Gebäudekomplex mit Zukunft

Das Dynamowerk 

Ihre kleinsten Ausführungen sorgen für die Beleuchtung am Fahrrad, ihre größten Ausführungen dienen in Kraftwerken der Stromerzeugung. Das Grundprinzip ist in beiden Fällen dasselbe: Mechanische Energie wird durch einen Dynamo bzw. einen Generator in elektrische Energie umgewandelt. Siemens-Dynamos bzw. Siemens-Generatoren sind allerdings von vornherein ausschließlich für industrielle Anwendungen sowie den Einsatz in Kraftwerken bestimmt. Für die Herstellung dieses Erzeugnisses baut das Unternehmen in Siemensstadt eine spezielle Fabrik: das Dynamowerk. 

Die Anfänge – ein neues Werk für ein bekanntes Produkt

1906 entschließt sich das Unternehmen, den zu diesem Zeitpunkt im Charlottenburger Werk beheimateten Bau von Gleichstrommaschinen für Kraftwerke an den Nonnendamm zu verlegen. Unter der Leitung von Karl Janisch wird dafür ein Gebäudekomplex aus einem Hallenbau mit vorgelagertem Stockwerksbau errichtet. Da von Anfang an Erweiterungsmöglichkeiten mitgeplant werden, sind die jeweiligen Seitenwände nur als Provisorium ausgeführt. Bereits Ende 1906 kann das neue Werk seinen Betrieb aufnehmen. Als offizieller Gründungstag gilt der 17. Januar 1907, obwohl die formelle Rohbauabnahme erst am 03. Juli 1907 stattfindet.

 

Bereits ab 1908 beginnt man – nunmehr unter der Leitung von Carl Dihlmann – mit dem Ausbau des Werkes. Als 1909 die zweite Ausbaustufe beendet ist, beginnt der Umzug des gesamten Großmaschinenbaus der Starkstromtechnik aus dem Charlottenburger Werk in die neuen Fabrikhallen. Mit 45.000 Quadratmetern ist die Produktionsfläche mehr als verdoppelt worden. Neben der Fertigung der großen elektrischen Maschinen finden zahlreiche kleinere Werkstätten ihren Platz, darunter zum Beispiel die Wickelei oder das Bau- und Betriebsbüro. Die Verwaltung des Werkes ist in dieser Zeit im Westflügel des gegenüberliegenden Verwaltungsgebäudes untergebracht. Produktion und Verwaltung sind über einen Personentunnel unter dem Nonnendamm verbunden. Das Fertigungsprogramm umfasst unter anderem Wasserkraftgeneratoren, Turbogeneratoren für Gleich- und Wechselstrom sowie den Bau von Motoren für Förderanlagen.

Neue Ausrichtung – Abschied von der Serienfertigung, Konzentration auf die Entwicklungsfertigung

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg verändern zwei Entwicklungen die Anforderungen an das Dynamowerk; als Konsequenz wird das Werk weiter ausgebaut. 1911 arbeiten an dem Standort, der inzwischen zum Hauptentwicklungswerk für die Starkstromtechnik des Siemens-Konzerns geworden ist, fast 3.000 Menschen.

 

Alle rechnerischen und konstruktiven Unterlagen für die in- und ausländischen Tochterwerke werden hier erstellt, und man konzentriert sich nunmehr ganz auf die Entwicklungsfertigung. Serienfertigungen werden an andere Werke verlagert. In diesem Zusammenhang ist es erforderlich, eine eigene Lokomotivenmontage einzurichten, um die elektrische Ausrüstung dieser Fahrzeuge vor Ort testen zu können. Zu diesem Zweck wird eine zusätzliche Halle gebaut, die nach Süden hin erweiterbar ist.        

Überleben in schwierigen Zeiten – Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs vermindert sich die Belegschaft durch Einberufungen drastisch. Auch muss das Fertigungsprogramm im Verlauf des Krieges immer stärker auf Kriegsproduktion wie Granaten und Munition umgestellt werden. Darüber hinaus beginnt man ab Oktober 1914 mit einer eigenen Herstellung von Flugzeugen in den Räumen des Werkes. Mit Kriegsende 1918 wird Fertigungsprogramm auf Friedenswirtschaft umgestellt. In den 1920er-Jahren kann das Werk an die Erfolge vor dem Krieg anknüpfen und erweitert den Standort infolgedessen um neue Gebäude und Einrichtungen.

 

Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise verschlechtert sich die Lage des Dynamowerks zusehends. Die Produktionsziffern sinken, 1932/33 erreicht die Belegschaftsstärke mit weniger als 2.000 Mitarbeitern ihren Tiefstand zwischen den beiden Weltkriegen. Nach 1933 verbessert sich die Beschäftigungslage langsam; aus dem Ausland kommen vor allem Bestellungen für Wasserkraftgeneratoren, während das Inland in erster Linie Gleichstrom-, Synchron- und Asynchron-Maschinen nachfragt. Kurz vor dem Krieg zeichnet sich ein Trend zu Größtmaschinen ab, die oftmals in Einzelfertigung gebaut werden müssen. Zu diesem Zweck wird das Werk abermals vergrößert.

 

Obwohl das Dynamowerk im Februar 1944 bei einem Bombenangriff erheblich zerstört wird, ermöglichen notdürftige Instandsetzungsarbeiten die Aufrechterhaltung der Fertigung. Die Überreste der Fabrik werden im Frühjahr 1945 von der Sowjetarmee demontiert.

Wechselnde Nachfrage – die Zeiten bleiben angespannt

Bald nach Abschluss der Aufräumarbeiten läuft die Produktion wieder an. Zunächst mit einem umfangreichen Notfertigungsprogramm, das von Ausbesserungen an Nahverkehrszügen und Reparaturen elektrischer Maschinen aller Art über Handdynamos bis hin zur Herstellung von Kochtöpfen und Gartengeräten reicht. In den 1950er-Jahren wird der Wiederaufbau abgeschlossen; man kehrt zur ursprünglichen Fertigung zurück. 1957 ist die Belegschaft auf 3.800 Mitarbeiter angestiegen.

 

Bis 1990 wechseln Phasen der Vollbeschäftigung mit Phasen der Nachfrageschwäche, in den 1980er-Jahren arbeiten rund 1.500 Menschen im Werk, derzeit sind es rund 750. Seit den 1990er-Jahren sind es unter anderem die im Dynamowerk hergestellten Propellermotoren für Kreuzfahrtschiffe der Reederei P&O Cruises und die diesel-elektrischen Antriebe für Kreuzfahrtschiffe der AIDA Cruises, die für Schlagzeilen sorgen. Zu den herausragenden technischen Innovationen des Dynamowerks der jüngsten Vergangenheit gehört die Entwicklung der Magnetlagertechnik SIMONICS.

Neues Arbeiten in historischem Umfeld – Eröffnung des A32 Entrepreneurs Forum Berlin Siemensstadt 

Am 22. März 2019 wird auf dem Gelände des Dynamowerks das A32 Entrepreneurs Forum Berlin Siemensstadt eröffnet, das sowohl Siemens-Mitarbeitern als auch Startups die Möglichkeit agilen Arbeitens bietet. A32 – das ist die Bezeichnung der einstigen Lagerhalle des Dynamowerks, die als „Work- and Eventspace“ den Mittelpunkt des Entrepreneurs Forum Berlin bildet.  

Das A32 zeigt eindrucksvoll, dass wir […] über den sprichwörtlichen Tellerrand hinausdenken, denn hier soll ein Stadtteil der Zukunft entstehen, der Produktion, Forschung, Lernen, Arbeiten, Wohnen und Leben beispielhaft integriert.
Cedrik Neike, 2019

Dr. Florian Kiuntke | Dr. Claudia Salchow

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • Wolfgang Ribbe / Wolfgang Schäche: Die Siemensstadt. Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985