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Siemens verlagert den Unternehmenssitz

Die politische Lage im Berlin der Nachkriegszeit ist unsicher, und so beschließt die Siemens-Führung Ende März 1949, den Firmensitz der Siemens & Halske AG zum 1. April des Jahres nach München und den der Siemens-Schuckertwerke AG nach Erlangen zu verlegen. Berlin bleibt jeweils zweiter Firmensitz. Dieser Entscheidung gehen heftige mehrjährige Auseinandersetzungen voraus. Die Gegner der Verlagerung argumentieren, dass Siemens ohne Berlin nie wieder „Siemens“ werden könne.

Der Zerstörung entgehen – von Berlin nach Süddeutschland

Siemens wird 1847 in Berlin gegründet. Über Jahrzehnte bildet die deutsche Metropole – zahlreichen Vertretungen, Zweigniederlassungen, Technischen Büros und Produktionsstätten im Ausland zum Trotz – das Zentrum des Elektrounternehmens. In den 1930er-Jahren spricht sich der damalige Chef des Hauses, Carl Friedrich von Siemens, jedoch gegen eine erneute Erweiterung des Standorts Siemensstadt aus, denn die verkehrstechnischen und logistischen Probleme werden immer größer. Stattdessen regt er an, in den thüringisch-fränkischen Raum auszuweichen, der zu dieser Zeit strukturschwach ist. Während des Zweiten Weltkriegs entstehen rund 600 Standorte außerhalb von Berlin – zunächst aus Gründen der Kapazitätserweiterung und später zur Ansiedelung von Ausweichbetrieben angesichts der zunehmenden Luftangriffe auf Berlin. Ab dem Spätherbst 1944 diskutiert die Führungsspitze zusätzlich über die Verlagerung des Firmensitzes.

Unter „Exilregierungen“ überleben – Siemens wird dezentralisiert

Dank Kontakten nach Schweden erhält man Kenntnis über Pläne der Alliierten zur Aufteilung Deutschlands erhalten. Demnach soll Berlin in der russischen Besatzungszone liegen und von russischen Truppen besetzt werden. In Reaktion auf diese Informationen entscheidet die Siemens-Führung, in West- und Süddeutschland sogenannte Gruppenleitungen einzurichten. Mit dieser Dezentralisierung der Unternehmensleitung will man Handlungsfähigkeit und Überlebenschancen der Firma über das Kriegsende hinaus absichern. 

Im Februar 1945 übernimmt Ernst von Siemens die Gruppenleitung von Siemens & Halske inklusive aller im Westen Deutschlands gelegenen Betriebe und der gemeinsam mit den Siemens-Schuckertwerken (SSW) unterhaltenen Zentralabteilungen. Zum Sitz der Gruppenleitung wird München bestimmt, da man sich von der amerikanischen Besatzungszone die größte wirtschaftliche Bewegungsfreiheit verspricht. Außerdem ist die bayerische Landeshauptstadt keine Unbekannte mehr, denn Siemens & Halske besitzt dort mit der Isaria-Zählerwerke AG bereits seit 1927 eine nachrichtentechnische Fertigungsstätte.

Aus den Fabriken und Vertriebsstellen der Siemens-Schuckertwerke werden drei Gruppenleitungen gebildet, die in Hof beziehungsweise Erlangen und Mülheim an der Ruhr angesiedelt sind. Insgesamt entsendet man etwa 20 Führungskräfte in den Westen. 

Im Spätsommer 1945 ist das Haus Siemens faktisch zweigeteilt: In den Westzonen sitzen nun die Gruppenleitungen, deren Zentralfunktionen mit den Vorstandsaufgaben vergleichbar sind und die eigenverantwortlich für die Westzonen handeln. Der Zuständigkeitsbereich der in Berlin verbleibenden Führung umfasst lediglich das Stadtgebiet sowie die sowjetische Besatzungszone.

Alle Tradition sprach für Berlin als Standort. Aber was ist Tradition? Sie wird nur zu gern mit Gewohnheit verwechselt. Hier hieß es, aus altem Geiste Neues zu schaffen.
Ernst von Siemens, 1978

Streit um Berlin oder München – Neuerer gegen Traditionalisten

Im November 1946 werden die vor Kriegsende getroffenen Maßnahmen von Aufsichtsrat und Vorstand gebilligt. Trotzdem kommt es in der Folge zu schweren internen Auseinandersetzungen, die die Einheit des Unternehmens auf eine harte Probe stellen: Die sogenannten Traditionalisten sehen die Zukunft des Unternehmens weiterhin im alten Zentrum der deutschen Elektroindustrie, für die Erneuerer ist eine Verlegung des Firmensitzes unumgänglich. Als im November des Folgejahres die Befugnisse der Gruppenleiter auf bloße Repräsentationsfunktionen reduziert werden und ein Interzonaler Vorstandsausschuss etabliert wird, eskaliert die Situation. Im August 1948 entbindet der Aufsichtsrat in Berlin die Gruppenleiter von ihren Aufgaben.

 

Angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse erweist sich diese Entscheidung jedoch als untragbar. Die Ausweitung der Bi-Zone zur Tri-Zone, die in der sowjetisch besetzten Zone nicht durchgeführte Währungs- und Wirtschaftsreform und die sich abzeichnende Gründung der Bundesrepublik Deutschland bereiten den Boden für einen zukunftsweisenden Beschluss, der unter der Bezeichnung „Starnberger Friede“ in die Siemens-Geschichte eingeht. Als Konsequenz erhalten die beiden Stammgesellschaften wieder eine einheitliche Führung.

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

Frank Wittendorfer, Warum ist Siemens in München?, in: Archiv und Wirtschaft, 41. Jahrgang 2008, Heft 1