit der Fließproduktion. Im achten Stockwerk sind die Werkleitung und die kaufmännische Abteilung ansässig und im obersten Geschoss die Konstruktionsbüros. Im Interesse einer möglichst variablen Raumaufteilung sind alle Etagen als durchlaufender Saal von jeweils 175 Meter Länge und 16 Meter Breite gestaltet.

1945 – Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau

Im Zweiten Weltkrieg werden die Gebäude in Siemensstadt schwer beschädigt. Auch die Flachbauten des Schaltwerkareals werden durch Angriffe aus der Luft stark zerstört, wohingegen das Hochhaus weitgehend unbeschädigt bleibt. Während mehrere tausend Tonnen Schutt und Schrott beseitigt werden müssen, beginnt gleichzeitig der Wiederaufbau. Der Neubeginn wird durch die umfangreichen Demontagen des Maschinenparks, die die Sowjets 1945 vornehmen, zusätzlich erschwert. Dennoch geht zumindest ein Teil der Fertigung im Hochhaus bereits Anfang 1946 in Betrieb. Im selben Jahr wird mit dem Wiederaufbau der Flachbauten begonnen, sodass ab 1949 wieder neue Kundenaufträge bearbeitet werden. 1956 ist der Wiederaufbau abgeschlossen. Nach dieser Übergangsphase setzt die Entwicklung neuer Schalttechnologien und Produkte wieder ein, und das Werk profitiert vom anhaltenden Wirtschaftsboom. 1959 erreicht die Belegschaft des Schaltwerks mit knapp 5.900 Mitarbeitern ihren Höchststand.

1994 – Eine Ikone der Industriegeschichte

Als das Schaltwerk-Hochhaus zusammen mit den Flachbauten 1994 unter Denkmalschutz gestellt wird, gilt es seit langem als architekturhistorische Ikone moderner Industriekultur. Bereits bei seiner Fertigstellung erhebt man das Hochhaus zum „Symbol der Moderne“. Hans Hertlein, ab 1915 leitender Architekt bei Siemens, findet mit der Gestaltung des Gebäudes zu seiner ganz eigenen schlichten und sachlichen Formensprache. Das Hochhaus steht damit repräsentativ für den Stil der Neuen Sachlichkeit der 1920er-Jahre, dessen Hauptmerkmal eine hohe nüchterne Zweckgebundenheit darstellt. Den einzigen Bauschmuck bilden die nicht mehr erhaltenen Signets der Siemens-Schuckertwerke an den Stirnseiten. Die reduzierte, rationale Formensprache wird zum architektonischen Inbegriff der Siemens-Werke und zum Prototyp nachfolgender Industriebauten.

2017 – Das Schaltwerk feiert Geburtstag

2017 feiert das Schaltwerk sein 100-jähriges Jubiläum. Es ist nach wie  vor eines der modernsten Werke und die weltweit größte Produktionsstätte seiner Art. Nachdem es bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren erweitert worden war, beschließt man 2010 ein umfassendes Modernisierungsprogramm und investiert 70 Millionen Euro. Im Rahmen des Projekts „Schaltwerk 2015“ werden zwei neue Produktionshallen errichtet und die Fertigung modernisiert. Auf rund 330.000 Quadratmeter werden im Schaltwerk modernste Schaltanlagen produziert. Mit einem unternehmensweiten Kompetenzzentrum für Schalttechnik steht es in diesem Technologiefeld an der Spitze von Forschung und Entwicklung. Wenn auch beträchtlich modernisiert, bildet der historische Gebäudebestand immer noch einen wesentlichen Teil des heutigen Schaltwerks. Das Hochhaus wird ebenfalls genutzt, aus Brandschutzgründen aber nur bis zur sechsten Etage. Die Flächen sind von Büros und dem Aus- und Fortbildungszentrum belegt.

 

Im Rahmen des Zukunftsprojekts „Siemensstadt 2.0“ ist auch das historische Schaltwerk-Gebäude Teil der langfristig geplanten Umwandlung in einen modernen urbanen Stadtteil der Zukunft. 

 

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