In 28 Minuten um die halbe Welt

Der Bau der Indo-Europäischen Telegraphenlinie vor 150 Jahren

Mehrere Tage unterwegs – so lange brauchen im 19. Jahrhundert Nachrichten aus dem Herzen der damaligen Weltmacht England bis in ihre wichtigste Kolonie Indien. Die erste Depesche von London nach Kalkutta in „nur“ 28 Minuten ist deshalb eine Weltsensation. Dass die telegraphische Überwindung der 11.000 Kilometer langen Strecke überhaupt möglich wird, daran hat Siemens einen großen Anteil und begründet den internationalen Ruhm der Firma.

Neue Technik, aufnahmebereite Märkte – und erste Gewinne im Visier

Die Industrialisierung schreitet im 19. Jahrhundert unvermindert fort, und deshalb benötigen die Menschen nicht nur schnelle Transportmittel für sich und ihre Produkte, sondern auch moderne Übertragungswege für Nachrichten aller Art. Die zuverlässige Übermittlung von Informationen kann entscheidend für den Zugang zu Kolonien und die Anbindung von Märkten und Handelspartnern sein. Um dies zu gewährleisten, sind große Investitionen in neue Techniken und Infrastrukturmaßnahmen erforderlich, die oftmals nur von wenigen Spezialunternehmen angeboten und ausgeführt werden. Seit 1845 ist in ganz Europa der Aufbau neuartiger Telegrafennetze in vollem Gange. Die Erfindung der elektrischen Telegrafie, die die bisherige optische Nachrichtenübertragung durch Signalanlagen ersetzt, bedeutet einen Quantensprung in der Kommunikationstechnik. Zahlreiche Unternehmen engagieren sich auf dem neuen Gebiet, unter ihnen auch das Berliner Unternehmen Siemens & Halske.

 

Lange Landlinien, die eine schnelle Kommunikation zwischen strategisch wichtigen Punkten ermöglichen, sind dabei von besonderem Interesse. Etwa seit den 1850er-Jahren wird der Plan, eine Telegrafenlinie von England nach Indien zu bauen, immer wieder diskutiert. In der Folge entstehen auf der Strecke einzelne Teillinien, eine durchgehende zuverlässige Verbindung fehlt aber bis 1870. Auch sind die technischen Voraussetzungen für eine Nachrichtenübertragung auf derart weiten Strecken noch nicht gegeben. Es bleibt aber der Ansporn diese Hürden zu nehmen, denn derartige Projekte versprechen höchst gewinnbringend zu sein.

Familiär und geschäftlich bestens vernetzt – Siemens startet in das Projekt

Die Verantwortlichen stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: 11.000 Kilometer Strecke müssen überwunden und vier Hoheitsgebiete durchquert werden, außerdem muss der Einsatz von Arbeitskräften und Material für ein Projekt dieser enormen Größenordnung organisiert werden. Hier kann Siemens & Halske seine Stärken ausspielen, und die gute Vernetzung der Siemens-Brüder erweist sich als erfolgsentscheidend: William Siemens übernimmt die Verhandlungen mit England, das als Hauptnutzer der Linie fest eingeplant ist. Carl von Siemens fungiert als Repräsentant beim russischen Zaren. Die Verhandlungen mit Persien, das aufgrund von Differenzen zwischen dem Osmanischen Reich und Russland als Transitland nach Indien ausgewählt wird, übernimmt Walter Siemens, der die Siemens-Niederlassung in Tiflis leitet. Preußen schließlich ist dem Vorhaben einer Firma mit Sitz in Berlin gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen, sodass Werner von Siemens hier eine gute Ausgangsbasis vorfindet.

Grenzüberschreitend – die Gründung der „Indo-Europäischen Telegraphen-Actien-Gesellschaft“ als europäisches Projekt

Die Gespräche mit den unterschiedlichen Vertragspartnern ziehen sich dennoch über mehrere Jahre hin, bis 1867 endlich alle notwendigen Konzessionen vorliegen und schließlich im April 1868 die „Indo-European Telegraph Company“ mit Sitz in London gegründet werden kann. Zweck der Gesellschaft ist die Finanzierung, die Errichtung und der Betrieb der neuen Linie. Neben Siemens & Halske und Siemens Brothers Ltd. sind vor allem die involvierten Staaten maßgeblich an dem Unternehmen beteiligt. Dort werden die Aktien der Gesellschaft auch platziert. Nach zunächst schleppendem Beginn – potenzielle Aktionäre reagieren auf das Projekt angesichts seines Ausmaßes und seiner Neuartigkeit anfangs zurückhaltend – gelingt es, Kapital in Höhe von 450.000 Pfund zu zeichnen. 36 Prozent der Aktien werden in Berlin, Hamburg und Bremen platziert, 4,5 Prozent in St. Petersburg und 39 Prozent in London.

Planvolle Arbeitsteilung und technische Innovationen – Siemens Firmen in drei Staaten sind an dem Projekt beteiligt

Mit dem Bau der Linie beauftragte die neu gegründete Gesellschaft Siemens & Halske. An der Umsetzung des Großprojekts sind jedoch alle drei Siemens Firmen beteiligt: Das Berliner Stammhaus und die russische Niederlassung in St. Petersburg verantworten den Bau der Landlinie, während die englischen Siemens Brothers die Verlegung der Seekabel im Schwarzen Meer sowie sämtliche Materialtransporte nach Russland, in den Kaukasus und nach Persien übernehmen.

 

Dennoch nimmt das Berliner Haus eine besondere Rolle ein: Dort hat Werner von Siemens einen speziellen Telegrafenapparat entwickelt, der auf den Betriebsstationen entlang der Linie eingesetzt werden soll. Mit dem Ziel, die fehlerbehaftete und zeitaufwendige Handvermittlung auf den Zwischenstationen zu vermeiden, entwickelt er eine technische Lösung, dank derer die Telegramme von Abschnitt zu Abschnitt auf der Linie selbsttätig übertragen werden können. Der Sendevorgang wird zusätzlich durch Lochstreifen automatisiert. Mit Hilfe dieses von ihm als „selbsttätige Translation“ bezeichneten Vorgangs erhält das Projekt der Indolinie einen technischen Vorsprung gegenüber bereits bestehenden Verbindungen.

Eine wahre Mammutaufgabe – Der Bau der „Indo-Europäischen Telegraphenlinie“ beginnt

Der Bau selbst beginnt Anfang Juni 1868. Siemens errichtet jedoch nicht die gesamte Linie, sondern ein Teilstück von der preußisch-russischen Grenze über den Kaukasus nach Teheran in Persien. Der rund 4.700 Kilometer lange neue Abschnitt soll nach seiner Fertigstellung an bereits bestehende Linien angeschlossen werden und die Verbindung London-Kalkutta schließen. Die „Siemens-Linie“ wird in drei Bauabschnitte unterteilt, die jeweils von einem erfahrenen Telegrafeningenieur geleitet werden: von Thorn an der preußisch-russischen Grenze nach Kertsch, einer Hafenstadt auf der Krim; der zweite Abschnitt schließt den Teil der Linie durch das Schwarze Meer ein, über Tiflis bis an die persische Grenze nach Dschulfa und von dort schließlich bis Teheran.

 

Als besonderen Anreiz für ihre verantwortungsvolle Aufgabe erhalten die Abschnittsleiter neben ihrer Bezahlung eine Beteiligung am Gewinn, den die Siemensfirmen durch den Linienbau einstreichen. Dieser Lohn ist auch gerechtfertigt, denn der Bau der Linie stellt eine logistische Herausforderung dar. Das gesamte, tonnenschwere Baumaterial – der Leitungsdraht, Porzellanisolatoren, Telegrafenapparate und die gusseisernen Masten – muss erst mühsam an seinen jeweiligen Bestimmungsort transportiert werden. Das Großprojekt erweist sich gleichzeitig auch als regelrechtes Abenteuer. Besonders der Abschnitt durch Persien konfrontiert die Verantwortlichen vor Ort mit allerlei Gefahren: Neben Auseinandersetzungen mit angeheuerten persischen Bautrupps und Diebstählen von Material sind sie zuweilen sogar mit bewaffneten Überfällen konfrontiert. Doch allen Widrigkeiten wird getrotzt und die Mühen lohnen sich schließlich.

„Macht jetzt nur tüchtig Geschrei“ – mit Werbung zum Erfolg

Denn am 12. April 1870 kann nach nur zwei Jahren Bauzeit die erste Depesche verschickt werden. Aus diesem Anlass hat William Siemens wichtige Persönlichkeiten in die Londoner Station eingeladen, um in ihrer Anwesenheit die Verbindung nach Teheran – der Zwischenstation auf dem Weg nach Indien – herzustellen; später gelingt auch eine Verbindung direkt nach Kalkutta. Werner von Siemens ist ebenfalls vor Ort und schreibt noch am gleichen Tag seinem Bruder Carl: „Das war unter Angst und Sorgen ein schöner succes heute! […] Macht jetzt nur tüchtig Geschrei […] mit unserer 1 Minute bis Teheran und 28 Minuten bis Calcutta.“ 

Dr. Florian Kiuntke | Dr. Ewald Blocher

Das könnte Sie auch interessieren

Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen