Aufbruch nach Südafrika

Erste Siemens-Niederlassung in Südafrika

Vor mehr als 120 Jahren, am 6. April 1895, gründet Siemens die erste Auslandsgesellschaft in Südafrika. Erster Großauftrag ist der Ausbau der elektrischen Energieversorgung Johannesburgs und der umliegenden Goldminen – der Beginn einer prosperierenden Entwicklung.

Die ersten Geschäftsaktivitäten von Siemens in Südafrika gehen auf das Jahr 1860 zurück: Damals liefert die englische Niederlassung Siemens, Halske & Co. (ab 1865 Siemens Brothers) Telegrafenapparate für die erste elektrische Nachrichtenverbindung des Kontinents. Diese verläuft zwischen Kapstadt und dem britischen Flottenstützpunkt Simon’s Town. In den folgenden Jahrzehnten stattet das Elektrounternehmen mehrere Telegrafenämter aus, liefert Nachrichtenkabel und Telefone sowie Ausrüstung zur Erzeugung elektrischen Lichts. Vor Ort arbeitet man mit selbstständigen Vertretern zusammen. 1880 übernimmt G. A. Boettger in Kapstadt die Generalvertretung von Siemens Brothers. 

Goldrausch im Agrarland – erste Großaufträge

1886 wird am Witwatersrand in Transvaal das größte bekannte Goldvorkommen der Welt entdeckt. Diese Nachricht löst einen regelrechten Goldrausch aus, der im bis dato weitgehend agrarisch geprägten Südafrika eine beschleunigte industrielle Entwicklung in Gang setzt. Hiervon profitieren auch ausländische Unternehmen wie die Firma Siemens & Halske. So akquiriert das Berliner Stammhaus 1892 einen Großauftrag über den Bau des ersten Elektrizitätswerks in Kapstadt.

Fast gleichzeitig gelingt ein weiterer lukrativer Vertragsabschluss: Ab 1895 ist Siemens maßgeblich am Ausbau der elektrischen Energieversorgung Johannesburgs und der umliegenden Goldminen beteiligt. Die eigens zu diesem Zweck gegründete Rand Central Electric Works Ltd. mit Sitz in London beauftragt Siemens, nahe den Kohlenminen von Brakpan ein Drehstromkraftwerk zu errichten. Von hier aus soll der erzeugte Strom über Hochspannungsleitungen in die expandierende Goldgräberstadt sowie zu den verschiedenen Verbrauchern in den Goldminen übertragen werden. Das erste öffentliche Kraftwerk Südafrikas geht nach zwei Jahren Bauzeit Ende 1897 in Betrieb. 

Das Geschäft mit Energie floriert – die Siemens & Halske South African Agency, 1895

Der unternehmerische Erfolg bestärkt Siemens, die Geschäfte in Südafrika künftig systematischer anzugehen. Am 6. April 1895 gründet man gemeinsam mit der Firma R. Günzburg & Co. die Siemens & Halske South African Agency. Geschäftszweck des in Johannesburg ansässigen Unternehmens ist der „Verkauf der S&H-Fabrikationserzeugnisse sowie die Errichtung für Rechnung Dritter von elektrischen Licht- und Kraftübertragungs-, Telegraphen- und Telephon- Einzel- oder Centralanlagen“.

Der Ausbau der Goldminen sowie der Aufbau der Städte und Gemeinden am Witwatersrand lassen den Stromverbrauch in der Region rasch ansteigen. Entsprechend kann die S&H-Agency zahlreiche Aufträge abschließen, darunter die Errichtung von Beleuchtungsanlagen für weitere Goldminen und Johannesburger Vororte sowie für militärische Camps und Forts in Pretoria. 

Fuß fassen auch bei den Briten – die Siemens Limited Johannesburg, 1898

Die weitere Geschäftsentwicklung ist von schwierigen Rahmenbedingungen begleitet: Bereits seit Langem schwelen Spannungen zwischen der englischen Bevölkerung Südafrikas und den vornehmlich niederländischstämmigen Buren – beide Volksgruppen erheben Anspruch auf die politische Führung des Landes. In Auseinandersetzungen bekunden die im südlichen Afrika lebenden Deutschen wiederholt Sympathie für die Anliegen der Buren. Diese Haltung bringt geschäftliche Nachteile für deutsche Unternehmen mit sich, schließlich befinden sich zahlreiche Minen- und Bergbaugesellschaften in britischer Hand oder stehen unter englischem Einfluss. 

Mit dem Ziel, diesen Wettbewerbsnachteil auszugleichen und in den britisch dominierten Teilen des südlichen Afrika besser Fuß zu fassen, wandeln die Verantwortlichen die S&H-Agency Anfang August 1898 in die Siemens Limited Johannesburg um. Die Erwartung, als „Limited Company“ erfolgreicher arbeiten zu können, wird durch die weitere Entwicklung bestätigt. Siemens erlangt Liefer- und Installationsaufträge für Licht- und Kraftanlagen in Städten und Goldminen. Darüber hinaus stattet man Wasserwerke und Bahnhöfe mit Dynamomaschinen, Motoren, Wassermessern sowie Bogen- und Glühlampen aus. Es gibt allen Grund, positiv in die Zukunft zu blicken. Doch die politische Lage verschärft sich dramatisch

Zwischen Oktober 1899 und Mai 1902 entladen sich die britisch-burischen Spannungen in einem blutigen Krieg, der schließlich mit dem Sieg Großbritanniens und der Annexion aller von den Buren kontrollierten Territorien endet. Der Burenkrieg macht schlagartig alle Geschäfte und Expansionspläne von Siemens Südafrika zunichte. Die anti-deutsche Stimmung – nicht wenige Deutsche haben an der Seite der Buren gekämpft – weitet sich nun auf fast alle südafrikanischen Regionen aus. Für die Siemens Limited bricht eine herausfordernde Zeit an.

Nach dem Friedensschluss bessert sich die geschäftliche Lage nur allmählich; die ohnehin schwierige Situation wird zusätzlich durch strukturelle Probleme und ungeklärte Zuständigkeiten innerhalb des Gesamtunternehmens belastet. Schon seit Längerem stehen Siemens & Halske, Berlin, und Siemens Brothers, London, auf den internationalen Märkten in Konkurrenz zueinander. Auch für den südafrikanischen Markt existieren kein klaren Absprachen; beide Firmenteile engagieren sich sowohl im nachrichten- als auch im energietechnischen Geschäft. Obwohl Berlin der Londoner Schwesterfirma mit Blick auf die Geschehnisse im Rahmen des Burenkriegs den Vortritt gelassen hat und die südafrikanische Gesellschaft ab 1903 von London aus koordiniert wird, leidet das eigentlich lukrativere Energiegeschäft. 

Nur gemeinsam kann es weitergehen – klare Verantwortlichkeiten für die Zukunft

Erst 1908 wird auf Anregung der englischen und deutschen Siemens-Vertreter eine zentrale Überseeorganisation für Siemens & Halske, die Siemens-Schuckertwerke sowie die beiden englischen Tochtergesellschaften ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang verständigen sich die Siemens-Gesellschaften, künftig gemeinsame Vertretungen in Übersee zu unterhalten. Die einzelnen Vertriebsbüros und Niederlassungen werden direkt der neu gegründeten Centralverwaltung Übersee (CVU) unter Leitung Carl Friedrich von Siemens‘ unterstellt. Fortan zeichnen die in London ansässigen Exportabteilungen für das Geschäft am südafrikanischen Elektromarkt verantwortlich. Im Zuge dieser Neuorganisation des Überseegeschäfts gelingt es, die Siemens Limited zu stabilisieren.

Ab Juli 1910 werden sämtliche Aktivitäten vom ersten firmeneigenen Bürogebäude in Johannesburg aus koordiniert. Unterdessen normalisiert sich die Auftragslage: 1909 erhält Siemens den Zuschlag für die Erweiterung des Elektrizitätswerks in Kapstadt und liefert Transformatoren für das Kraftwerk in Rosherville. Am Ausbau der umliegenden Minen ist man mit der Lieferung von Schaltanlagen und Turbomotoren für ein Druckluftnetz beteiligt. Nach ereignisreichen Jahren gelingt, Siemens Südafrika auf ein solides Fundament zu stellen; die Gesellschaft sieht einer prosperierenden Zukunft entgegen.

 

 

Dr. Ewald Blocher

Das könnte Sie auch interessieren

Weiterführende Informationen zu dem Thema