Forschen für den Fortschritt

Die Entstehung des zentralen Forschungslabors

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestehen in den Berliner Siemens-Werken mehrere kleine Laboratorien. Im Interesse einer langfristigen Absicherung der Technologie- und Innovationsbasis des Unternehmens wird im Juli 1905 zusätzlich ein erstes zentrales Labor etabliert. Die Weiterentwicklung dieser Vorläuferorganisation der heutigen Einheit Corporate Technology ist zugleich ein spannendes Stück Wissenschaftsgeschichte. 

Spitzenleistungen in der Grundlagen- und Materialforschung – das erste zentrale Labor wird gegründet 

Seit 1905 beschäftigen sich Wissenschaftler bei Siemens in der zentralen Forschungsabteilung mit der Zukunft. Die Geschichte einer von den Geschäftsabteilungen losgelösten Forschungsabteilung beginnt knapp 60 Jahre nach Gründung der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ (1847). Damals unterhalten die Berliner Siemens-Werke sowie das Wiener Werk von Siemens & Halske (S&H) unabhängig voneinander jeweils kleinere Laboratorien, in denen anwendungsbezogene Versuchsarbeiten durchgeführt werden.

 

Einer der wichtigsten Forscher jener Jahre ist Werner Bolton. Der Chemiker ist ab 1896 im Glühlampenwerk tätig und arbeitet dort im Auftrag Wilhelm von Siemens’ an der Weiterentwicklung der Glühlampe. Bolton gelingt es 1903 erstmals, den bis dato in Glühlampen verwendeten Kohlefaden durch einen stabilen Metallglühfaden aus Tantal zu ersetzen. Die auf dieser Innovation basierende Produktion von Tantallampen bringt Siemens 1905 den Durchbruch in der elektrischen Beleuchtung. Im Juli desselben Jahres wird Werner Bolton mit der Leitung des ersten vom Tagesgeschäft unabhängigen Labors betraut; in dieser Funktion untersteht er direkt dem Physiker und S&H-Vorstand Emil Budde. 

Zunächst befindet sich das „Versuchslaboratorium Bolton“ im sogenannten Bohneshof am Ufer der Spree (heute Kaiserin-Augusta-Allee Nr. 101–106). Bereits im Jahr darauf zieht das Labor von Moabit in den Norden Berlins, und sein Name wird in „Physikalisch-Chemisches Laboratorium“ geändert.

 

In einem Neubau auf dem Areal der späteren Siemensstadt treiben Wissenschaftler wie der Physiker Hans Gerdien die Grundlagen- und Materialforschung bei Siemens voran. Mit dem nach ihm benannten Verfahren zur Messung der Ionisation in den höchsten Atmosphärenschichten schreibt Gerdien Wissenschaftsgeschichte.

 

Nach Boltons Tod im Herbst 1912 übernimmt Hans Gerdien die Leitung des Physikalisch-Chemisches Laboratoriums und erarbeitet ein Konzept für die Weiterentwicklung der zentralen Forschung. Sein Plan sieht vor, einen Neubau für insgesamt sieben Laboratorien inklusive eigener Versuchswerkstätten zu errichten. In diesem Zusammenhang soll ein Teil der „Fortschrittsarbeiten“ aus den werksgebundenen Laboren herausgelöst und die Grundlagenforschung dem Einfluss des Tagesgeschäfts sowie den kurzfristigen Verwertungsinteressen der einzelnen Werke entzogen werden. Gerdiens Vorschläge werden im Frühjahr 1914 vom Vorstand bewilligt; 1916 wird der Grundstein für das neue Zentrallabor gelegt. 

 

Noch im Ersten Weltkrieg beginnen die Arbeiten am Neubau des Industrielabors, dessen Räumlichkeiten ab 1920 schrittweise bezogen werden können. Siemens investiert viel Geld: Bis 1923 fließen insgesamt 26 Millionen Mark in den repräsentativen Gebäudekomplex am Wernerwerkdamm.

 

Zunächst firmiert das neue Laboratorium unter der bisherigen Bezeichnung, Anfang Oktober 1924 erhält es den neuen Namen „Forschungslaboratorium der Siemens & Halske AG und der Siemens-Schuckertwerke GmbH“. Auch personell wird aufgestockt: 68 Angestellte und 90 Arbeiter sind in der zentralen Forschung tätig.

Zweigleisig zu weiteren Erfolgen – Know-how-Transfer zwischen zentraler und dezentraler Forschung

Parallel etabliert man 1919 erstmals eine Zentralstelle für wissenschaftlich-technische Forschungsarbeiten (ZfE) mit dem Chemiker Carl Dietrich Harries als erstem Forschungsdirektor. Sie koordiniert den Know-how-Transfer zwischen den zentralen und den dezentralen Forschungs- und Entwicklungsstellen des Konzerns. Dem trägt auch die Kommunikation nach außen Rechnung: Die Zentralstelle organisiert wissenschaftliche Vorträge für die „akademisch gebildeten Beamten der Siemens-Firmen“ und gibt ab 1920 die „Wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus dem Siemens-Konzern“ heraus.

 

Während bis 1914 zahlreiche Basisinnovationen gemacht werden, ist die Zwischenkriegszeit weniger von spektakulären Durchbrüchen als vielmehr von der Weiterentwicklung bestehender Produkte und Verfahren gekennzeichnet. Herausragende Innovationen sind die ersten Interferenzbilder, die G. P. Thomson und A. Reid 1927 mit schnellen Elektronen herstellten, sowie die Schottky-Diode, mit der der Physiker Walter Schottky den Nachweis über die Sperrschichten bei Metall-Halbleiterübergängen erbringt. Dies gilt als die Grundlage der modernen Halbleitertechnik. 

Zurück an die Weltspitze – Forschung und Entwicklung nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagert Siemens & Halske den Firmensitz von Berlin nach München, der der Siemens-Schuckertwerke wurde nach Erlangen verlegt; Berlin blieb jeweils zweiter Firmensitz. Aufgrund der von den alliierten Siegermächten erlassenen Einschränkungen und Verbote ist der Wiederaufbau der zentralen Forschung und Entwicklung (FuE) zunächst behindert. Doch als die Bundesrepublik Deutschland 1955 die volle Souveränität erhält und die westlichen Besatzungsmächte ihre Entwicklungs- und Produktionsbeschränkungen aufheben, ist es an der Zeit, Neues anzugehen: Die Siemens-Führung entscheidet, sich umgehend auf den bisher verbotenen Gebieten Datenverarbeitung, Kernenergie und Halbleitertechnik zu engagieren. 

Zehn Jahre später feiert Siemens die Eröffnung des damals größten privatwirtschaftlichen Forschungszentrums auf dem Gebiet der Energietechnik in Europa. Zwischen 1959 und 1965 werden rund 100 Millionen DM, ein Sechstel des damaligen FuE-Jahresbudgets, in den Aufbau des Erlanger Forschungszentrums investiert. Fortan tüfteln 1.500 Mitarbeiter im Forschungslaboratorium, in den technischen Entwicklungslaboratorien und in der Reaktortechnik. Entsprechend zahlreich sind die Impulse für Innovationen auf dem Gebiet der Energieerzeugung und -verteilung. 

 

Drei Jahre nach Gründung der heutigen Siemens AG (1966) werden die Forschungseinrichtungen von Siemens & Halske und die der Siemens-Schuckertwerke organisatorisch zusammengeführt, nachdem man in den Jahren des Wiederaufbaus getrennt voneinander geforscht hat. Infolgedessen fokussiert sich der Standort Erlangen konsequent auf die energietechnische Forschung, während in München schwerpunktmäßig auf dem Gebiet der Daten- und Nachrichtentechnik gearbeitet wird. Im Sommer 1977 weiht Siemens in München-Neuperlach einen weiteren Forschungsstandort ein. In der „Denkfabrik für die Datentechnik“ – so die Lokalpresse – werden sowohl der Unternehmensbereich Datentechnik als auch der Zentralbereich Technik untergebracht. Im Lauf der Jahre entwickelt sich Perlach zu einem Zentrum der Mikroelektronik, das Ingenieure und Informatiker aus aller Welt anzieht.

Forschungsphasen der Nachkriegszeit

Anlässlich des 100. Jubiläums von Corporate Technology (CT) unterscheidet Claus Weyrich, Vorstandsmitglied und CT-Leiter von 1996 bis 2006, vier Forschungsphasen der Nachkriegszeit: Während in den 1950er- und 1960er-Jahren der „Technology Push“ im Vordergrund steht, in dem die Forscher viel Freiheit und wenig Budgetzwänge genießen, setzt ab den 1970er-Jahren der Markt neue Akzente. In dieser Zeit wird die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit anwendungsorientierter gestaltet und Corporate Technology enger mit den Entwicklungsabteilungen in den einzelnen Geschäftsbereichen verzahnt. Mit Fortschreiten der Globalisierung ab den 1980er-Jahren geht es darum, die Resultate der Forschung schneller in Produkte umzusetzen.

 

Unter den vielen Siemens-Innovationen gelten rückblickend vor allem die Erfindung des Computertomografen 1974, des 4-Megabit-Chips 1988, der Windturbinenblätter aus einem Stück im Jahr 2000, der Weltrekordgasturbine von 2009 oder der PLM-Industriesoftware ab 2013 als Meilensteine. Unter der Leitung von Roland Busch und seinem Vorgänger Siegfried Russwurm versteht sich Corporate Technology heute als strategischer Partner der Geschäftseinheiten und ist mit seinen Leistungsbereichen optimal auf deren Bedarf eingestellt. So trägt Corporate Technology auch in Zukunft maßgeblich zum Erfolg von Siemens bei. 

Katrin Nikolaus

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • Wilfried Feldenkirchen, Industrieforschung in der deutschen Elektroindustrie. Das Beispiel Siemens (1919–1936), in: Bankhistorisches Archiv, Band 34 (2008) 2, S. 82–107
  • Lothar Hack, Technologietransfer und Wissenstransformation. Zur Globalisierung der Forschungsorganisation von Siemens, Münster 1998
  • Ulrich Marsch, Zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Industrieforschung in Deutschland und Großbritannien 1880–1936, Paderborn/Wien 2000
  • Pioniere der Wissenschaft bei Siemens. Beruflicher Werdegang und wichtigste Ergebnisse, hrsg. v. Ernst Feldtkeller und Herbert Goetzeler, München 1994
  • Ferdinand Trendelenburg, Aus der Geschichte der Forschung im Hause Siemens, Düsseldorf 1975