Der Siemens-Architekt

Hans Hertlein, ein Schöpfer bleibender Werte.

Mit dem Namen »Siemens« verbindet man nicht nur technologische Höchstleistungen auf den Gebieten Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung, sondern auch eindrucksvolle Fabrikbauten, repräsentative Verwaltungsgebäude und ansprechende Wohnsiedlungen für Mitarbeiter. Sie werden noch immer genutzt und tragen bis heute zur Wahrnehmung und Außenwirkung des Konzerns bei. Für diese architektonischen Glanzleistungen zeichnet besonders ein Mann verantwortlich: Hans Hertlein. 

Hans Hertlein, geboren am 2. Juli 1881 in Regensburg, studiert Architektur in München, Dresden und Berlin. Er arbeitet zunächst in verschiedenen Bauämtern und tritt 1909 als Regierungs-Baumeister in die bayerische Generaldirektion der Berg-, Hütten- und Salzwerke ein. 1912 reicht Hertlein in einem Architektenwettbewerb für das Großkraftwerk Franken einen Entwurf ein. Die Zeichnungen werden Carl Friedrich von Siemens vorgelegt – ein glücklicher Umstand, denn Carl Friedrich, seit 1912 Vorstandsvorsitzender der Siemens-Schuckertwerke, ist die Neuausrichtung der Architekturpolitik des Unternehmens eine Herzensangelegenheit. Schon zu lange steht das Unternehmen in diesem Bereich hinter dem Wettbewerb, insbesondere der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) zurück. Deshalb sollen auch die Entwürfe für die geplante neue Hauptverwaltung im eigenen Haus entstehen und perfekt auf die Bedürfnisse des Unternehmens abgestimmt sein. Diese Aufgabe wird Hans Hertlein übertragen. 

Neue Leitung, neuer Stil – Hertlein übernimmt die Bauabteilung von Siemens

Mit Eintritt in die Bauabteilung von Siemens bricht Hertlein mit der Tradition der bislang dominierenden historisierenden Fassaden. Vor allem die erste Generation der Siemens-Bauten aus den Jahren 1898 und 1899 lehnt er vehement ab. Er entwickelt seinen eigenen Baustil der Moderne, der ihn über viele Jahre zum prägenden Siemens-Architekten macht. Für ihn ist besonders für die Gestaltung im Industriebau »Ehrlichkeit« entscheidend: In der äußeren Erscheinung eines Fabrikgebäudes soll sich die Logik der Produktion widerspiegeln und in funktionale Grundrisse, klare Gebäudekörper und eine materialgerechte Konstruktion übersetzt werden. Diese Architektursprache wird in den Entwürfen Hertleins für die »Siemensstadt« und das »Wernerwerk« umgesetzt. Und auch die Sozialpolitik des Unternehmens setzt Hertlein baulich um und ruft ein langfristig angelegtes Bauprojekt mit Belegschaftswohnungen, Erholungsheimen und Freizeiteinrichtungen ins Leben, das die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen zum Ausdruck bringen soll. 

Hertleins Meisterstück: das Schaltwerk-Hochhaus – Europas erstes Fabrikhochhaus

Das erste Großprojekt für die Siemens-Schuckertwerke wird zu Hertleins größtem Erfolg. Um die Herstellung von Schaltgeräten in der Siemensstadt zu konzentrieren, entsteht zwischen den Produktionshallen und der Hauptverwaltung mit zehn Geschossen das erste Fabrikhochhaus Europas – eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Entscheidung, denn erstmals wird in einem Industriebau »übereinander« gearbeitet. Das Schaltwerk-Hochhaus wird zum neuen Bautyp, der die Wirtschaftskraft und den Aufbruch in neue Zeiten verkörpert. Es sorgt für Aufsehen und Bewunderung in Fachkreisen und katapultiert Hans Hertlein in die erste Reihe der mit Industriebauten befassten Architekten. Selten hat der Vorstand einer Bauabteilung eine derartige Würdigung erfahren.

 

Dieser Ruhm bringt Hertlein viele Auszeichnungen ein – und das nicht nur in Deutschland. Denn längst baut er auch international für den Konzern, beispielsweise die sogenannten Siemens-Häuser in verschiedenen Ländern Europas und Südamerikas, deren bekanntestes das weiße Siemens-Haus in Buenos Aires ist.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg und Abschied von Siemens

Während des Kriegs müssen Fabriken erweitert und zur Entlastung der Siemensstadt »Aussiedlungswerke« eingerichtet werden, und schließlich zieht Siemens & Halske mit seiner Zentrale nach München um. Dann, in der Nachkriegszeit, erkennt Hertlein die Notwendigkeit und die Chance, mit den Neubauten in Süddeutschland eine Brücke in die Berliner Jahre zu schlagen und zugleich die alten und neuen Standorte miteinander zu verbinden. Das 1948 begonnene Verwaltungsgebäude in Erlangen beispielsweise richtet Hertlein am Wernerwerk-Hochbau in der Siemensstadt aus. Es wird von den Beschäftigten und der Erlanger Bevölkerung etwas despektierlich als »Himbeerpalast« bezeichnet – avanciert aber über die Jahrzehnte zu einem echten Wahrzeichen der Stadt.

 

Am 31. März 1951 wird Hans Hertlein pensioniert, ein verlängerter Mitarbeitervertrag läuft zum 31. März 1956 aus. Am 14. Juni 1963 stirbt er in einer Kurklinik am Bodensee – ein großer Architekt, der durch seinen außergewöhnlichen Baustil zum sichtbaren Erfolg von Siemens beigetragen hat. Ein Großteil der nach seinen Plänen errichteten Gebäude wird – zeitgemäß modernisiert – weiterhin genutzt und prägt bis heute die Wahrnehmung und Außenwirkung des Konzerns.

 

Dr. Johannes von Karczewski

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