Am Puls der Zeit

Eine Reise durch die Geschichte von Siemens in Schweden

Vom ersten Zeigertelegrafen bis zur modernen 3D-Druckertechnologie für Turbinenteile – die Erfolgsgeschichte von Siemens reicht in Schweden bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Als das Unternehmen vor 125 Jahren seine erste Gesellschaft in Stockholm gründet, ist dies der Beginn einer erfolgreichen Partnerschaft, die bis heute anhält. Aus den damals 13 Mitarbeitern sind bis heute 4.200 geworden. Kommen Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte spannender Projekte und technischer Innovationen.

Anfänge im Hohen Norden – Siemens liefert Telegrafenapparate und Generatoren nach Schweden

Gerade einmal sechs Jahre nach der Firmengründung von Siemens & Halske in Berlin liefert das junge Unternehmen im Jahr 1853 seine ersten modernen Telegrafenapparate auch nach Schweden. Wie fast überall in Europa, will man auch im hohen Norden von der neuen Kommunikationstechnik profitieren: der elektrischen Telegrafie. Die schwedische Regierung möchte ein eigenes nationales Telegrafennetz errichten und findet mit Siemens den richtigen Partner. Als 1856 schließlich die ersten beiden staatlichen Bahnlinien von Stockholm nach Göteborg und nach Malmö, die je von einer Telegrafenlinie flankiert werden, ihren Betrieb aufnehmen, sind Siemens-Apparate im Einsatz. Wenn auch das Berliner Unternehmen in den folgenden Jahren weitere Telegrafen liefert, dauert es noch einige Jahre, bis es in Schweden richtig Fuß fassen kann.

 

Und die großen Geschäftserfolge warten auf einem anderen Feld: der Energietechnik. Auch hier ist Siemens damals schon führend. Um den schwedischen Markt besser erschließen zu können, gründet Siemens 1880 seine erste Vertretung in Stockholm. Wie damals üblich, wird das ausländische Unternehmen von einem einheimischen Fachmann vertreten. Der „Mechanikus“ J.E. Erikson erweist sich dabei als Glücksfall. Da er Kontakte zum schwedischen Königshof hat und während eines Balls die Bekanntschaft des technisch interessierten Königs Oscar II. macht, erhält Siemens 1885 einen prestigeträchtigen Auftrag: die Installation der ersten elektrischen Beleuchtung im Stockholmer Schloss.

 

Dieser glänzende Erfolg ebnet den Weg für mehr: Siemens wird ein wichtiger Partner für den Ausbau der elektrischen Infrastruktur Schwedens und liefert unter anderem für das 1891 errichtete Elektrizitätswerk Stockholm zwei Generatoren und das dazugehörige Installationsmaterial – beides in einem Gesamtwert von immerhin 480.000 Reichsmark.

Gekommen, um zu bleiben – Siemens gründet 1893 mit der Siemens Tekniska Byrå die erste eigene Firma in Schweden

Weitere Aufträge zur Lieferung von Installationsmaterial für Kraftwerke in Halmstad, Sundsvall und Hälsingborg in den Jahren 1890 und 1891 führt Siemens noch über seine Vertretung aus. 1893 entschließt man sich in Berlin jedoch aufgrund des wachsenden Geschäftsumfangs sowie der zunehmenden Wettbewerber vor Ort, in Stockholm eine erste eigene Firma zu gründen, die Siemens Tekniska Byrå. Die neue Gesellschaft verfügt über drei Büroräume, einen Lagerraum und eine kleine Reparaturwerkstatt. 1894 sind bereits sieben Büromitarbeiter, fünf Monteure und ein Laufjunge für Siemens tätig, der Umsatz beträgt rund 500.000 Kronen. Fünf Jahre später, am 27. Dezember 1898, findet die Umfirmierung der Siemens-Niederlassung in eine Aktiengesellschaft unter dem Namen Svenska Aktiebolaget Siemens & Halske statt. Das Unternehmen will mehr Präsenz zeigen und dem wachsenden schwedischen Markt damit gerecht werden. Mit Erfolg, denn die nunmehr 18 Mitarbeiter projektieren bereits im ersten Jahr der Umfirmierung sechs größere Aufträge für Beleuchtungs- und Kraftanlagen, darunter für die Königlich-Schwedische Marineverwaltung.

 

Bis 1903 repräsentiert die Sevenska AB allein Siemens & Halske in Schweden. Mit der Gründung der Siemens Schuckertwerke GmbH in Berlin im selben Jahr und der Aufteilung der Geschäftsbereiche „Schwach- und Starkstromtechnik“ auf die beiden Stammgesellschaften, übernimmt die schwedische Gesellschaft ab 1904 die Generalvertretung beider Siemens-Häuser. Im Zuge der unternehmerischen Umstrukturierung erfolgt zwei Jahre später eine erneute Namensänderung der Stockholmer Repräsentanz in Elektriska Aktiebolaget Siemens-Schuckert. Besonders das Starkstromgeschäft entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten so erfolgreich, dass Siemens 1938 einen eigenen Produktionsstandort bei Göteborg errichtet. 1928 kommt es zur einer erneuten Gesellschaftsumbenennung: Ab dem 9. Oktober lautete ihr Name Elektriska Aktiebolaget Siemens.

 

Zum Geschäftsbereich der Gesellschaft gehört auch die Medizintechnik. Zwar werden erst ab 1913 vereinzelt elektromedizinische Geräte wie Röntgenanlagen an Krankenhäuser oder wissenschaftliche Einrichtungen geliefert, jedoch ändert sich dies spätestens ab 1926. Siemens erwirbt in diesem Jahr eine Beteiligung an der Erlanger elektromedizinischen Firma Reiniger, Gebbert & Schall AG. Infolgedessen wird in Schweden deren Vertretung EB Elema der Siemens-Gesellschaft angegliedert. Es ist die Keimzelle für die 1971 gegründete Siemens-Elema AB, Solna. Dir Firma wird zu einem der der führenden Hersteller und Anbieter elektromedizinischer Geräte.

Highlights aus der frühen Siemens-Geschichte in Schweden

Neuanfänge nach dem Zweiten Weltkrieg – Eine neue Repräsentanz und der Aufbau eigener Fertigungskapazitäten

Nach dem Zweiten Weltkrieg ändert sich der Name der schwedischen Siemens-Gesellschaft ein weiteres Mal. Grund für die Umbenennung im Jahr 1953 ist der Wunsch einer eindeutigen Zuordnung zu Siemens bei gleichzeitiger Ausweisung als schwedischer Gesellschaft. Mit dem Namen Svenska Siemens Aktiebolaget ist dies gewährleistet. Dabei bleibt es aber nicht. Aus räumlichen Gründen reifen Pläne, die Svenska Siemens, deren Vertriebs- und Verwaltungsräumlichkeiten sich zwischenzeitlich auf mehrere Standorte in Stockholm verteilen, an einem Ort zusammenzufassen. Bereits 1953 erwirbt man dafür ein großflächiges Grundstück im Herzen der schwedischen Hauptstadt. In enger Zusammenarbeit mit der Erlanger Bauabteilung von Siemens wird ein repräsentatives Hochhaus mit 15 Etagen geplant, dessen Spatenstich im April 1960 erfolgt. Im Januar 1963 wird das neue Siemens-Gebäude schließlich im Rahmen einer großen Zeremonie eingeweiht. Eine Stockholmer Zeitung titelt dazu, nicht ganz ohne Bewunderung: „Neues Hochhaus ändert die Silhouette von Stockholm.“

 

Die ersten Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stellen eine große Herausforderung für die schwedische Siemens-Gesellschaft dar. Es dauert fast ein Jahrzehnt, bis sich die Auftragslage wieder stabilisiert. Ein Grund für die Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre ist die eingebrochene Versorgung mit Waren aus Deutschland. Bis in die 1940er-Jahre ist man bei Siemens in Schweden auf Lieferung aus den deutschen Stammgesellschaften angewiesen. Erst nach und nach gelingt es, nach 1945 eigne Produktionskapazitäten aufzubauen und unabhängiger zu werden. Zwischen 1955 und 1965 ist es vor allem die Fernmeldetechnik, die im Bereich der Schwachstromtechnik enorme Zuwächse erlebt. Anlässlich der 1958 in Schweden ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft, erhält Siemens den prestigeträchtigen Auftrag, in Nacka bei Stockholm den ersten Fernsehsender des Landes auszurüsten und die TV-Richtfunkstrecke Stockholm-Göteborg-Malmö zu errichten. So können die Fernsehbilder der im Juli 1958 beginnenden Weltmeisterschaft überall in Europa empfangen werden. Bis Ende der 1960er-Jahre entwickelt sich Svenska Siemens mit rund 1.300 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von über 200 Millionen DM zu einer der größten Siemens-Gesellschaften außerhalb Deutschlands.

Highlights aus der Siemens-Geschichte in Schweden nach dem Zweiten Weltkrieg

Fit für die Zukunft – Siemens unterstützt Schweden bei Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Auch in Schweden stehen die Aktivitäten von Siemens im neuen Jahrtausend im Zeichen der Digitalisierung. Gesellschaftliche Verantwortung – oder Business to Society – bedeutet auch, sich für ein nachhaltiges Wirtschaften einzusetzen und dies konsequent umzusetzen. Siemens unterstützt Städte und Gemeinden in ganz Schweden dabei, energiesparend und energieeffizient zu arbeiten durch die technische Ausstattung von Schulen, Krankenhäusern und Bürogebäuden. Das Unternehmen geht selbst mit gutem Beispiel voran: 2017 zieht Siemens in eine neue Zentrale in Solna bei Stockholm, ein modernes und nach höchsten Maßstäben energieeffizientes Gebäude. Darüber hinaus investiert Siemens in die Elektromobilität und beginnt 2011 eine strategische Partnerschaft mit Volvo zur Entwicklung von Elektroautos und seit 2015 erweitert um Elektrobusse.

 

Bereits seit 2003 baut der damals von Siemens erworbene Gasturbinenhersteller Siemens Industrial Turbomachinery AB im schwedischen Finspång Turbinen für den Weltmarkt. Dessen Geschichte reicht jedoch bis zu den Anfänges des 20. Jahrhunderts zurück. Damals suchen die schwedischen Erfinderbrüder Birger und Fredrik Ljungström nach einem geeigneten Ort für die Produktion ihrer patentierten Dampfturbine. Besonders geeignet erscheinen ihnen die Fabriken im kleinen Finspång. Nicht ohne Grund, denn die Kleinstadt gilt gemeinhin als „Geburtsstätte der schwedischen Industrie“, verfügt sie doch seinerzeit über Eisenerz, Wasserquellen und Wälder im Überfluss. Dementsprechend siedelt sich dort die Verhüttungsindustrie an und beschäftigt eine große Zahl an Metallarbeitern. Die beiden Brüder finden hier ideale Bedingungen vor und eröffnen im Februar 1913 die Turbinenfabrik Svenska Turbinfabriks AB Ljungström, STAL. Heute noch ist die Turbinenproduktion in Finspång am Puls der Zeit und der Siemens-Standort ein Vorreiter der Digitalisierung. Denn 2016 investiert das Unternehmen rund 20 Millionen Euro und eröffnet die weltweit erste Anlage für das sogenannte Additive Manufacturing. Dieses Verfahren, allgemein bekannt als 3D-Druck, besitzt das Potenzial für eine künftige Schlüsseltechnologie und umfasst die Entwicklung, Herstellung und Reparatur von Turbinenteilen. Dabei werden Objekte Lage für Lage aus einem schichtförmig aufgebauten CAD-Modell am Computer erstellt und unmittelbar mit speziellen Druckern produziert. Mit Additive Manufacturing lassen sich Zeitspannen in der Herstellung und Reparatur um bis auf das Zehnfache verringern und Jahre dauernde Entwicklungszyklen können auf Monate oder gar Wochen verkürzt werden.

 

Wie bereits im 19. Jahrhundert, als die erfolgreiche Geschichte von Siemens in Schweden begann, ist das Unternehmen auch heute technischer Vorreiter und ist ein verlässlicher Partner Schwedens auf seinem Weg in die Zukunft.

 

Dr. Ewald Blocher