Die Elektrifizierung Norwegens

Siemens ist seit 120 Jahren ein verlässlicher Partner des Landes

Im Dezember 1898 gründet Siemens seine erste Gesellschaft in Norwegen. Es ist der Beginn einer bis heute anhaltenden erfolgreichen Technologiepartnerschaft. Ob bei der Energieversorgung durch Wasserkraft oder beim Aufbau moderner Nachrichten- und Kommunikationsnetze, das deutsche Elektrounternehmen leistet wichtige Beiträge beim Aufbau eines fortschrittlichen und modernen Landes.

Startschuss an einem neuen Markt– die Gründung der Siemens & Halske Norsk Aktieselskap

Am 14. Dezember 1898 kommen im Charlottenburger Werk von Siemens & Halske mehrere Personen zusammen, um einen Vertrag zu unterzeichnen. Es ist das Gründungsdokument der Siemens & Halske Norsk Aktieselskap mit Sitz in Oslo. Die neue Siemens-Gesellschaft nimmt im Januar 1899 ihre Arbeit auf, ihre Aufgabe ist „die Errichtung und der Vertrieb von Artikeln der elektrischen Fabrikation der Firma Siemens & Halske sowie die Ausübung und Durchführung elektrischer Geschäfte aller Art und die Teilnahme an allen Unternehmungen auf dem Gebiete der angewandten Elektrizität“, wie es in den Statuten heißt. Siemens gehört damit zu den ältesten Elektrounternehmen des Landes und ist ein Pionier der Elektrifizierung Norwegens.

Geschäftsführender Direktor wird der Ingenieur Peter Munch Meinich, der bereits seit 1892 mit der Firma Wisbech & Meinich als Generalvertreter für Siemens in Norwegen fungiert. Wie damals üblich, versucht Siemens zunächst über einen Vertreter Fuß an einem neuen Markt zu fassen, bevor eine eigene Gesellschaft aufgebaut wird. Der junge Ingenieur – als er 1892 die Vertretung übernimmt, ist er gerade mal 22 Jahre alt – erweist sich dabei als die richtige Wahl. Mit seiner tatkräftigen Unterstützung gelingt es Siemens innerhalb weniger Jahre, zu einem wichtigen Bestandteil und verlässlichen Partner in der Elektroindustrie Norwegens zu werden. Schon bald nach der Gründung von Siemens & Halske Norsk in Christiania – wie die norwegische Hauptstadt Oslo zwischen 1624 und 1924 heißt – werden Unterbüros in Trondheim (1908) und Bergen (1910) eröffnet.

Umstrukturierung steht an – Neuausrichtung am Stark- und Schwachstrommarkt

Einen tiefen Einschnitt erfährt die norwegische Siemens-Gesellschaft im Jahr 1904 – sie wird aufgelöst. Grund dafür ist die 1903 erfolgte Fusionierung von Siemens & Halske und der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co. (EAG). Die daraus hervorgehende neue Gesellschaft der Siemens-Schuckertwerke richtet ihren unternehmerischen Fokus auf das sogenannte Starkstromgeschäft (Energietechnik), während sich Siemens & Halske auf den Bereich der Schwachstromtechnik (Nachrichtentechnik) konzentriert. Die Auswirkungen der Umstrukturierungen treffen die Geschäftsstelle in Oslo unmittelbar. Denn die frühere Firma Schuckert verfügt in Norwegen über eine eigene Niederlassung, das Elektrisk Bureau in Trondheim, und ist ein direkter Siemens-Wettbewerber.

Um die nun vereinigten unternehmerischen Aktivitäten unter einem Dach zusammenzufassen, wird die bisherige Siemens & Halske Norsk liquidiert und zum 1. April 1904 eine neue Gesellschaft gegründet, die Norsk Aktieselskap Siemens-Schuckert. Das Elektrisk Bureau tritt als Aktionär in die neue Firma ein. Die Betonung des Starkstromgeschäfts durch den Firmennamen hat einen guten Grund: In den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens, konzentriert sich Siemens in Norwegen auf die Energietechnik. In dem skandinavischen Land werden zahlreiche Wasserkraftwerke errichtet und der Ausbau der Stromversorgung in großem Maße vorangetrieben. Siemens ist daher hauptsächlich im Anlagengeschäft vertreten, größere Aufträge für Projekte in der Nachrichtentechnik erhält das Unternehmen erst in der Folge des Ersten Weltkriegs. Dieser Entwicklung wird ab 1929 Rechnung getragen, als die norwegische Gesellschaft in Siemens Norsk Aktieselskap umbenannt wird. Zudem tritt der Name Siemens durch die Umbenennung stärker in den Vordergrund.

Meilensteine der Elektrifizierung Norwegens bis 1945

Zäsur Zweiter Weltkrieg – Neustart für Siemens in Norwegen

Wie in zahlreichen anderen Ländern, in denen Siemens aktiv ist, werden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch in Norwegen Unternehmenswerte und -anlagen als feindliches Eigentum betrachtet und unter einheimische Verwaltung gestellt. Dasselbe Schicksal ereilt auch andere bekannte deutsche Firmen in dem skandinavischen Land: die AEG und Telefunken. Am 1. Januar 1947 wird das Aktienkapital von Siemens Norsk an die norwegische Firma Bergens Telefonkompagni übertragen. Das Unternehmen erhält 80 Prozent des Firmenwertes, während 20 Prozent an den norwegischen Staat gehen; die drei bestehenden juristischen Siemens-Gesellschaften in Oslo, Trondheim und Bergen firmieren unter dem neuen Namen AS Proton.

Siemens gelingt es, ein gutes Verhältnis zum neuen Eigentümer aufzubauen, und AS Proton fungiert ab 1954 als Vertreter des Elektrokonzerns am norwegischen Markt und vertreibt dessen Produkte. Erst 1960 erwirbt Siemens nach langwierigen Verhandlungen die früheren Gesellschaften zurück. 1962 firmieren sie unter dem Namen Siemens Norge Aktieselskap und werden unter dem Dach der Osloer Gesellschaft zusammengefasst. Der Rückerwerb erfolgt im beiderseitigen Interesse: Siemens verkauft seine Produkte in Norwegen wieder unter seinem Namen und ist in der Lage, ein größeres Investitionsvolumen für den Ausbau der Marktposition bereitzustellen, als dies AS Proton kann. Demgegenüber sieht sich die Muttergesellschaft von AS Proton, Bergen Industrie-Investering, zunehmenden Schwierigkeiten ausgesetzt, mit der AEG neben Siemens noch einen zweiten Weltkonzern am norwegischen Markt zu vertreten. Daher beschränkt sie sich nunmehr auf den Siemens-Wettbewerber.

Zurück zu alter Stärke – Siemens expandiert und baut Marktposition aus

Der Rückkauf erweist sich als richtige Entscheidung. Siemens gelingt es, seine Präsenz in Norwegen ab 1962 stetig auszubauen. Bereits 1963 wird in Trondheim ein neues Verwaltungsgebäude bezogen, zu dem zwei anliegende Fertigungsstätten für die Unternehmensbereiche Energie- und Installationstechnik gehören. Mitte der 1970er-Jahre sind an diesem Standort rund 800 Mitarbeiter beschäftigt. Auch die Zentrale in Oslo wird ausgebaut: 1969 bezieht Siemens Norsk in Linderud seinen neuen Hauptsitz, wo der Großteil der Verwaltungs- und Vertriebsfunktionen zusammengefasst ist. An den Umsatz- und Mitarbeiterzahlen lässt sich die positive Entwicklung ablesen: Nach dem Rückerwerb der Gesellschaft steigt der Umsatz bis 1978 von 65.000 auf 357.000 DM, und im selben Zeitraum verdoppelt sich die Zahl der Mitarbeiter auf 2.300. Bereits Ende der 1970er-Jahre ist Siemens die größte elektrotechnische Anlagenfirma in Norwegen.

Die traditionellen Geschäftsfelder Energieversorgung und Installationstechnik bilden auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Schwerpunkte für Siemens in Norwegen. Noch Ende der 1970er-Jahre machen sie rund zwei Drittel des Gesamtgeschäfts aus. Zunehmende Bedeutung erlangen in dieser Zeit die Halbleiter- und Datentechnik. Das Besondere daran: Siemens produziert für diese sowie den Bereich Nachrichtentechnik einen beträchtlichen Teil der Absatzprodukte– 1978 sind es rund 40 Prozent des Geschäftsvolumens – in Norwegen selbst.

Auch heute noch ist Siemens aus der Elektroindustrie Norwegens nicht wegzudenken. Das Unternehmen hat auch hier den Fokus auf Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung gerichtet und leistet einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Modernisierung der Energieversorgung, Industrie und Infrastruktur Norwegens. Siemens ist und bleibt damit ein zuverlässiger Partner bei der Gestaltung der Zukunft des Landes, wie seit mehr als 100 Jahren.

Die Zeit nach 1945 – Meilensteine der Elektrifizierung Norwegens

Ewald Blocher