Ausbildungsgang Elektro-Assistentin

Ein neues Berufsbild entsteht

Einstieg in eine Männerdomäne: Siemens bildet erstmals technische Assistentinnen aus

1938, so eine Statistik des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), macht sich in der Industrie ein zunehmender Mangel an technischen Fach- und Nachwuchskräften bemerkbar. Die angespannte Situation wird durch den Zweiten Weltkrieg noch verschärft. Als erstes Unternehmen der deutschen Elektrobranche reagiert Siemens auf den wachsenden Bedarf und beginnt 1939 mit der systematischen Ausbildung weiblicher Assistenzkräfte. Der neu geschaffene Beruf der Elektro-assistentin gehört über Jahrzehnte zu den technischen Ausbildungsgängen des Elektrokonzerns.

Die Wegbereiterin – am Anfang steht die Laboratoriums-Assistentin

Ende der 1930er-Jahre sind die Kapazitäten der deutschen Elektrobranche weitgehend ausgelastet. Die ohnehin angespannte Situation wird durch den Zweiten Weltkrieg noch verschärft. Mit dem Ziel, den Mangel an männlichen Facharbeitern auszugleichen und den Bedarf an Nachwuchskräften zu decken, etabliert Siemens als erstes Unternehmen der Branche eigene Ausbildungsgänge für künftige weibliche Mitarbeiter. Im Sommer 1939 beginnen 20 junge Frauen im Zentrallabor der Berliner Wernerwerke von Siemens & Halske ihre Ausbildung zur Laboratoriums-Assistentin.

 

Die Qualifizierung der technischen Hilfskräfte dauert 24 Monate: Auf den Unterricht in Fächern wie Mathematik, Physik, Chemie, Elektrizitätslehre oder Werkstoffkunde folgt eine 15-monatige „praktische Einzelausbildung“ in den fernmeldetechnischen Laboratorien am Standort Berlin. Hier entlasten die Auszubildenden die Entwicklungsingenieure, indem sie vor allem Routinetätigkeiten wie das Zusammenstellen, Durchführen und Auswerten langwieriger Mess- und Versuchsreihen übernehmen. 

 

Die Ausbildung erfolgt zunächst unter improvisierten Bedingungen. Auch was die formale Eignung der Interessentinnen angeht, sammelt man erst noch Erfahrungen: Nachdem anfangs auch Bewerberinnen mit Mittlerer Reife eingestellt worden sind, entschließen sich die Personalverantwortlichen bald, nur noch Abiturientinnen „mit mindestens befriedigenden Noten in Mathematik und in den Naturwissenschaften“ zu beschäftigten.

 

Während des Zweiten Weltkriegs steigt der Bedarf an weiblichen (Fach-)Arbeitskräften kontinuierlich. Als Konsequenz wird der Einsatzbereich der technischen Assistenzkräfte erweitert – und die Aus­bildungsinhalte werden entsprechend angepasst.

Die Elektro-Assistentin – ein „neuer Frauenberuf“

1942 verabschiedet die Sozialpolitische Abteilung des Hauses einheitliche Richtlinien für das Berufsbild der nunmehr als „Elektro-Assistentinnen“ bezeichneten Hilfskräfte. Potenzielle Bewerberinnen können sich anhand einer Broschüre über den „neuen Frauenberuf“ informieren. In Stellenanzeigen wird explizit darauf hingewiesen, dass die Abiturientinnen bereits während der Ausbildung ein „angemessenes Gehalt“ erhalten. Im ersten Lehrjahr beträgt dieses rund 100, im zweiten rund 150 Reichsmark pro Monat. Zum Vergleich: Ein Ingenieur verdient damals rund 600 Reichsmark monatlich – der Begriff „angemessen“ ist aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar.

 

Pro Jahr starten zwei Lehrgänge mit jeweils 20 Teilnehmerinnen. Die Ausbildung erfolgt entweder im Berliner Stammhaus oder bei den Technischen Büros in Essen, Hamburg, Leipzig, Posen und Stuttgart. Auch der Wiener Zweigbetrieb des Wernerwerks für Funkgeräte (WW Funk) bildet Elektro-Assistentinnen aus.

 

Im Unterschied zu den Laboratoriums-Assistentinnen absolvieren die künftigen Elektro-Assistentinnen im Anschluss an den gemeinsamen theoretischen Grundlagenunterricht (sechs Monate) eine Sonderausbildung (drei bis sechs Monate). Diese vermittelt je nach späterem Einsatzgebiet unterschiedliche Inhalte: Gruppenweise wird den jungen Frauen spezifisches Fachwissen für ihre Arbeit in Laboratorien und Prüffeldern sowie in Konstruktions- oder Projektierungsbüros vermittelt. Dritter und umfassendster Teil der Qualifikation bleibt die Einzelausbildung am Arbeitsplatz (zwölf bis 15 Monate), die von regelmäßigen Lehrveranstaltungen begleitet wird.

 

Bis Kriegsende bildet Siemens knapp 800 technische Assistentinnen aus.

„Ausbildungspause“ im Zweiten Weltkrieg und anhaltende Skepsis – doch Siemens setzt weiter auf Frauen

In der Nachkriegszeit setzen sich die Verantwortlichen intensiv mit der Frage auseinander, ob Siemens die Ausbildung von Elektro-Assistentinnen fortsetzen soll. Schließlich begegnen viele Ingenieure Frauen in technischen Assistenzberufen nach wie vor mit Skepsis. 1950 äußert beispielsweise ein Teilnehmer einer Podiumsdiskussion: „Es gibt Gebiete, für die Elektro-assistentinnen geeigneter sind als der Mann, zum Beispiel bei Verhandlungen mit Kunden. Im Labor, so glaube ich, ist die Frau fehl am Platz.“

 

Letztendlich geben die guten Erfahrungen mit den Absolventinnen der ersten Jahrgänge den Aus­schlag: Ab 1951 bilden die Siemens-Schuckertwerke in Erlangen, ab 1956 Siemens & Halske in München erneut Elektro-Assistentinnen aus. Während ihrer Ausbildung erhalten die jungen Frauen eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 100 DM pro Monat. Bewerberinnen, die nicht aus Erlangen oder München stammen, werden nach Möglichkeit in einem Siemens-Wohnheim untergebracht. Alternativ können sich interessierte Abiturientinnen „mit Liebe zur Technik“ auch an der Physikalisch-Technischen Lehranstalt Lübeck-Schlutup und beim Berliner Letteverein ausbilden lassen. Angesichts des großen Bedarfs an Elektro-Assistentinnen kooperieren die Siemens-Schuckertwerke vorübergehend mit diesen beiden Bildungseinrichtungen. 

Mittlere Reife statt Abitur – die Ausbildung wird neu geordnet

Im Anschluss an eine Entscheidung der Ständigen Konferenz der Kultusminister wird die Ausbildung der technischen Assistenzkräfte bei Siemens im Herbst 1966 neu geordnet: Nun genügt wieder die Mittlere Reife als Vorbildung. Außerdem sollen die Bewerberinnen noch sehr jung (maximal 18 Jahre) sein; während der Nachkriegszeit wurden zum Teil deutlich ältere Frauen ausgebildet.

 

Nach wie vor liegt der inhaltliche Schwerpunkt der Erlangener Ausbildung auf der Energietechnik. An der firmeneigenen Technischen Schule in München werden die künftigen Elektro-Assistentinnen für eine Tätigkeit im Bereich der Nachrichtentechnik qualifiziert: Die jungen Frauen können sich entweder auf die Fachrichtung Schaltungs- und Konstruktionszeichnen oder auf die Labor- und Werkstechnik spezialisieren.

 

Im Verlauf der 1970er-Jahre verändert die Anwendung neuer Techniken, allen voran der Mikro­elektronik, die Produktions- und Beschäftigungsstruktur innerhalb der Elektrobranche – der Bedarf an qualifizierten Kräften wächst. Neue Ausbildungen und Ausbildungsschwerpunkte sollen gezielt auch Mädchen für technische Berufe begeistern. Entsprechend bilden die firmeneigenen Berufsschulen ab 1979 auch Elektro-Assistentinnen der Fachrichtung Datentechnik aus; den Anfang macht München – zwei Jahre später folgt Erlangen. 

Die Anforderungen steigen – staatliche Anerkennung

Zum 1. August 1983 werden die firmeneigenen Technischen Schulen staatlich anerkannt. Infolge­dessen müssen die Auszubildenden am Ende ihrer zweijährigen Qualifikation nun eine staatliche Abschlussprüfung absolvieren – erst dann dürfen sie sich als „Elektrotechnische Assistentinnen“ bezeichnen.

 

1989 feiern die beiden Berufsfachschulen den Beginn der Ausbildung technischer Assistenzkräfte vor 50 Jahren. Seit 1939 bildet Siemens mehrere Tausend Elektro- und Datentechnische Assistentinnen aus; die Mehrzahl von ihnen kann in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen werden.

 

Ende September 2012 stellen die Technischen Schulen München und Erlangen – beide gingen 1996 in der neu gegründeten Siemens Technik Akademie auf – ihre Ausbildung für technische Assistenzberufe ein. Durch die Höherqualifizierung von IHK-Berufen und die Einführung der dualen Studiengänge werden die Assistenzberufe in andere Berufsmodelle integriert. An der Erlanger Schule werden zuletzt zehn Technische Assistenten/-innen Elektrotechnik (TAE) und an der Berufsfachschule München 19 Technische Assistenten/-innen Informatik (TAI) ausgebildet.

 

Sabine Dittler