Beharrlichkeit zahlt sich aus

Werner von Siemens und die Physikalisch-Technische Reichsanstalt

Am 20. März 1884 unterbreitet Werner von Siemens der deutschen Reichsregierung ein großzügiges Angebot: Er schlägt vor, dem Reich eine halbe Million Mark zu stiften, wenn dieses im Gegenzug die Gründung einer staatlich geförderten Einrichtung zur naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung unterstützt. Damit trägt der Unternehmer dazu bei, die Physikalisch-Technische Reichsanstalt (PTR) ins Leben zu rufen, die bis heute eine der wichtigsten Institutionen innerhalb der deutschen Forschungslandschaft ist. 

„Die Wissenschaft in die Technik hineintragen“ – die Zeit drängt

Es ist ein langer Weg, bis die Physikalisch-Technische Reichsanstalt im Oktober 1887 ihre Arbeit aufnehmen kann. Am Beginn der mehrjährigen Gründungsphase steht das Engagement führender deutscher Wissenschaftler und Unternehmer, die sich nachdrücklich für den Aufbau einer Institution zur naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung einsetzen. Werner von Siemens nimmt hierbei eine führende Rolle ein. Gemeinsam mit einer Reihe Gleichgesinnter treibt ihn die Sorge um, Deutschland könnte aus dem Kreis der führenden Industrienationen herausfallen, falls der Forschung weiterhin zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 

Schließlich existieren in jener Zeit weder an den Universitäten noch in der Industrie physikalische Institute zur Grundlagenforschung. Selbst bei Siemens & Halske beginnt man erst in den 1880er-Jahren, größere Forschungseinrichtungen aufzubauen. Werner von Siemens unterhält hingegen schon seit langem ein kleines privates Laboratorium, dass er sich bereits wenige Jahre nach der Firmengründung eingerichtet hat.

 

Der Firmengründer ist überzeugt, dass Wissenschaft und Technik nur im Zusammenspiel die Basis für ökonomische und politische Stärke legen können: „Die Wissenschaft in die Technik hineintragen“ ist sein Credo. Und der Unternehmer weiß, wovon er spricht. Schließlich haben nicht zuletzt seine Forschungen auf dem Gebiet der Telegrafie und der elektrischen Energieerzeugung Siemens & Halske zu einem weltweit führenden Elektrounternehmen gemacht.

Die internationale Konkurrenz wird größer – erste Initiativen zur deutschen Grundlagenforschung

So verwundert es nicht, dass sich der Unternehmer von Beginn an für die Etablierung einer staatlichen Forschungsinstitution engagiert. Obwohl erste Initiativen ab 1872 erfolglos bleiben, denken Werner von Siemens und seine Mitstreiter nicht daran, aufzugeben. Über Jahre fehlt es jedoch nicht nur am politischen Willen in Preußen, sondern auch an staatlichen Mitteln für eine entsprechende Einrichtung. 

 

Erst 1883 kommt erneut Bewegung in die Angelegenheit; Werner von Siemens entwickelt sich mehr und mehr zur treibenden Kraft unter den Initiatoren. Er formuliert mehrere Denkschriften an die preußische Regierung, in denen er darlegt, warum auf nationaler Ebene eine Institution zur Grundlagenforschung gegründet werden solle.

 

In diesem Zusammenhang spielt sicherlich eine Rolle, dass Frankreich und England ihrerseits beginnen, staatliche Forschungseinrichtungen aufzubauen – und Deutschland dieser Entwicklung nicht hinterherhinken will.

 

Entscheidend aber ist der Entschluss Werner von Siemens’, dem preußischen Staat für das geplante Institut 12.000 Quadratmeter seines privaten Grundbesitzes in Berlin-Charlottenburg als Baugrund zu stiften. Darüber hinaus bietet er an, 300.000 Mark aus dem Erbe seines Ende 1883 verstorbenen Bruders William zur Verfügung zu stellen.

 Unterstützung durch Otto von Bismarck – der Durchbruch ist geschafft

Wendepunkt ist schließlich der 20. März 1884, als Werner von Siemens sein Angebot im Gegenwert von einer halben Million Mark erneut formuliert. Da die preußischen Behörden trotz seiner großzügigen Offerte weiterhin Zurückhaltung zeigten, wendet er sich dieses Mal an die Regierung des Deutschen Reichs.

 

In diesem Zusammenhang betont er die besondere Verantwortung der Nation gegenüber den einzelnen Ländern, denn nur über die bundesstaatlichen Grenzen hinweg lasse sich „eine Förderung der materiellen Interessen des Landes“ erzielen, so der Unternehmer. Damit gewinnt von Siemens schließlich die Unterstützung des Reichskanzlers Otto von Bismarck.

 

Auch wenn weitere drei Jahre vergehen, in deren Verlauf unter anderem parteipolitische Hürden genommen werden müssen, bedeutet dies den entscheidenden Durchbruch für die Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt. Mit unermüdlichem Engagement und zahlreichen Vorstößen hat Werner von Siemens hierfür einen zentralen Beitrag geleistet.

 

Im März 1887 bewilligt der Reichstag einen Etat in Höhe von 700.000 Mark für die Etablierung der ersten staatlichen Einrichtung zur Grundlagenforschung auf deutschem Boden. Damit ist eine Institution geschaffen, die bis heute – seit 1950 als Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) – eine der tragenden Säulen naturwissenschaftlicher Forschung in Deutschland ist.

Dr. Ewald Blocher

Das könnte Sie auch interessieren

Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • David Cahan: Werner Siemens and the Origin of the Physikalisch-Technische Reichsanstalt, 1872–1887, in: Historical Studies in the Physical Sciences 12, 2 (1982), S. 253–283 (nur in englischer Sprache verfügbar)
  • Rudolf Huebener / Heinz Lübbig: Die Physikalisch-Technische Reichsanstalt. Ihre Bedeutung beim Aufbau der modernen Physik, Wiesbaden 2011
  • Wolfgang Schreier: Werner von Siemens und die Physikalisch-Technische Reichsanstalt, in: Dieter Hoffmann / Wolfgang Schreier (Hg.): Werner von Siemens (1816–1892). Studien zu Leben und Werk, Braunschweig 1995, S. 35–49