Der vorausschauende Planer

Auf den Spuren von Karl Janisch

Im Auftrag von Siemens errichtet der Ingenieur und Regierungsbaumeister Karl Janisch bis 1914 zahlreiche Fabrikanlagen am Charlottenburger Spreeufer und im heutigen Siemensstadt. Sein pragmatischer Architekturstil, der sich an den Bedürfnissen einer rationellen Produktion orientiert, spiegelt sich in den heute noch gut erhaltenen Industriebauten nachhaltig wider. 

Geboren in Berlin – Karl Janisch gestaltet seine Heimatstadt

Karl Janisch wird am 6. November 1870 als Sohn eines Wäschereibesitzers im Berliner Ortsteil Wannsee geboren. Im Anschluss an seine Schulzeit am Königstädtischen Gymnasium in Berlin-Mitte studiert er ab 1888 an der Technischen Hochschule Charlottenburg Maschinenbau und Elektrotechnik.

 

Janisch ist begabt und sehr ehrgeizig und absolviert bereits im Verlauf der 1890er-Jahre mehrere Prüfungen. Sein Talent und seine Leistungen werden noch während seiner Studienzeit sowohl von der Universität als auch vom Verein Deutscher Maschinenbauingenieure gewürdigt. Im Juli 1897 besteht Karl Janisch mit knapp 27 Jahren die Baumeisterprüfung mit Auszeichnung.

 

Die praktische Arbeit läuft mit der letzten Phase der universitären Ausbildung parallel: Noch vor der offiziellen Ernennung zum Regierungsbaumeister wird Karl Janisch im August 1896 in den preußischen Staatsdienst übernommen; fortan ist er für die Königlich Preußische Eisenbahndirektion Berlin tätig.

 

Bereits nach wenigen Monaten lässt er sich bei dieser Behörde beurlauben und wechselt – zunächst als freier Mitarbeiter – in die Abteilung für Hoch- und Untergrundbahnen von Siemens & Halske. Was ihn dazu veranlasst, ist in Ermangelung aussagekräftiger Quellen nicht nachvollziehbar. Fest steht, dass Janisch ab Januar 1897 betriebs- und verkehrstechnische Fragen im Rahmen der Projektierung von Hoch- und U-Bahnen bearbeitet.

Der Schritt in die Industrie – Festanstellung bei Siemens & Halske

Im August 1898 wird Karl Janisch auf Veranlassung der Vorstandsmitglieder Heinrich Schwieger und Carl Dihlmann in ein ordentliches Anstellungsverhältnis übernommen. Zeitgleich versetzt man den 28-Jährigen in das Charlottenburger Werk, wo er Dihlmann in dessen Funktion als Werkleiter vertritt. Der Bauingenieur ist zu jener Zeit vor allem damit beschäftigt, das stark expandierende energietechnische Geschäft von Siemens neu zu organisieren.

 

Darüber hinaus verantwortet er die Bebauung eines über 200 Hektar großen Areals an den sogenannten Nonnenwiesen – einer ländlichen Gegend zwischen Charlottenburg und Spandau. Hier entsteht ein völlig neuer Stadtteil, der sich unter der Bezeichnung „Siemensstadt“ bis zum Zweiten Weltkrieg zum größten Unternehmensstandort entwickeln sollte. Indem Janisch die Vertretung von Carl Dihlmann übernimmt, ist sein künftiges Betätigungsfeld als allein verantwortlicher Bauleiter für den neuen Standort vorgezeichnet.

 

Im Sommer 1899 wird Karl Janisch zum Bauleiter für alle Neubauvorhaben ernannt. Endgültig zum Hausarchitekten von Siemens & Halske avanciert er, als ihm 1902 das Dezernat für sämtliche bau- und betriebstechnischen Fragen des gesamten Siemens-Konzerns mit all seinen Zweigstellen und Tochtergesellschaften übertragen wird. Verbunden mit diesem Karriereschritt ist die Ernennung zum Bevollmächtigten und zwei Jahre später zum Prokuristen.

Bauen für Siemens – das unverwechselbare Gesicht des Unternehmens

Zwischen 1899 und 1915 plant und errichtet die firmeneigene Bauabteilung unter Leitung von Karl Janisch zahlreiche Produktionsstätten, die der Siemensstadt ihr unverwechselbares Gesicht geben: Als eines der ersten Gebäude wird 1905 eine Fabrik für die Produktion von Telegrafen, Telefonen und Fernsprechvermittlungsanlagen sowie anderen nachrichtentechnischen Erzeugnissen in Betrieb genommen – das „Wernerwerk“, wie der Bau zu Ehren des Firmengründers genannt wird.

 

Es folgen das Kleinbauwerk zur Produktion von Installations- und Schaltmaterial (1905), ein Automobilwerk (1906), das Dynamowerk für den Bau elektrischer Großmaschinen und Bahnmotoren (1906) sowie eine Eisengießerei (1907). An dem zwischen 1910 und 1913 errichteten Verwaltungsgebäude arbeitet bereits Janischs späterer Nachfolger, der Architekt Hans Hertlein, mit. 

Die Gebäude sind in einer von der bisherigen Bauart abweichenden Weise errichtet, bieten in architektonischer Hinsicht einen großartigen Anblick.
Friedrich Koeltze, Spandauer Oberbürgermeister, 1913

Gebäude müssen zweckmäßig sein – Primat der Funktionalität 

Bei der Architektur der Janisch-Industriebauten stehen weniger ästhetisch-repräsentative als vielmehr funktionale Aspekte im Vordergrund. So konstruiert der studierte Maschinenbauingenieur in erster Linie Zweckbauten, deren Grundrisse eine optimale und kostengünstige Fertigung ermöglichen. Je nach Bedarf können die einzelnen Gebäude flexibel genutzt und problemlos erweitert werden. Janisch holt sich dazu Anregungen aus dem Ausland: Sein Grundkonzept basiert wesentlich auf der Erfahrung einer achtmonatigen Studienreise durch die USA, die er 1901 unternimmt und in deren Verlauf er zahlreiche amerikanische Industrieanlagen besichtigt.

 

Weitere Aufträge außerhalb von Siemens – Wechsel zu den Bayerischen Stickstoffwerken

Zusätzlich zu seiner Siemens-Tätigkeit realisiert Karl Janisch auch Bauvorhaben für andere Unternehmen wie etwa für die Bayerische Stickstoffwerke AG. Mit der wachsenden Bedeutung der chemischen Industrie im Ersten Weltkrieg und dem hieraus resultierenden Bedarf an neuen Fabrikanlagen verschiebt sich seine Tätigkeit immer stärker von Siemens auf die Bayerischen Stickstoffwerke.

 

Dort tritt er im April 1915 schließlich in den Vorstand ein. Der Bau großer Stickstoffwerke beansprucht den mittlerweile zum Königlichen Baurat avancierten Janisch so stark, dass er Anfang Februar 1917 bei Siemens ausscheidet.

 

Für die Bayerischen Stickstoffwerke ist Janisch noch mehr als 20 Jahre in Vorstandsfunktionen aktiv. 1946 stirbt er unerwartet in Schwegermoor im Oldenburgischen, wo er zuletzt der Hannoverschen Kolonisations- und Moorverwertungs AG als Vorstand angehörte.

 

 

Dr. Frank Wittendorfer 

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Weiterführende Informationen zum Thema

Zum Weiterlesen

  • Thorsten Dame, Hans Hertlein (= LEBENSWEGE, Bd. 6), hrsg. v. Siemens Historical Institute, Berlin 2017
  • Elektropolis Berlin. Architektur- und Denkmalführer, hrsg. v. Landesdenkmalamt Berlin, Berlin 2014
  • Wolfgang Ribbe / Wolfgang Schäche, Die Siemensstadt. Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985
  • Berlin und seine Bauten, hrsg. v. Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin. Teil IX: Industriebauten und Bürohäuser, Berlin 1971