In Zeiten von E-Mail, SMS und Twitter ist es kaum vorstellbar, dass die schnelle und zuverlässige Übertragung von Nachrichten eine der zentralen Fragen des 19. Jahrhunderts ist. Werner von Siemens erkennt diese Herausforderung und konzentriert seine technischen Versuche und Studien ab Mitte der 1840er-Jahre auf die elektrische Telegrafie. Mit der Konstruktion seines Zeigertelegrafen legt er den Grundstein für die Unternehmensgründung vor mehr als 170 Jahren. 

Am Anfang war die Idee

Ich bin […] jetzt ziemlich entschlossen, mir eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden.

Werner von Siemens an seinen Bruder William, 1846

Grundlage dieser Laufbahn sind die Verbesserungen, die er zuvor an dem elektrischen Zeigertelegrafen des Briten Charles Wheatstone vorgenommen hat.

Der Siemens’sche Zeigertelegraf ist den bisherigen Apparaten dieser Art überlegen, weil er nicht mehr ähnlich einem Uhrwerk arbeitet, sondern einen selbsttätig gesteuerten Synchronlauf zwischen Sender und Empfänger aufweist – eine völlig neue Lösung der elektrischen Nachrichtenübertragung.

Gemeinsam verfolgen sie ein Ziel

Da Halske anfänglich Zweifel hegte, ob mein Apparat auch funktionieren würde, so stellte ich mir selbst aus Zigarrenkisten, Weißblech, einigen Eisenstückchen und etwas isoliertem Kupferdraht ein paar selbsttätige Telegraphen her, die mit voller Sicherheit zusammengingen und standen.

Werner von Siemens, Lebenserinnerungen

Mit dem Bau des Zeigertelegrafen beauftragt der 30-jährige Erfinder den Universitätsmechaniker Johann Georg Halske, den er aus der Physikalischen Gesellschaft, einer Vereinigung ambitionierter junger Wissenschaftler, kennt. Halske fertigt im Auftrag vieler renommierter Naturwissenschaftler der damaligen Zeit Versuchsanordnungen sowie Prototypen feinmechanischer, physikalischer, optischer und chemischer Erfindungen.

Werner von Siemens gelingt es, den anfangs eher skeptischen Handwerker vom Potenzial seiner technischen Projekte zu überzeugen: Nach sorgfältiger Kalkulation des zu erwartenden Auftragsvolumens ist Halske von den visionären Ideen des jungen Offiziers so begeistert, dass er im Herbst 1847 seinen bisherigen Betrieb aufgibt und das Risiko einer gemeinsamen Firmengründung eingeht. Da die einzelnen Telegrafen in Handarbeit produziert werden, erübrigt sich die Anschaffung größerer Maschinen – entsprechend gering ist der Kapitalbedarf der Unternehmensgründer, die beide wenig Geld besitzen.

Stattdessen bringt Halske sein „constructives Talent“ und Werner von Siemens sein Netzwerk und seine technischen Innovationen in die Firma ein. Das Startkapital in Höhe von 6.842 Talern stammt von Werners Vetter und Vater des späteren Mitbegründers der Deutschen Bank, dem Justizrat Johann Georg Siemens.

Der Start – Die Gründung des Unternehmens

Viel Talent, wenig Geld, hohes Risiko

Am 1. Oktober 1847, dem offiziellen Gründungstag, unterzeichnen Werner von Siemens, Johann Georg Halske und Johann Georg Siemens einen Gesellschaftsvertrag. Knapp zwei Wochen nach Vertragsunterzeichnung nimmt die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ am 12. Oktober 1847 in einem Berliner Hinterhaus den Betrieb auf. Seit 1872 wird dieser Tag als Gründungstag gefeiert. Der Überlieferung zufolge schwächt die Geburt des dritten und jüngsten Sohnes des Firmengründers, Carl Friedrich von Siemens, am 5. September 1872 seine Mutter so sehr, dass sie sich außerstande sieht, an den Feierlichkeiten zum 25. Firmenjubiläum teilzunehmen. Mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand wird das Fest kurzerhand verlegt. Seitdem wird der Firmengründung traditionell am 12. und nicht am 1. Oktober gedacht.

Innerhalb weniger Jahre expandiert der Zehn-Mann-Betrieb zu einem international operierenden Elektrounternehmen. Gemäß Werner von Siemens’ Vision vom „Weltgeschäft à la Fugger“ unterhält Siemens & Halske zunehmend Niederlassungen im europäischen Ausland. Die erfolgreiche Durchführung technisch anspruchsvoller und unternehmerisch äußerst risikoreicher Großprojekte wie der Bau der Indo-Europäischen Telegrafenlinie oder die Verlegung des ersten direkten Transatlantik-Telegrafenkabels bringt der Telegraphen-Bauanstalt internationale Anerkennung. Als Werner von Siemens 1892 stirbt, setzt seine Firma fast 20 Millionen Mark um; weltweit beschäftigt das Haus Siemens 6.500 Personen, davon 1.725 im Ausland. 

 

 

 

Sabine Dittler

Auf dem Weg zum Weltunternehmen

Eine Auswahl wichtiger Meilensteine aus den ersten Jahrzehnten der Siemens-Geschichte