„Einigkeit macht stark“

100 Jahre ZVEI – Wir gratulieren!

Carl Friedrich von Siemens und die Gründung des Zentralverbands der deutschen elektrotechnischen Industrie

Vor 100 Jahren, am 5. März 1918, wird in Berlin der Zentralverband der deutschen elektrotechnischen Industrie (ZVEI) gegründet. Seitdem vertritt der Verein, der heute den Namen Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie trägt, die wirtschafts- und technologiepolitischen Interessen der Branche. Doch was hat das mit Siemens zu tun? Diese Frage zu beantworten, bedeutet auf die Rolle des damaligen „Chefs des Hauses“ Carl Friedrich von Siemens einzugehen – und das lohnt sich. 

Kriegsausschuss der deutschen elektrotechnischen Industrie gegründet: Elektrotechnik erstmals an einem Tisch

Bereits kurz nach Kriegsbeginn gründen der Centralverband der deutschen Industriellen (CDI) und der Bund der Industriellen (BdI) im August 1914 den sogenannten Kriegsausschuss der deutschen Industrie, um dem Militär und neuen dirigistischen Behörden wie der Kriegsrohstoffabteilung geschlossen gegenübertreten zu können. Doch der Vorstand des Kriegsausschusses wird vornehmlich von den Interessen der Schwerindustrie geprägt, die Elektroindustrie hat hier praktisch keinen Einfluss und wird dementsprechend benachteiligt.

Nun tritt Carl Friedrich von Siemens auf den Plan. Er macht sich angesichts dieser Entwicklungen dafür stark, innerhalb der deutschen Elektrobranche ein entsprechendes Pendant zu bilden. Und es gelingt ihm. Mit großem Verhandlungsgeschick bringt er die zerstrittenen Verbände im Februar 1916 an einen Tisch; gemeinsam gründet man den Kriegsausschuss der deutschen elektrotechnischen Industrie. Dank dieses Gremiums zieht der Industriezweig bei der Sicherstellung des Rohstoffbedarfs, der Rohstoffverteilung, der Auftragslenkung sowie der Preispolitik gegenüber den staatlichen Behörden erstmals an einem Strang.

Vorsitzender des Ausschusses wird Carl Friedrich von Siemens selbst – und er ist fest entschlossen, die neu gewonnene Macht zu nutzen und den Ausschuss zu einem schlagkräftigen Branchenverband weiterzuentwickeln. Doch die Praxis zeigt erneut, dass diese Bestrebungen alles andere als einfach zu erreichen sind. Die Interessen der Groß-und Spezialfirmen, vor allem in Fragen des Innen- und Außenhandels, liegen nach wie vor zu weit auseinander.  „Beschämt über den mangelnden Geist“ innerhalb der deutschen Elektroindustrie kritisiert Carl Friedrich von Siemens im Oktober 1917 deren Orientierung am kurzfristigen Gewinn.

Über den Groschen, den man durch Sonderpolitik zu gewinnen erhofft, sieht man den Taler nicht, der einem dadurch verloren geht.

„Einigkeit macht stark“: endlich auf gemeinsamem Kurs

Überzeugt, dass Einigkeit stark macht, setzt sich Carl Friedrich von Siemens dennoch auch weiterhin dafür ein, die einzelnen Verbände zu einer Einigung zu bewegen. Schließlich wird innerhalb des Kriegsausschusses im Dezember 1917 unter seinem Vorsitz eine Kommission gebildet, die eine Satzung für den geplanten Branchenverband ausarbeiten soll. Drei Monate später, am 5. März 1918, hat Siemens dann sein Ziel erreicht: Im Rahmen einer Mitgliedssitzung des Kriegsausschusses der deutschen elektrotechnischen Industrie im Berliner Hotel Bristol verständigen sich insgesamt zehn Industrielle auf die Errichtung eines „Zentralverbands“. Dank seines Engagements ist zusammengekommen, was zusammengehört.

Die Gründung vollzieht sich unspektakulär, per Unterschrift und anschließender Eintragung ins Vereinsregister. Zusätzlich zu Carl Friedrich von Siemens unterzeichnen drei weitere Konzernvertreter das Gründungsdokument; sechs der zehn Unterzeichner repräsentieren Unternehmen der Berliner Elektroindustrie. Erster Vorsitzender des ZVEI wird Carl Friedrich von Siemens.

Bereits ein Jahr nach seiner Gründung repräsentieren die Mitgliedsfirmen 95 Prozent aller Arbeiter und Angestellten der deutschen Elektroindustrie. In den folgenden 14 Jahren, der Zeit der Weimarer Republik, zeichnet sich der ZVEI durch personelle Kontinuität an der Spitze aus. Gemeinsam mit dem 1919 berufenen Hauptgeschäftsführer Hans von Raumer leitet Carl Friedrich von Siemens den Verband bis zum November 1933. In der Zeit des Nationalsozialismus wird der ZVEI in eine ständische Organisation überführt.

Erst am 24. Februar 1949 kann der Verband unter seinem alten Namen in Frankfurt am Main neu gegründet werden und zu alter Stärke zurückkehren.

Am 5. März 2018 feiert der ZVEI nun sein 100-jähriges Bestehen. 1918 maßgeblich durch das Engagement von Carl Friedrich von Siemens gegründet, entwickelt sich der Verband zu der wirtschafts-und technologiepolitischen Vertretung der deutschen Elektroindustrie – eine bewegte Geschichte in einem Jahrhundert der Extreme.

 

 

Christopher Heise

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