Klein, aber oho

Das MEGA-Projekt als strategisches Unternehmensziel

1983 erklärt die Führungsspitze des Elektro- und Elektronikkonzerns die Entwicklung und Fertigung von Megabit-Speicherchips zum strategischen Unternehmensziel – bis 1989 soll der Rückstand zu den damals führenden japanischen Herstellern aufgeholt sein. Zu diesem Zweck kooperiert Siemens mit niederländischen und japanischen Partnern. Ende 1987 gehen in Regensburg die ersten 1-Mbit-DRAM-Chips in Serie. Im Sommer des darauffolgenden Jahres liefert Siemens als einer der weltweit ersten Hersteller Kundenmuster eines 4-Mbit-DRAM-Bausteins aus – der technologische Anschluss an die Weltspitzen­gruppe der Halbleiterhersteller ist gelungen. 

Japan und USA an erster Stelle – Siemens will zur Konkurrenz aufschließen

Anfang der 1970er-Jahre beschleunigt sich der Übergang von der Analog- zur Digitaltechnik in allen Bereichen der Elektrotechnik enorm. Im Zuge der Digitalisierung werden immer größere Speicherkapazitäten benötigt, um Programme und Daten verarbeiten zu können. Angebot und Nachfrage explodieren regelrecht: Alle drei Jahre vervierfacht sich die Speicherfähigkeit der Halbleiter, und eine neue, leistungsfähigere und dennoch billigere Chipgeneration kommt auf den Markt, der ebenso dynamisch wächst. 1984 ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass die ersten Megabit-Chips hergestellt werden können – das sind Chips, die über eine Million binärer Speicherzellen verfügen und circa 64 Textseiten abspeichern können.

 

Zu dieser Zeit befindet sich die europäische Mikroelektronikindustrie allerdings gut zwei Jahre hinter den japanischen und amerikanischen Konkurrenten. Diese Tatsache ändert sich durch ein äußerst ambitioniertes Vorhaben, genannt MEGA-Projekt: Innerhalb von fünf Jahren wollen Siemens und Philips mit vereinten Kräften und staatlicher Unterstützung zur Weltspitze aufschließen. Das Ziel bei Siemens: die Produktion von Speicherchips, die vier Millionen Bit speichern, sogenannte 4-Mbit-DRAM (Dynamic Random Access Memory; Schreib-Lese-Speicher). 

Um dieses Ziel erreichen zu können, verordnet sich Siemens einen Paradigmenwechsel: Erstmals wird der Weg der seriellen Planung (Forschung – Entwicklung – Fertigung) verlassen und eine Fabrik für Produkte geplant, die sich noch nicht einmal in der Entwicklung befinden. Diese parallele Netzplanung ist angesichts eines äußerst dynamischen und von Preiskämpfen dominierten Markts, der ein enormes Risiko birgt, auch dringend notwendig. Denn bei beständig steigenden Forschungsaufwendungen fallen die Preise für die jeweilige Chipgeneration innerhalb von nur zwei Jahren auf ein Zehntel des ursprünglichen Werts.

 

Selbst kleine Verzögerungen können enorme finanzielle Verluste nach sich ziehen. So warnt denn auch Helmut Lohr, damaliger Vorstandsvorsitzender der Standard Elektrik Lorenz (SEL) AG, davor, am erbitterten Preiskampf zwischen Amerikanern und Japanern teilzunehmen, und empfiehlt stattdessen, Speicherchips weltweit billigst einzukaufen.

Mikroelektronik als Zukunftsfeld – und als Türöffner zur Prozessortechnologie

Bei Siemens ist man anderer Meinung: Bereits unter dem Vorstandsvorsitzenden Bernhard Plettner hat sich das Unternehmen in den 1970er-Jahren vom Energie- zum Elektronikkonzern gewandelt. Sein Nachfolger Karlheinz Kaske treibt ab 1980 die Entwicklung in Richtung Mikroelektronik konsequent weiter voran. Hinter dieser Ausrichtung steht die strategische Vorstellung, dass nur ein Unternehmen, das über die besten Chips verfügt, auch die besten Geräte an den Markt bringen könne.

 

Außerdem betrachtet man die Entwicklung der Speicherchips lediglich als Türöffner zur Entwicklung der viel interessanteren Prozessortechnologie, die als Kernkompetenz im Hause behalten und entwickelt werden soll. Entsprechend wird am 6. Februar 1984 das MEGA-Projekt einstimmig im Vorstand verabschiedet. Wichtige Kernpunkte des Programms: Konzentration der Entwicklungsarbeit und Errichtung zweier Entwicklungshallen für den 1- und den 4-Mbit-Chip im Forschungszentrum München-Perlach, Schaffung von Produktionskapazitäten in Regensburg, Einstellung von mehr als 100 zusätzlichen Ingenieuren. Insgesamt sollen 1,4 Milliarden DM innerhalb von fünf Jahren investiert werden.

Der Wettbewerb wird härter – doch Siemens erreicht sein Ziel früher als geplant

Der erste Meilenstein kann 1987 gefeiert werden: Siemens gelingt es, in Kooperation mit Toshiba als erstem Unternehmen der westlichen Welt die Serienproduktion von 1-Mbit-Chips in Regensburg aufzunehmen. Die neuen Halbleiter verkaufen sich ausgezeichnet. Diese Kooperation ist natürlich nicht unumstritten, wollten die Europäer doch ursprünglich die Entwicklung aus eigener Kraft vorantreiben. Doch im Jahr davor ist der Markt der Mikroelektronik drastisch eingebrochen und damit noch härter geworden, der Wettlauf hat sich beschleunigt.

 

Nach vielfältigen Schwierigkeiten gelangt man schließlich im Sommer 1988 – noch vor dem selbst gesteckten Zeitplan – ans Ziel: das Labormuster des 4-Mbit-Chips. Stolz berichten die „Siemens Mitteilungen“: „Bei einer bayerischen Brotzeit versammelten sich im Dezember rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MEGA-Projekts am Standort München Perlach. […] Zu feiern gab es den erfolgreichen Abschluß des MEGA-Projektes und damit den Anschluß an die weltweite Konkurrenz auf dem Gebiet der Mikroelektronik-Technologie.“ Allerdings kann die Serienfertigung erst Ende 1989 beginnen; ein Jahr nach der japanischen Konkurrenz.

Forschung, Entwicklung und Produktion in einem Haus – Modellcharakter für die weitere Unternehmensentwicklung

Dennoch zieht Hans Günter Danielmeyer, damaliger Forschungsvorstand, noch im gleichen Jahr eine positive Bilanz: Das MEGA-Projekt markiert den Beginn einer völlig neuen Zusammenarbeit zwischen Forschung, Entwicklung und Produktion. Durch die treibende Kraft des Marktes und immer kürzere Produktionszyklen wird die Kooperation zwischen den beteiligten Mitarbeitern immer wichtiger, Fachkompetenz allein genügt nicht mehr. Nur in der engen Verzahnung kann es gelingen, auf die rasch wechselnden Anforderungen der Kunden zeitnah zu reagieren und gleichzeitig die Kosten zu reduzieren. Somit hat das MEGA-Projekt – abgesehen von den technologischen Fortschritten – Modellcharakter für die weitere Entwicklung bei Siemens.

Dr. Franz Hebestreit

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  • 50 Jahre Zukunft. Der Weg vom Regensburger Siemens Bauelementewerk zum Innovationsstandort der Infineon Technologies AG, hrsg. v. Gerd Otto, Kurt Rümmerle, Hermann Jacobs. Regensburg 2009