Auf Umwegen zum Erfolg 

Die erste elektrische Straßenbahn der Welt

Die erste elektrische Straßenbahn der Welt, eine der bedeutendsten Innovationen von Werner von Siemens, wird am 12. Mai 1881 im Berliner Vorort Groß-Lichterfelde in Betrieb genommen. Die 2,5 Kilometer lange Strecke verbindet die Station Lichterfelde mit der Preußischen Hauptkadettenanstalt. Vom ersten Tag des regulären Betriebs ist die Bahn ein großer Erfolg: Allein in den ersten drei Monaten befördert sie 12.000 Fahrgäste. Dieser Meilenstein der Elektromobilität entstand jedoch ganz anders als geplant.

Vordenker in Sachen Mobilität – Der Traum von der Hochbahn

Auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1879 präsentiert Werner von Siemens die erste elektrische Lokomotive der Welt. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Aus allen Teilen der Welt erreichen Siemens & Halske Anfragen nach Investitions- und Betriebskosten von elektrischen Bahnen. Aber dem Unternehmensgründer geht es um mehr. Für ihn ist die elektrische Eisenbahn lediglich ein Versuchsmodell. Er geht nun daran, ein elektrisches Verkehrssystem der Zukunft zu planen: eine Hochbahn im Zentrum von Berlin. 

 

Bereits 1867 äußerte Werner von Siemens - begeistert von den Anwendungsmöglichkeiten des von ihm im Jahr zuvor entdeckten dynamoelektrischen Prinzips - die Idee, „Eisenbahnen auf eisernen Säulen durch die Straßen Berlins zu bauen und dieselben elektrisch zu betreiben“. 

 

Ab 1880 bemüht sich der Elektropionier verstärkt um Konzessionen für elektrische Hochbahnen in der Berliner Friedrichstraße und der Leipziger Straße, um angesichts des großen internationalen Interesses die Praxis- und Alltagstauglichkeit dieses vielversprechenden Verkehrsmittels unter Beweis zu stellen. Unerwarteter Protest von Anwohnern und Behörden machen ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung.  

 

 

Widerstand der Stadtverwaltung – Verweigerung führt zu Notlösung

Die Stadtverwaltung von Berlin äußert so starke Bedenken gegen Bau und Betrieb einer derartigen Bahn, dass sie die Konzession verweigert. Der zuständige Minister Albert von Maybach erklärt sich aber bereit, eine ebenerdige Versuchsstrecke außerhalb der Stadt, im südlich von Berlin gelegenen Vorort Lichterfelde, zu genehmigen. So entsteht, eher aus Verlegenheit, die erste elektrische Straßenbahn der Welt.

 

In Lichterfelde besteht noch ein Großteil des Bahnkörpers, der während der 1870er-Jahre genutzt worden ist, um das für den Bau der Kadettenanstalt benötigte Material zur Baustelle zu transportieren. Werner von Siemens kann diese Strecke erwerben und für seine Zwecke umbauen. Indem er die ursprünglichen Gleise der Materialbahntrasse nutzt, entbehrt seine elektrische Bahn eines weiteren, für eine Straßenbahn charakteristisches Ausrüstungsmerkmal, nämlich die in das Pflaster eingelassenen bodenebenen Gleise.

 

Ebenfalls für den Straßenbahnbetrieb rüstet Siemens & Halske drei Pferdebahnwagen um. Die zweiachsigen Triebwagen können bei jeweils 16 Sitzplätzen knapp 50 Personen befördern. Jeder Wagen besitzt einen Gleichstrommotor mit einer Leistung von 10 PS, der seinen Fahrstrom (180 Volt) über Schleifkontakte von den mit eisernen Radkränzen versehenen Holzscheibenrädern erhält.

 

Die Kraftübertragung erfolgt durch Stahlseile, die Wagen erreichen eine Geschwindigkeit von etwa 20 km/h. Anfangs werden die Triebwagen nicht über eine Oberleitung, sondern über die beiden Schiene mit Strom versorgt; ein entsprechendes Kraftwerk mit Dampfmaschine und Generator befindet sich neben dem Bahnhof.

 

 

„Ruhm und Ehre“ – wichtige Weiterentwicklungen und Durchbruch

In einigen Tagen wird nun die erste electrische Bahn für practischen Dienst in Lichterfelde eröffnet. [...] Die Sache wird großes Aufsehen machen.

Werner von Siemens, 1881

Am 12. Mai 1881 ist es so weit: Die „kleine elektrische Bahn in Lichterfelde [ist] offiziell probiert und abgenommen“; der reguläre Fahrbetrieb wird am 16. Mai aufgenommen. In diesen Tagen berichtet Werner von Siemens immer wieder voller Stolz seinen in England beziehungsweise Russland lebenden Brüdern vom Erfolg und Werbeeffekt des Projekts.

 

So schreibt er am 23. Mai an William Siemens: „Es ist merkwürdig, welche überzeugende Kraft jetzt hier in einer Fahrt auf der Lichterfelder Bahn sich äußert. – Vom Arbeitsminister [Maybach] bis zum einfachen Eisenbahnbaumeister sind jetzt alle Leute von der großen Zukunft des elektrischen Betriebes überzeugt!“. Zwei Tage zuvor wird Werner von Siemens anlässlich einer Exkursion des Berliner Vereins für Eisenbahnkunde nach Lichterfelde offiziell der Dank dafür ausgesprochen, dass es durch sein rastloses und energisches Vorgehen gelungen sei, „die dem Unternehmen entgegenstehenden Schwierigkeiten zu überwinden […] und dadurch ein Werk geschaffen [zu haben], welches der deutschen Wissenschaft zum Ruhme und ihm zur Ehre gereicht!“.

Auch auf der ersten Internationalen Elektrizitätsausstellung, die im August desselben Jahres in Paris eröffnet wird, ist Siemens & Halske mit einer elektrischen Straßenbahn vertreten.

 

Die Fahrt im 50-Personen-Wagen von der Place de la Concorde zum auf dem Ausstellungsgelände befindlichen Palais de l’Industrie stößt auch bei der Pariser Bevölkerung auf große Begeisterung und trägt wesentlich dazu bei, den Namen Siemens „den Parisern geläufig zu machen“ – wie Werner von Siemens seinem Bruder Carl nach Russland schreibt.

Insgesamt werden im weiteren Verlauf der 1880er-Jahre jedoch nur einige wenige elektrische Straßenbahnen von Siemens realisiert und dem Verkehr übergeben. Erst nachdem der Siemens-Ingenieur Walter Reichel 1889 mit der Entwicklung des Bügelstromabnehmers ein wichtiges konstruktives Problem löst, wird sich der Elektroantrieb bei Bahnen durchsetzen.

 

 

 

Sabine Dittler

Weiterführende Informationen

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Zum Weiterlesen

Bericht über die Exkursion des Vereins für Eisenbahnkunde in Berlin am 21. Mai 1881. Sonderdruck aus Glasers Annalen für Gewerbe & Bauwesen 1881, Bd. VIII, Heft 12

 

Martin Pabst, Die Entwicklung der Straßenbahn in Deutschland; in: Straßenbahnen in Deutschland von A–Z (Straßenbahn Magazin; Special Nr. 20), München 2009, S. 6–13