Goldrausch in Südafrika

Siemens bringt Strom in Städte und Minen

Für eine moderne Infrastruktur zum Nutzen der Gesellschaft sind Kraftwerke von entscheidender Bedeutung. Sie liefern die dringend benötigte Energie für Städte, Industrie und Verkehr. 1897 errichtet Siemens das erste Elektrizitätswerk Südafrikas und legt damit den Grundstein für die Elektrifizierung des Landes.

Das goldene Zeitalter in Südafrika

Im Jahr 1886 wird am Witwatersrand in der damaligen Südafrikanischen Republik (heute Südafrika) die größte bekannte Goldlagerstätte der Welt entdeckt und damit ein regelrechter Goldrausch ausgelöst.  Doch während Kohle meist in Handarbeit abgebaut werden kann, lassen sich Goldminen wegen der Härte des Gesteins nur mithilfe von Maschinen ausbeuten. Und für deren Antrieb benötigt man große Mengen Strom. Etwa zur gleichen Zeit steigt auch der Energiebedarf der wachsenden Städte Johannesburg und Pretoria. Schließlich können die lokalen Elektrizitätserzeuger die Nachfrage nicht länger komplett befriedigen. Die Lösung: ein Drehstromkraftwerk, das sowohl die Minen als auch die 40 Kilometer entfernte Stadt Johannesburg mit elektrischem Strom versorgt. 

Erstes öffentliches Kraftwerk Südafrikas – Siemens bringt Strom in Städte und Minen

Da sich Siemens & Halske bereits 1894 die Konzession gesichert hat, die Minen am Witwatersrand sowie das aufstrebende Johannesburg elektrifizieren zu können, wird die Firma mit der Planung und dem Bau eines Kohlekraftwerks in unmittelbarer Nähe der Kohleminen in Brakpan beauftragt. Der hier erzeugte Strom wird über Hochspannungsleitungen zu den verschiedenen Verbrauchern in den Goldminen übertragen. Das Rand Central Electric Works (RCEW) bei Johannesburg ist damit nicht nur das erste öffentliche Kraftwerk in Südafrika, es setzt auch als Erstes eine Spannung von 10.000 Volt für die Energieübertragung ein.

Ende 1895 beginnen die Bauarbeiten im Auftrag der Rand Central Electric Works Ltd. mit Sitz in London, die eigens für dieses Projekt gegründet wird. Die technische Ausrüstung der Zentrale – so der zeitgenössische Begriff – orientiert sich an den Elektrizitätswerken, die Siemens & Halske bisher in Berlin gebaut hat. Neben dem eigentlichen Kraftwerk errichtet das Unternehmen Wohngebäude, Pensionen und Unterkünfte für die Arbeiter und die Direktion. Diese Infrastruktur wird dringend benötigt, gilt es doch, für den Bau und den Betrieb der Anlage genügend qualifizierte Fachkräfte aus Europa anzuwerben und zu halten.

Kraftwerkserrichtung in Rekordzeit – Inbetriebnahme nach nur zwei Jahren Bauzeit

Nach nur zwei Jahren Bauzeit geht die bis dato größte von Siemens & Halske errichtete Drehstromzentrale 1897 in Betrieb – zunächst nur mit drei der insgesamt vier Drehstromgeneratoren; einer steht als Reserve bereit. Die Siemens-Generatoren erzeugen jeweils 975 Kilowatt bei 700 Volt und gehören damit zu den größten ihrer Zeit. Um die Energieverluste bei der Stromübertragung zu verringern, wird die 700-Volt-Spannung der Generatoren mithilfe von Transformatoren auf 10.000 Volt erhöht. Bei den Verbrauchern transformiert man die Spannung dann auf 120 beziehungsweise 500 Volt herunter.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts steigt der Strombedarf in der Region kontinuierlich. So wird in Johannesburg beispielsweise die Gasbeleuchtung zunehmend durch elektrische Glühlampen ersetzt. Zusätzlich können weitere Goldminen als Kunden gewonnen werden. Doch man erlebt auch Rückschläge: 1899, mit Beginn des Zweiten Burenkriegs zwischen den Buren-Republiken und Großbritannien, kommt es nicht nur zu Beeinträchtigungen des Minenbetriebs, sondern auch das Kraftwerk selbst wird Ziel der Zerstörung.

So sprengen die Rebellen Anfang 1901 die Generatoren; nur ein einziger Generator bleibt weitgehend unbeschädigt. Doch bis Ende des Jahres kann der Wiederaufbau abgeschlossen und die Stromproduktion wieder hochgefahren werden. 1903 erreicht man schließlich – unter Einsatz aller vier Generatoren – die volle Kapazität und deckt damit unter anderem die Hälfte des Bedarfs an elektrischer Energie von Johannesburg.

 

 

Dr. Franz Hebestreit