Gelebte „Ownership Culture“

Aus Mitarbeitern werden Eigentümer des Unternehmens

Die Mitarbeiter am Unternehmenserfolg teilhaben zu lassen und dadurch ihre Loyalität gegenüber dem Konzern zu fördern, das ist Ziel der Mitarbeiterbeteiligung und zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur von Siemens heute. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Mitarbeiter, die Eigentümer ihres Unternehmens sind, sich stärker mit ihm identifizieren. Sie sind motivierter und engagierter, übernehmen Verantwortung und handeln im Sinne eines langfristigen Unternehmenserfolgs. Weltweit sind aktuell mehr als 300.000 Mitarbeiter (Stand April 2018) Siemens-Aktionäre – das sind rund 80 Prozent der insgesamt 379.000 Angestellten. Seit 1969 haben sie die Möglichkeit, Aktien der Siemens AG zu Vorzugskonditionen zu erwerben, doch die Geschichte der Teilhabe bei Siemens beginnt viel früher.

Pioniere – Siemens beteiligt seine Mitarbeiter schon im 19. Jahrhundert am Unternehmenserfolg 

Schon Werner von Siemens hat die Vision, Mitarbeiter zu Eigentümern des Unternehmens zu machen. Bereits 1858 werden die Beschäftigten von Siemens & Halske erstmals am Gewinn der Firma beteiligt. Acht Jahre später führt Werner von Siemens eine Inventurprämie ein, mit der die Siemensianer über den regulären Lohn hinaus am gemeinsam erwirtschafteten Gewinn partizipieren. 1927 belebt sein Sohn Carl Friedrich, der damalige „Chef des Hauses“, dieses Element der betrieblichen Sozialpolitik neu, indem er eine vom Geschäftserfolg abhängige jährliche „Abschlussprämie“ für Tarifangestellte und Arbeiter etabliert. Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs und einer Übergangsphase des Wiederaufbaus entschließt sich die Firmenleitung, die Erfolgsbeteiligung 1951 wieder aufleben zu lassen.

Neue Wege der Erfolgsbeteiligung – Siemens führt die Belegschaftsaktie ein

Als es in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre konjunkturbedingt zu einer Kürzung der Gewinnbeteiligung kommt, verständigt man sich darauf, die Belegschaft ersatzweise am Produktivvermögen des Hauses zu beteiligen. 1969 haben Mitarbeiter der Siemens AG in Deutschland erstmals Gele­genheit, Belegschaftsaktien zu einem Vorzugspreis von 156 DM zu erwer­ben; dieser Betrag entspricht dem halben Börsenkurs am Tag der Be­schlussfassung (23. Januar 1969). Gemäß den Richtlinien des Beleg­schaftsaktiengesetzes müssen weder auf die Differenz zwischen Vorzugs­preis und Börsenkurs noch auf den Kaufpreis selbst Sozialabgaben und Steuern gezahlt werden. Da der sogenannte geldwerte Vorteil 500 DM pro Person und Kalenderjahr nicht überschreiten darf, kann jeder teilnahmeberechtigte Beschäftigte maximal drei Siemens-Aktien erwerben, die einer gesetzlich vorgeschriebenen Sperrfrist von fünf Jahren unterliegen. 

Ein begehrtes Angebot – von der Belegschaftsaktie zum „Profit Sharing“ 

Im Frühjahr 1969 werden 135.725 Belegschaftsaktien mit einem Nominal­wert von 6,8 Millionen D-Mark ausgegeben. Der Erfolg dieser ersten Aktion – 24 Prozent der Siemens-Mitarbeiter in Deutschland machen von dem „allgemeinen Angebot“ Gebrauch – ermutigt die Geschäftsleitung, auch in den kommenden Jahren Stammaktien zu Vorzugspreisen anzubieten. Von Anfang an gibt es Überlegungen, auch den Mitarbeitern außerhalb Deutschlands Siemens-Aktien zum Kauf anzubieten. Entsprechend ist es grundsätzlich allen Landesgesellschaften freigestellt, sich an den Aktienaktionen zu beteiligten; die Differenz zwischen Börsenkurs und Vorzugspreis soll von den Landesgesellschaften getragen werden. Doch obwohl mehrere Gesellschaften Interesse an dieser Form der Mitarbeiterbeteiligung zeigen, scheitert eine Annahme des Angebots an zahlreichen lokalen Besonderheiten. Einzig Siemens Niederlande bietet seinen Mitarbeitern ab 1975 Aktien zum Vorzugspreis an.

In Deutschland entwickelt sich das Siemens-Aktienprogramm im Verlauf der vergangenen 50 Jahre zu einem integralen Bestandteil der Mitarbeiterorientierung. Seit 1989 liegt die Teilnahmequote im Schnitt bei 70 Prozent. Angesichts der hohen Nachfrage beschließt die Unternehmensleitung im Jahr 2008, die Beteiligung der Mitarbeiter und Führungskräfte am wirtschaftlichen Erfolg im Sinne einer aktienorientierten Unternehmenskultur auszuweiten.

 

Alle Mitarbeiter weltweit und über sämtliche Hierarchieebenen hinweg erhalten die Chance, sich am Erfolg von Siemens zu beteiligen. Unter Beachtung der jeweils landesspezifischen Gegebenheiten werden Mitarbeiter-Aktienprogramme aufgelegt. Besonders erfolgreich ist das im Jahr 2008 eingeführte „Share Matching Program“, eines der größten Mitarbeiterbeteiligungsprogramme weltweit.

 

Darüber hinaus führt der Vorstand 2015 das „Siemens Profit Sharing“ ein, um alle Mitarbeiter unterhalb des Senior Managements an der Unternehmensentwicklung teilhaben zu lassen. Mittlerweile sind rund 80 Prozent der Mitarbeiter weltweit am Unternehmen auch über Aktien beteiligt. Zusammen halten die Siemens-Belegschaftsaktionäre einen Anteil von etwas mehr als drei Prozent aller Siemens-Aktien – und sind derzeit damit der drittgrößte Siemens-Investor. 

Der „Berliner Appell“ – Mitarbeiterbeteiligung als wichtiger Teil der Vermögensbildung

Es mehren sich die Anzeichen, dass die Anzahl der Mitarbeiterbeteiligungen in der deutschen Wirtschaft bald steigen wird: Mittlerweile misst man dem Thema wachsende Bedeutung zu. Eine Gruppe von 60 Vertretern namhafter Unternehmen, Hochschulen und anderer Organisationen – darunter Siemens, die Ludwig-Maximilians-Universität München oder das Deutsche Aktieninstitut e.V. – sprechen sich Ende 2017 in einem öffentlichen Appell für die Mitarbeiterbeteiligung aus.

Im europäischen Vergleich lande Deutschland mit einem Steuerfreibetrag von 360 Euro auf dem letzten Platz. Im internationalen Ranking müsse dieser auf 3.000 Euro erhöht werden. Dividenden und Zinserträge sollten außerdem steuerfrei sein, vorausgesetzt, sie dienen dem langfristigen Vermögensaufbau – so der „Berliner Appell“ an die Bundesregierung.

Es geht darum, dass die Deutschen nicht weiterhin vom wirtschaftlichen Erfolg abgekoppelt bleiben, sondern – gerade in Zeiten niedriger Zinsen – an der Unternehmensentwicklung teilhaben und damit ihre persönliche Vermögensbildung verbessern können
Mariel von Schumann, Chief of Staff der Siemens AG, im Gespräch mit der Zeitung Handelsblatt am 26. April 2018

 

 

Sabine Dittler | Sham Jaff

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Weiterführende Informationen zu dem Thema
Zum Weiterlesen

Almuth Bartels, Monetarisierung und Individualisierung. Historische Analyse der betrieblichen Sozialpolitik bei Siemens (1945–1989), Stuttgart 2013, S. 126–203