Am Necaxa

Wie Mexikos größtes Wasserkraftwerk entsteht

Siemens ist seit Ende des 19. Jahrhunderts in Mexiko präsent. 1897 errichtet das deutsche Elektrounternehmen ein Dampfkraftwerk für Mexiko-Stadt und installiert dort auch die gesamte elektrische Straßenbeleuchtung. Sechs Jahre später ist Siemens am Bau des leistungsstärksten und bedeutendsten Wasserkraftwerks Mexikos maßgeblich beteiligt. Das Großprojekt am Necaxa wird im Auftrag der kanadischen Mexican Light and Power Compagnie Ltd. realisiert. 

Seit mehr als 100 Jahren in Betrieb – eine frühe Investition in die Zukunft des Landes

Mexiko erkennt früh die Bedeutung der Wasserkraft für die Energieversorgung des Landes und nutzt die Möglichkeit, den vor Ort erzeugten Strom über Hochspannungsleitungen zu den Verbrauchern in den großen Städten zu transportieren. Das leistungsstärkste und bedeutendste Wasserkraftwerk Mexikos wird ab 1903 am Necaxa erbaut; Auftraggeber ist die im kanadischen Montreal ansässige Mexican Light and Power Compagnie Ltd. Es soll die 150 Kilometer entfernte Stadt Mexiko sowie die weitere 120 Kilometer entfernten Goldminen von El Oro mit elektrischer Energie versorgen. Generalunternehmer und Lieferant der elektrischen Ausrüstung waren die Siemens-Schuckertwerke

Ein großer Schritt in die Moderne – Strom und Licht für Mexiko-Stadt

Zu jener Zeit verfügt Siemens bereits über einige Erfahrung mit mexikanischen Kunden: So hat Siemens & Halske 1897 ein Dampfkraftwerk für Mexiko-Stadt errichtet und auch die gesamte elektrische Beleuchtung der Stadt installiert. Das neue Beleuchtungsnetz, das die bestehende Gas- und elektrische Straßenbeleuchtung durch 800 Lampen ersetzt, ist weltweit eines der größten seiner Zeit.

 

Insgesamt verlegt man über 160 Kilometer Kabel sowie 185 Kilometer Freileitung. Trotz des enormen Aufwands kann Siemens das Kraftwerk und die Lichtanlagen nach nur zehn Monaten Montagezeit übergeben. 

Standort mit zahlreichen Herausforderungen – aufwendige Bauarbeiten am Necaxa 

Im Vergleich dazu ist der Standort des neuen Kraftwerks am Necaxa sehr abgelegen – vor dem eigentlichen Baubeginn müssen deshalb zahlreiche Vorarbeiten durchgeführt werden:

 

Der Transport der Baumaterialien und elektrischen Ausrüstung zur Baustelle erfordert die Anlage von Straßen und Schienenwegen; so werden unter anderem fast 50 Kilometer Gleise verlegt. Im Rahmen des Projekts gründet man drei Städte mit dem Ziel, die Einwohner der von den Stauseen gefluteten Ansiedlungen aufzunehmen.

 

Zusätzlich gilt es, geeignete Unterkünfte für die rund 4.000 Arbeiter der Großbaustelle zu errichten. Auch andere Schwierigkeiten sind zu bewältigen: Sämtliche Maschinenteile und weiteres Material müssen mit einem speziellen Aufzug über eine Klippe zur Baustelle abgeseilt werden.

 

Um während der Bauarbeiten elektrische Energie zur Verfügung zu haben, errichtet man eigens ein temporäres Kraftwerk.

Der Weg des Wassers – ein ausgeklügeltes System

Das Wasser des Tenango wird zunächst mit einem Staudamm gesammelt und über einen knapp 1.000 Meter langen Tunnel dem Necaxa zugeführt. Dort dienen mehrere Staubecken der Regelung des Wasserhaushalts. Wegen der hohen Erdbebengefahr in der Region werden diese Becken nicht durch Staumauern, sondern durch Erddämme begrenzt. Als Wasserreservoir für das Kraftwerk dient schließlich ein letztes, 45 Millionen Kubikmeter fassendes Staubecken. Von hier fließt das Wasser über ein Gefälle von 442 Metern durch zwei Rohre den Turbinen des Kraftwerks zu. 

 

Die sechs senkrecht stehenden Turbinen sind direkt mit den Drehstromgeneratoren gekoppelt, um Reibungsverluste durch etwaige Transmissionen zu vermeiden. Ankerringe und Rotoren der Siemens-Generatoren müssen für den Transport von Europa nach Mexiko in mehreren Segmenten konstruiert werden. Pro Generator wandeln jeweils drei Einphasen-Wechselstrom-Transformatoren die Generatorenspannung von 4.000 auf 60.000 Volt für die Weiterleitung um.

 

Für die Stromübertragung vom Necaxa nach Mexiko-Stadt und weiter nach El Oro errichtet General Electric eine Hochspannungsleitung mit 60.000 Volt Übertragungsspannung inklusive der zugehörigen Umspann- und Schaltanlagen. An den Empfangsorten sorgen Unterstationen für die Anpassung an die jeweiligen Verbraucherspannungen.

 

Die Arbeiten an dem größten Wasserkraftwerk Mexikos können 1905 beendet werden.

 

Am 3. Dezember des Jahres wird es in Anwesenheit des mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz dem Betrieb übergeben. Das Kraftwerk liefert noch heute Strom aus Wasserkraft.

 

 

Dr. Franz Hebestreit 

Das könnte Sie auch interessieren

Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • Gerhart Jacob-Wendler: Deutsche Elektroindustrie in Lateinamerika. Siemens und AEG, 1890–1914, Stuttgart 1982
  • F.S. Pearson / P.O. Blackwell, The Necaxa Plant of the Mexican Light and Power Company, in: Transactions of the American Society of Civil Engineers, Vol. LVIII, June 1907, S. 37–50