Going Underground

Erste elektrische U-Bahn auf dem europäischen Kontinent

Ende des 19. Jahrhunderts ist Budapest die bedeutendste europäische Stadt östlich von Wien. Aufgrund der zentralistischen Organisation des Landes konzentrieren sich wirtschaftliche Entwicklung und industrielle Revolution weitgehend auf die ungarische Hauptstadt. Seitens der Kommune werden im Vorfeld der 1896 stattfindenden „Budapester Millenniumsausstellung“ zahlreiche Großprojekte in Angriff genommen – darunter auch die erste, von Siemens & Halske errichtete elektrische U-Bahn auf dem europäischen Kontinent.

Unterirdisch durchs Zentrum – Die U-Bahn als neues Verkehrsmittel

Anfang der 1890er-Jahre verfügt die Hauptstadt der ungarischen Reichshälfte der K.-u.-k.-Monarchie Österreich-Ungarn über ein ausgedehntes Pferde-Straßenbahnnetz und eine erste elektrische Straßenbahn – letztere realisiert und finanziert von Siemens & Halske. Pläne, in der Andrássy Allee, der zentralen Verkehrsachse der Stadt, ebenfalls eine Straßenbahn zu errichten, sind wiederholt am Widerstand der Behörden gescheitert. Budapests Prachtboulevard darf damals ausschließlich von Landauern und Pferde-Omnibussen befahren werden. Angesichts der bevorstehenden Feierlichkeiten angesichts der Landesausstellung hat nun aber der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs oberste Priorität. 

Ende Januar 1894 legen die Budapester elektrische Stadtbahn-Actien-Gesellschaft und die Budapester Strasseneisenbahn-Gesellschaft den zuständigen Gemeindebehörden einen von Siemens & Halske ausgearbeiteten Entwurf für eine U-Bahn zur Genehmigung vor. Die 3,75 Kilometer lange Strecke soll weitgehend unterirdisch von dem im Zentrum von Pest gelegenen Giselaplatz über den Waitzner-Boulevard und die Andrássy Allee zum Ausstellungsgelände führen. Hauptzweck der sogenannten Franz-Josef-Elektrischen Untergrundbahn ist es, die zahlreich erwarteten Besucher und Gäste der Landesausstellung sicher und schnell zu befördern.

Im Wettlauf mit der Zeit – nur noch 20 Monate bis zur Ausstellung

Da Eile geboten ist, passiert das Projekt die erforderlichen Gremien unerwartet schnell: Nach wenigen Monaten wird am 9. August 1894 die Konzession zum Bau und Betrieb erteilt – unter der Auflage, dass die Bahn rechtzeitig zur „Millenniumsausstellung“ einsatzbereit ist.

 

Damit stehen für sämtliche Arbeiten an der U-Bahn-Anlage und für die elektrische Ausrüstung der Triebwagen ganze 20 Monate zur Verfügung.

 

Bereits am 13. August ist Baubeginn; wegen des Zeitdrucks arbeitet man in zwei Schichten. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Arbeiten im Licht von Bogenlampen fortgesetzt. Insgesamt werden 138.000 Kubikmeter Erdreich ausgehoben; für die Stützkonstruktion benötigt man 47.000 Kubikmeter Beton und 3.000 Tonnen Eisen.

Der Bau der U-Bahn-Anlage erfolgt Abschnitt für Abschnitt: Zunächst wird der Straßenbelag aufgerissen, die Erde ausgehoben und abtransportiert – insgesamt knapp 142.000 Kubikmeter. Anschließend zieht man das Fundament und die Seitenwände ein. Wegen des hohen Zeitdrucks wird der U-Bahn-Tunnel in offener Bauweise realisiert; er verläuft direkt unter dem Straßenpflaster. Das Fundament, die Seitenwände und die Decke der durchgehend 2,85 Meter hohen Tunnelröhre sind aus Beton.

 

Auf der Sohlplatte werden stählerne Mittelstützen errichtet, auf denen die Stahlträger der Tunneldecke lagern. Nach Abschluss der Stahlkonstruktion werden die Räume zwischen den einzelnen Trägern mit Beton ausgegossen. 

 

Wie damals üblich, wird die Budapester U-Bahn von einem eigenen kleinen Kraftwerk mit Strom versorgt. Zu diesem Zweck erweitert man die bereits bestehende Maschinenanlage im Kraftwerk Gärtnerstraße der Budapester Elektrischen Stadtbahn AG, indem zwei zusätzliche Verbunddampfmaschinen aufgestellt werden. Diese treiben je eine Siemens-Innenpol-Gleichstrommaschine mit einer Stundenleistung von 1.100 Ampere bei 300 Volt Spannung an.

Franz-Josef-Elektrische Untergrundbahn – fristgerecht fertig

Ungeachtet einiger Widrigkeiten, die sich bei der Planung des Pionierprojekts nicht haben absehen lassen, gelingt es, die Bahn fristgerecht fertigzustellen. Am 2. Mai 1896 findet die feierliche Eröffnung der Unterpflasterbahn statt.

 

Für den Betrieb der U-Bahn stehen 20 Triebwagen zur Verfügung. Die teils holzverkleideten, teils lackierten Wagen werden im Budapester Werk der Firma Schlick gefertigt. Die gesamte elektrische Ausrüstung inklusive Motoren und deren Schaltvorrichtungen liefert Siemens & Halske. In dem sechs Meter breiten U-Bahn-Tunnel verkehrt die Bahn durchgängig zweigleisig. Die Tunnelstrecke erhält eine zweipolige Stromzuführung aus an der Tunneldecke befestigten Grubenschienen, wohingegen der oberirdische Streckenabschnitt über doppelte Oberleitungsdrähte versorgt wird. 

Wegen der geringen Abmessungen des U-Bahn-Tunnels sind die Wagen vergleichsweise klein, entsprechend wird die Bahn auch als „Kleine U-Bahn“ bezeichnet. Jeder Wagen hat 28 Sitz- und 14 Stehplätze. Im Unterschied zu den damals üblichen Straßenbahnwagen ist der Führerstand komplett vom Fahrgastraum getrennt.

 

Für die Dauer der Landesausstellung verkehrt die U-Bahn von 6:00 Uhr morgens bis 1:00 Uhr nachts, bei großem Besucherandrang sogar im Zwei-Minuten-Takt. Allein bis Ende September werden knapp 2,3 Millionen Fahrgäste befördert und 370.000 Wagenkilometer zurückgelegt.

 

Mehrfach modernisiert, ist die erste U-Bahn-Linie des europäischen Kontinents – nunmehr unter der Bezeichnung „Millenniums-U-Bahn“ – noch immer fester Bestandteil des Budapester U-Bahn-Netzes. 2002 wird die heutige Linie M1 zusammen mit der Andrássy Allee in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

 

 

 

Sabine Dittler