Ein begnadeter Ingenieur

Portrait des Erfinders Friedrich von Hefner-Alteneck

Am 7. Januar 1904 stirbt mit dem „Construkteur“ Friedrich von Hefner-Alteneck einer der engsten Mitarbeiter von Werner von Siemens. Dosenschreiber, Trommelanker, Differenzialbogenlampe – von Hefner-Altenecks Erfindungen revolutionieren zahlreiche Bereiche der Elektrotechnik und sind einer der Gründe für den Erfolg von Siemens & Halske. Durch sie wird der Ingenieur zum „gemachten Mann“. Dennoch ist er zeitlebens unzufrieden, streitet oft mit der Familie Siemens und geht letztlich gemeinsam mit Werner von Siemens in den Ruhestand – im Alter von 44 Jahren. 

Inspiriert durch die Weltausstellung in Paris – von Hefner-Alteneck fängt bei Siemens an 

Friedrich von Hefner (den Namenszusatz „Alteneck“ erhält die Familie erst 1856) wird am 27. April 1845 in Aschaffenburg geboren. Über seine Jugend ist wenig bekannt. Gesichert scheint der Besuch an einem Münchener Gymnasium, wo er, so die anekdotische Überlieferung, lieber allerlei Gerätschaften aus Blechabfällen baut, statt zu lernen. Die elterliche Wohnung soll voll von Uhren aus eigener Konstruktion sein. Darüber hinaus verlegt Friedrich dort eine Telegrafenlinie.

 

Den Tatendrang seines Sohnes kann der Vater letztendlich nur bremsen, indem er ihm die Werkzeuge wegnimmt. Das Studium der Mechanik an den Technischen Hochschulen in Zürich und München ergibt sich gleichwohl fast automatisch. 

 

Nach Ende seines Studiums absolviert Friedrich von Hefner-Alteneck ein kurzes Praktikum in München und besucht 1867 die Weltausstellung in Paris. Hier sieht er die Erzeugnisse der Telegraphenbauanstalt von Siemens & Halske, wahrscheinlich erlebt er auch Werner von Siemens persönlich. Unter diesem Eindruck bewirbt er sich um einen Posten als Zeichner im Unternehmen. Das Gesuch wird jedoch abgelehnt. Noch ist Johann Georg Halske alleiniger „Herrscher“ über die Fabrikation; eine Konstruktionsabteilung und damit den Posten des Zeichners gibt es noch nicht. Von Hefner-Alteneck entmutigt dies nicht; er bewirbt sich als einfacher Arbeiter, wird eingestellt und nimmt Mitte Juni 1867 in Berlin die Arbeit auf.

 

Als sich Halske wenig später aus dem operativen Geschäft zurückzieht, sucht man nun tatsächlich einen Zeichner – und findet ihn, auf Empfehlung eines ehemaligen Professors von Hefner-Alteneck, in der eigenen Werkstatt.

 

Friedrich von Hefner-Alteneck wird zum 30. September 1867 in das neu etablierte „Zeichenzimmer“ versetzt, wo er sich zunächst alleine um die Konstruktion neuer und alter Geräte und Apparate kümmert. Nach und nach verpflichtet man weitere Mitarbeiter. Mit der Größe des Konstruktionsbüros wächst auch der Einflussbereich von Hefner-Altenecks; schließlich wird er zum Vorstand des Büros ernannt.

 

Ab 1872 fungiert er als Assistent des Oberingenieurs Carl Ludwig Frischen, des damaligen Vorstands der allgemeinen technischen Direktion. Fünf Jahre später wird er als „Dirigent der Abteilung für Konstruktion“ zu dessen Stellvertreter ernannt.

Von Hefner-Alteneck wird Prokurist – und erste Differenzen mit den Siemens-Brüdern treten auf

Für Werner von Siemens ist der junge Ingenieur eine tragende Säule des Unternehmens. So schreibt er 1879 an seinen Bruder Carl: „Hefner erzwingt sich durch seine Leistungen nach und nach Parität mit Frischen […]. Die Dynamoabteilung wird künftig ganz unter von Hefner gestellt […], ich denke, im nächsten Jahr muss man Frischen und von Hefner Prokura geben.“ Als Prokurist gehört von Hefner-Alteneck ab 1880 weitere zehn Jahre der Führung des Unternehmens an, zuletzt als Leiter des Charlottenburger Werks.

 

In seiner Zeit als Konstrukteur entstehen bedeutende technische Errungenschaften, von denen hier nur eine Auswahl angeführt werden kann: Sein Dosenschreiber revolutioniert die Telegrafie, seine Differenzialbogenlampen beleuchten bereits 1880 die Berliner Kaiserpassage elektrisch, und sein Trommelanker verbessert Werner von Siemens’ Dynamomaschine entscheidend. Das Prinzip dieser Konstruktion ist heute noch gebräuchlich.

 

Von Hefner-Alteneck ist sich seiner Leistungen und Verdienste um das Unternehmen sehr wohl bewusst. In den 1870er-Jahren kommt es mehrfach zu Differenzen zwischen ihm und den Siemens-Brüdern. Wie der überlieferte Briefverkehr zeigt, schätzen William und Carl die Leistungen von Hefner-Altenecks, stehen seiner Person jedoch kritisch gegenüber. Demgegenüber akzeptiert Werner von Siemens den schwierigen Charakter seines verdienten Mitarbeiters als verzeihliche Eigenart eines genialen Erfinders und bittet seine Brüder wiederholt um Nachsicht. 

 

1878 berichtet der Unternehmensgründer in einem Brief, dass Hefner-Alteneck erneut den Wunsch geäußert habe, Siemens & Halske zu verlassen: 

In der Hauptsache ist es Antagonismus zwischen ihm und Frischen der ihn forttreibt. Leider ist er so einseitig und schroff geworden, dass es schon immer schwer war mit ihm zu verkehren. Sein Fortgang wäre ein großer Verlust für unser Geschäft, da er ein sehr talentvoller Constructeur und überhaupt ein in seinem Fach sehr tüchtiger und nobel angelegter Mensch ist. Das stete Grübeln und construieren hat ihn aber geistig und körperlich angegriffen.

Die gleiche Wertschätzung, die aus diesen Worten Werner von Siemens’ spricht, bringt von Hefner-Alteneck auch seinem Dienstherren entgegen. Als der Ingenieur 1882 ein Angebot der Edison Gesellschaft erhält, Generaldirektor des größten Wettbewerbers von Siemens & Halske zu werden, lehnt er entschieden ab. 

Werner vonSiemens zieht sich zurück – und der große Ingenieur steigt aus

Erst als sich der Rückzug des Unternehmensgründers vom Tagesgeschäft andeutet, kommt es zum Bruch: Mitte Juli 1889 äußert von Hefner-Alteneck erneut seine Unzufriedenheit und stellt seine Kündigung in Aussicht, sollte er nicht zum Teilhaber gemacht werden. Werner von Siemens schreibt an Carl: „Die Hauptsache ist wohl, dass er sich unentbehrlich fühlt und daher meint, unter meinen Söhnen als deren Untergebener nicht mit Erfolg arbeiten zu können.“ Anders als zuvor sind die Forderungen des langjährigen Mitarbeiters nicht verhandelbar. Eine Teilhaberschaft am Unternehmen kommt nicht infrage, damit ist der Austritt unabwendbar: „Es wird wohl dahin kommen und besser jetzt wie später.“

 

Friedrich von Hefner-Alteneck selbst führt später jedoch andere Gründe für seine Kündigung an: 

Ein sehr schmerzhaftes, von lange her ganz allmählich ansteigendes nervöses Leiden hat mich zur Niederlegung meiner Stellung bei Siemens & Halske mit dem Beginn des vorigen Jahrzehnts hauptsächlich veranlasst.

Aus welchem Grund auch immer: Nachdem auch der Rest der Familie den Austrittsbedingungen zugestimmt hat, verlässt Friedrich von Hefner-Alteneck Anfang 1890 das Unternehmen – mit einer stattlichen Pension: Unter der Bedingung, dass er für kein anderes Unternehmen tätig würde, sollen ihm alle Einkünfte bis an sein Lebensende gezahlt werden. Im Rahmen des Festakts zu von Hefner-Altenecks Abschied verkündet auch Werner von Siemens offiziell seinen Rückzug aus der Unternehmensleitung.

 

In der Folge erhält von Hefner-Alteneck zahlreiche Ehrungen, darunter die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie der Wissenschaften und 1897 die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule München. Im selben Jahr wird er Mitglied im Aufsichtsrat der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG), dem er bis an sein Lebensende angehört.

 

Allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz bleibt Friedrich von Hefner-Alteneck der Familie Siemens zeitlebens freundschaftlich verbunden. Anfang des Jahres 1904 besucht er eine Jagdgesellschaft bei Werner von Siemens’ Sohn Wilhelm auf Schloss Biesdorf. Hier erliegt er am 7. Januar 1904 einem Herzschlag.

 

 

 

Dr. Florian Kiuntke