Im Jahr 1847

Gründung eines Unternehmens, das Geschichte schreibt

Seit dem Sommer 1846 beschäftigt sich der Offizier der Artillerie Werner von Siemens intensiv mit der kabelgebundenen Nachrichtenübertragung. Im Ergebnis dessen entwickelt er ein in mechanischer Hinsicht deutlich verbessertes Modell eines Zeigertelegrafen und schafft damit eine wesentliche Voraussetzung für die Gründung jener feinmechanischen Werkstatt, die im Oktober 1847 in einem Berliner Hinterhaus den Betrieb aufnimmt – die Keimzelle der heutigen Siemens AG.   

Mit Erfindungsreichtum gesegnet – Der Artillerieoffizier Werner von Siemens

Nach dem Abschluss seiner Ausbildung zum Offizier im Jahre 1838 ist Werner von Siemens verpflichtet, mindestens sechs Jahre lang in der preußischen Armee zu dienen, wobei er seit 1. Oktober 1842 seinen Dienst in der Königlichen Artilleriewerkstatt in Berlin versieht.

 

In der Freizeit widmet er sich zunächst  seinen „Erfindungsspekulationen“ – die Palette reicht von der Konstruktion eines Regulators für Dampfmaschinen und die Herstellung eines Verfahrens von künstlichen Steinen bis hin zu Experimenten mit Schießbaumwolle –, bevor er sich ab Sommer 1846 eingehend mit der Konstruktion und Funktionsweise elektrischer Telegrafen befasst. Ein halbes Jahr später ist er fest entschlossen, sich „eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden, sei es bei oder außer dem Militär“.

Der von ihm konstruierte Zeigertelegraf wird zwischen Januar und Juni 1847 in der Werkstatt der Präzisionsmechaniker Johann Georg Halske und Friedrich M. Bötticher gebaut und Anfang Juli auf der oberirdischen Versuchslinie Berlin – Potsdam im Beisein von Vertretern der Telegrafenkommission des preußischen Generalstabs erfolgreich getestet:

Mein Princip hat sich glänzend bewährt und ich hoffe jetzt sicher, dass es mit der Zeit alle anderen schlagen wird.
Werner von Siemens, 1847

Von finanziellen Nöten geplagt – Der Bruder und Vormund Werner von Siemens

Dass Werner von Siemens 1844 darauf verzichtet, seinen Abschied von der preußischen Artillerie einzureichen, hat in erster Linie finanzielle Gründe, denn mit seinem Offizierseinkommen bestreitet er nicht nur seinen eigenen Lebensunterhalt. Nach dem frühen Tod der Eltern übernimmt er – ab 1845 auch als Vormund – die Verantwortung für seine jüngeren Brüder Carl, Walter und Friedrich: Seit 1843 lebt Carl mit ihm unter einem Dach, 1844 kommt Walter hinzu, ein Jahr später folgt Friedrich. Werner von Siemens trägt alle laufenden Ausgaben der Brüder und finanziert deren Ausbildung beziehungsweise Unterricht. Da er weder auf Ersparnisse zurückgreifen noch dauerhaft nennenswerte Gewinne aus seinen „Erfindungsspekulationen“ ziehen kann, spitzt sich seine finanzielle Situation weiter zu. Er komme, wie er seinem in London lebenden Bruder William Anfang August 1847 mitteilen muss, hauptsächlich aus Geldmangel nicht recht vorwärts.   

Eine Idee nimmt Gestalt an – Vorbereitung der Unternehmensgründung

Anfang August nimmt Werner von Siemens das Angebot an, zur Telegrafenkommission des Generalstabs kommandiert zu werden. Seine angespannte finanzielle Lage bessert sich dadurch nicht, doch er kann sich in stärkerem Maße als vorher um die Vermarktung seines Zeigertelegrafen kümmern und erfährt aus erster Hand, welche Telegrafenlinien die Kommission perspektivisch plant. Im Verlauf desselben Monats beschließen Werner von Siemens und Johann Georg Halske, eine Maschinenbauanstalt zur Fertigung von Telegrafen, Läutewerken für Eisenbahnen und Drahtisolierungen mit Guttapercha einzurichten, die bereits rund sechs Wochen später den Betrieb aufnehmen soll. Die Wettbewerbsbedingungen sind exzellent:

Es fehlt eine solche Anstalt bisher gänzlich, wir sind daher ohne Concurrenz und ausserdem durch […] meinen schon ziemlich bedeutenden Einfluss geschützt.
Werner von Siemens, 1847

Einigkeit besteht zwischen beiden Männern auch in arbeitsteiliger Hinsicht: Johann Georg Halske, der bereits aus der zusammen mit Friedrich M. Bötticher geleiteten Präzisionswerkstatt ausgeschieden ist und damit seine vergleichsweise gesicherte Existenz gegen eine ungewisse Zukunft aufgibt, übernimmt die Leitung der Werkstatt, in die Zuständigkeit von Werner von Siemens fallen Vertragsverhandlungen und die Planung der Telegrafenlinien. Das erste Projekt, die Verlegung einer unterirdischen Telegrafenlinie auf der Versuchsstrecke Berlin – Köthen im Auftrag der Telegrafenkommission, plant er zu diesem Zeitpunkt bereits. 

 

Die Suche nach passenden Räumlichkeiten für die Maschinenbauanstalt ist zeitintensiv, aber erfolgreich: In der Schöneberger Straße 19, die sich in unmittelbarer Nähe des Anhalter Bahnhofs befindet, werden im September zwei Wohnungen gemietet – eine für Werner von Siemens, eine für Johann Georg Halske und seine Familie – sowie eine Werkstatt, deren Fläche 300 Quadratmeter beträgt. Für die Grundausstattung der Werkstatt wie beispielsweise Bearbeitungsmaschinen sind circa 5.000 bis 10.000 Taler veranschlagt.

 

Da weder Werner von Siemens noch Johann Georg Halske über entsprechende Rücklagen verfügen und Werner zu diesem Zeitpunkt rund 2.000 Taler Schulden hat, ist finanzielle Unterstützung von außen zwingend erforderlich, um die Unternehmensgründung auf den Weg zu bringen. Als Retter in der finanziellen Not erweist sich der Justizrat Johann Georg Siemens, ein in Berlin lebender Cousin von Werner, der ein Darlehen von 10.000 Taler bei gleichzeitiger Gewinnbeteiligung von 20 Prozent verspricht. 

Gelungener Auftakt – Die Unternehmensgründung wird aktenkundig

Anfang Oktober scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen: Am 1. Oktober erfolgt die Gründung des neuen Unternehmens durch einen Gesellschaftervertrag zwischen Werner von Siemens, Johann Georg Halske und Johann Georg Siemens, am 2. oder 3. Oktober bezieht Werner von Siemens seine Wohnung in der Schöneberger Straße, und am 7. Oktober erhält er das seit fünf Monaten sehnsüchtig erwartete Patent „auf eine neue Art elektrischer Zeigertelegraphen und eine damit verbundene Vorrichtung zum Drucken von Depeschen“.

 

Am 9. Oktober wird die mechanische Werkstatt als gewerblicher Betrieb beim Königlichen Gewerbe-Steueramt angemeldet, die laut Auskunft von Werner von Siemens drei Tage später – also am 12. Oktober – den Betrieb aufnimmt.

 

Da Werner von Siemens nach wie vor seinen Dienst als Offizier versieht, der ein gleichzeitiges Engagement als Unternehmer ausschließt, kann nach außen lediglich Johann Georg Halske als Eigentümer und persönlich haftender Gesellschafter auftreten. Die Werkstatt trägt deswegen zunächst auch nur Halskes Namen. 

Allmählich auf der Erfolgsspur – Die ersten Arbeitswochen des jungen Unternehmens

Dem fulminanten Monatsauftakt folgen Wochen, in denen sich Werner von Siemens in Geduld üben muss: Die unterirdische Verlegung des Telegrafenkabels auf dem Teilstück der Versuchsstrecke Berlin – Köthen zieht sich hin – von der knapp zwei Kilometer langen Linie sind am 6. November erst 400 Meter gelegt –, und auch in der Werkstatt geht es nur langsam voran, weil sich die Lieferung der bestellten Bearbeitungsmaschinen um mehrere Wochen verzögert. Dennoch ist er optimistisch: 

Ich zweifle nicht, dass ich siegen und dadurch die telegraphischen Angelegenheiten in Preussen ganz in die Hände bekommen werde.
Werner von Siemens, 1847 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Claudia Salchow

Am 3. Dezember kann Werner von Siemens seinem Bruder William vermelden, dass die Werkstatt in rund zwei Wochen zwei Telegrafen, zwei Läuterwerke mit neuer Konstruktion für Eisenbahnwärterbuden, mehrere Untersuchungsinstrumente und eine Maschine zum Isolieren der Kupferdrähte mit Guttapercha fertigstellen wird. Am 4. Dezember meldet Johann Georg Halske „seinen“ selbständigen Gewerbebetrieb beim Berliner Polizeipräsidium an. 

 

Mit Blick auf die Entwicklung des Geschäfts hat Werner von Siemens im letzten Brief des Jahres an seinen Bruder William durchaus Positives zu vermelden: Zum einen funktionieren die Telegrafen und Läutwerke auf dem Teilstück der Versuchsstrecke Berlin – Köthen „schön und sicher“, sodass er hofft, die Telegrafen „binnen Kurzem zu einem historischen Ereignis zu machen“. Zum anderen ist die Werkstatt mit inzwischen zehn Arbeitern voll besetzt. Zu schaffen macht ihm allerdings noch immer die Geldnot, die in seiner Privatkasse groß ist, wie er beklagt. Worauf er perspektivisch seinen Erfindergeist lenken wird, zeichnet sich jedoch bereits ab: 

Der Electro-Magnetismus ist noch ein wissenschaftlich und technisch namentlich ganz unbebautes Feld und einer ungemeinen Ausdehnung fähig. Mit Halske im Bunde, fühle ich mich gerade berufen, ihn zu Ehren zu bringen.
Werner von Siemens, 1847

Die „Werkstatt Halske“ firmiert übrigens erst ab 1851 unter der Bezeichnung „Telegraphen-Bauanstalt Siemens & Halske“.