Herausforderung Amerika

Die turbulenten Anfänge von Siemens USA 

Mitte der 1840er-Jahre knüpfen Werner von Siemens und sein Bruder William erste Geschäftskontakte in die USA.

Am 4. März 1892 gründet Siemens die erste amerikanische Tochtergesellschaft. Die Entwicklung der Siemens & Halske Electric Co. of America steht jedoch unter keinem guten Stern. 

Protektionismus und Einfuhrverbote – erste Geschäftskontakte in einem schwierigen Markt

Werner von Siemens und sein Bruder William richten bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt den Blick nach Übersee und knüpfen erste Geschäftskontakte in die USA. Damals, Mitte der 1840er-Jahre, verkaufen sie für kurze Zeit Buchdruckpressen an amerikanische Unternehmer. Nach Gründung der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ (S&H) in Berlin beschränken sich die Geschäftsaktivitäten über Jahrzehnte vor allem darauf, einzelne Patente anzumelden, Lizenzverträge abzuschließen und einige wenige Nischenprodukte zu liefern. Die hohe Spezifität der Siemens-Erzeugnisse in Kombination mit den lokalen Kundenbedürfnissen erschwert die Erschließung des weitgehend autonomen nordamerikanischen Elektromarkts.

 

Zusätzlich erweist sich die protektionistische Wirtschaftspolitik des Landes als ebenso hinderlich wie die Tatsache, dass die Einfuhr von bereits in den USA patentierten Geräten und Maschinen gesetzlich verboten ist.

 

1886 verpflichtet Werner von Siemens den namhaften amerikanischen Eisenbahnindustriellen Henry Villard, die Interessen von Siemens & Halske in den USA wahrzunehmen – jedoch ohne den erhofften Erfolg: Bis Anfang der 1890er-Jahre erschöpft sich dessen Akquisetätigkeit auf kleine Einzelaufträge. 

Fuß fassen vor Ort mit eigener US-Tochter – „die amerikanische Tragödie“

Am 4. März 1892 gründet Siemens & Halske mit dem deutsch-amerikanischen Unternehmer Otto W. Meysenburg in Chicago die Siemens & Halske Electric Co. of America (S&H America). Meysenburg übernimmt das Amt des Präsidenten und fungiert fortan als neuer Generalvertreter in den USA. Geschäftszweck von S&H America ist die Fertigung und der Vertrieb von Dynamomaschinen für elektrische Bahnen und Beleuchtungsanlagen sowie von elektrischen Ausrüstungen für Eisenbahnen. Erwartungsgemäß erleichtert die Produktion vor Ort die Verwertung von US-Patenten, hohe Einfuhrzölle und Transportkosten entfallen. 

Dennoch kämpft die Gesellschaft von Anfang an mit finanziellen Schwierigkeiten; innerhalb von zwei Jahren muss das Eigenkapital zwei Mal erhöht werden. Darüber hinaus erschweren kulturelle Unterschiede, divergierende Vorstellungen über die Art und Weise der Geschäftsführung sowie Kommunikationsprobleme zwischen Chicago und dem weit entfernten Berliner Stammhaus die Geschäftsentwicklung. Doch damit nicht genug: Im August 1894 werden die Chicagoer Fabrikanlagen durch einen Brand völlig zerstört – dieses Ereignis läutet das vorläufige Ende des Versuchs ein, in den USA eine Tochtergesellschaft mit eigener Produktion zu etablieren. „Die amerikanische Tragödie“, wie Carl von Siemens das US-Engagement von Siemens & Halske kurz nach dem Brand bezeichnet, findet 1904 mit der Liquidation der S&H America ihren Abschluss. 

Siemens analysiert den US-Absatzmarkt – „möglichst billig, einfach und derb“ 

1908 startet Siemens in eine neue Ära des US-Geschäfts: Unter der Leitung des deutschen Physikers Karl Georg Frank etabliert das deutsche Elektrounternehmen in New York ein sogenanntes Informationsbüro, das sowohl die Interessen von Siemens & Halske als auch die der fünf Jahre zuvor gegründeten Siemens-Schuckertwerke (SSW) wahrnehmen soll.

 

Dessen Aufgabenschwerpunkt ist ursprünglich, Know-how über die spezifischen Gegebenheiten des US-Marktes und die Absatzchancen des Siemens-Produktportfolios zusammenzutragen. Frank emanzipiert sich jedoch rasch von den Direktiven des Berliner Stammhauses – und forciert schon bald den Verkauf von wissenschaftlichen Messapparaten, Laborgeräten und Bogenlampen. 

Von größerem Nutzen für die weitere Geschäftsentwicklung sind jedoch die Erkenntnisse aus seinen Markt- und Wettbewerbsanalysen. So fordert Frank mit Blick auf die amerikanischen Kunden, „Fabrikate [zu] liefern, die moeglichst billig, einfach und derb sind bei denen alle Arbeit fuer ueberfluessige aeuszere [!] Ausstattung vermieden ist, deren Teile leicht ersetzbar sind und deren Bedienung so einfach als moeglich ist“.

 

Darüber hinaus initiiert und intensiviert der Leiter der Siemens-Repräsentanz Kontakt und Erfahrungsaustausch mit den US-amerikanischen Marktführern General Electric (GE) und Westinghouse Electronic Corporation (kurz Westinghouse).

 

Eine dauerhafte Markterschließung, die über die Verwertung von Patenten und ein begrenztes Geschäft mit Spezialartikeln hinausgeht, wird Siemens jedoch bis 1945 nicht gelingen.

 

Doch die Geschichte von Siemens USA geht hier nicht zu Ende.

Sabine Dittler