London, Westminster und Big Ben 1881

London Calling

Am 16. März 1850 eröffnet  William Siemens die erste Auslandsvertretung von Siemens & Halske

Erfindungen machen an Landesgrenzen nicht halt. So bricht vor über 170 Jahren ein bis dahin unbekannter junger Mann von Deutschland nach England auf, um die Patente seines älteren Bruders zu vermarkten. Es ist der knapp 20-jährige Wilhelm Siemens, der als frisch gebackener Ingenieur in der Hauptstadt des britischen Empires sein Glück sucht. So entsteht 1850 unter seiner Leitung die erste ausländische Vertriebsagentur der 1847 in Berlin gegründeten Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske. Sein Engagement in Wissenschaft und Technik und seine Tätigkeit als Unternehmer werden William – wie er sich in England nennt – später in hohen Kreisen der britischen Gesellschaft etablieren und die Londoner Niederlassung zu einem wichtigen Standbein der Firma anwachsen lassen.

Aufbruch nach England – Erste Schritte in London

 

Vor der Gründung seines Unternehmens betätigt sich Werner von Siemens als Erfinder. Er weiß um die Bedeutung englischer Patente für die geschäftliche Entwicklung seiner Innovationen. Aus diesem Grund beauftragt er seinen jüngeren Bruder Wilhelm, ein von ihm entwickeltes Galvanisierungsverfahren in England patentieren zu lassen und zu vermarkten. Im März 1843 reist der nicht mal 20-jährige Wilhelm erstmals nach London, um die patentrechtlichen und vertrieblichen Möglichkeiten der Erfindung Werners auszuloten – mit Erfolg, denn es gelingt ihm, das Patent gewinnbringend zu verkaufen.

 

Wenn sich auch Wilhelms Versuche, ein Jahr später weitere Patente in England zu vermarkten, als wenig erfolgreich erweisen, bleibt seine Begeisterung für das Mutterland der Industrialisierung ungebrochen, und er beschließt um 1846, ganz in die britische Hauptstadt zu ziehen. Die Anerkennung, die der junge „Civil-Ingenieur“ mit der Vermarktung des Patents bei seinen britischen Kollegen erfahren hatte, steigert die Motivation zu diesem Schritt. Im Vergleich zu Deutschland verspricht England als Vorreiter der Industrialisierung zudem für Ingenieure größere Entfaltungsmöglichkeiten in Technik und Wirtschaft.

 

Gemeinsam mit seinem ebenfalls in London lebenden Bruder Friedrich konzentriert Wilhelm sich ab 1848 zunächst auf Entwicklungsarbeiten im Maschinenbau und in der Wärmetechnik. Eines der erfolgreichsten Produkte aus dieser Zeit ist der später über 200.000-mal verkaufte Wassermesser. 

 

 

 

Doppelte berufliche Existenz – Vertreter des Familienunternehmens und unabhängiger Erfinder

Als William, wie er sich nun in England nennt, im Auftrag seines Bruders Werner am 16. März 1850 die Vertretung von Siemens & Halske in London eröffnet, muss er seine eigenen Interessen als unabhängiger Erfinder und Wissenschaftler zunächst in den Hintergrund treten lassen – ruhen lässt er sie nicht. Das zeigt sein anhaltendes Engagement außerhalb des Unternehmens, das ihn zeitlebens antreibt und bedeutende Erfindungen wie den Siemens-Martin-Ofen zur Stahlerzeugung hervorbringt. Ihm gelingt es dabei, die privaten Interessen als Ingenieur mit denen des Unternehmens produktiv zu verbinden. 

 

Denn obwohl Williams Selbstverständnis mehr das eines Maschinenbauers denn das eines Elektrotechnikers ist, vertritt er weiterhin auch die Interessen seines Bruders Werner. Er fördert die Bekanntheit und Vermarktung von dessen Erfindungen in Großbritannien, indem er sie der Fachwelt präsentiert und sich somit um eine angemessene wissenschaftliche Würdigung kümmert. Zu den Errungenschaften Werners, die William den Briten vorstellt, gehört unter anderem 1866 die effiziente Nutzbarmachung des dynamoelektrischen Prinzips. Diese ist die Grundlage für die spätere Elektrifizierung des Verkehrs und ganzer Städte – eine wegweisende Innovation der Elektrotechnik. Mit dieser Präsenz in Ingenieurskreisen und Öffentlichkeit steigt gleichzeitig die Bekanntheit und Anerkennung des Unternehmens Siemens & Halske.

 

 

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt –  Siemens steigt ins Geschäft mit Seekabeln ein

Der Einsatz der Brüder Siemens am englischen Markt lohnt sich, entwickelt sich doch die dortige Vertriebsagentur dank der Erschließung neuer Geschäftsfelder äußerst erfolgreich. Dank guter Kontakte zu der Firma R. S. Newall & Co., dem unangefochtenen Marktführer bei der Verlegung von Seekabeln, wagen es die Brüder ab Ende der 1850er-Jahre, auch auf diesem Feld aktiv zu werden. Doch sich gegen die starke anglo-amerikanische Konkurrenz im Seekabelgeschäft durchzusetzen, ist schwer.

 

Siemens konzentriert sich auf seine Stärken und positioniert sich am Markt mit seiner elektrotechnischen Kompetenz: Mit der technisch anspruchsvollen elektrischen Prüfung und Überwachung der Seekabel beteiligt sich das Unternehmen an zahlreichen Verlegungsprojekten. Grund genug, aus der bisherigen Londoner Außenstelle ein selbstständiges Unternehmen zu machen. Dies geschieht 1858, als die „Siemens, Halske & Co.“ gegründet wird, die ab 1865 als „Siemens Brothers“ firmiert.

 

Und in dem Tempo geht es weiter: Um sich in dem nach wie vor risikoreichen Kabelverlegungsgeschäft unabhängiger zu machen, errichtet Siemens 1863 eine eigene Kabelfabrik in Woolwich und steigt so zusätzlich in die Fertigung ein. Ein wahrer Meilenstein im Seekabel-Geschäft gelingt Siemens 1875, als das Unternehmen erfolgreich ein Seekabel durch den Atlantik verlegt. William Siemens ist federführend an der Konstruktion eines eigens für diesen Zweck entwickelten Kabellegedampfers beteiligt, der „Faraday“.

London erfolgreicher als Berlin – Doch der Familiengedanke bleibt

Mit diesen unternehmerischen Leistungen in der Kabelproduktion und -verlegung sowie mit dem wichtigen Beitrag von Siemens Brothers bei der Errichtung der Indo-Europäischen Telegrafenlinie (1868–1870) beginnt sich abzuzeichnen, dass das Londoner Geschäft teilweise eine größere Bedeutung hat als das in Berlin. Gleichwohl versteht es Werner von Siemens, durch organisatorische Neuordnungen seine Idee eines „Gesamtgeschäfts“ zu verwirklichen und das inzwischen weltweit operierende Unternehmen auf Familienbasis weiter zu betreiben.

 

Für William Siemens wird London dabei immer mehr zur eigentlichen Heimat. In Lebensstil und Weltanschauung fühlt er sich als Brite, ohne allerdings je seine deutsche Abstammung zu verleugnen. 1859 heiratet er eine Schottin, Anne Gordon. Mit der Heirat nimmt er als weiteres Bekenntnis zu England auch die Staatsbürgerschaft seiner Wahlheimat an. Er begründet die Entscheidung damit, dass die Erteilung von Patenten so erleichtert würde. Von der Unterstützung, die William von seiner Frau besonders im Bereich der englischen Sprache erfährt, profitiert auch das Unternehmen. So kann er Beiträge in englischen Fachblättern veröffentlichen und wird bald von seinen Fachkollegen für seine – als Nicht-Muttersprachler – ausgezeichnete Ausdrucksweise bewundert.

 

 

Sir William Siemens – Unverzichtbar für den Aufbau von Siemens in England

Die positive Entwicklung, die Siemens im 19. Jahrhundert in England nimmt, ist ohne William Siemens kaum vorstellbar. Die gesamten englischen Unternehmungen werden von Zeitgenossen untrennbar mit seiner Person verknüpft. Seine technisch-wissenschaftlichen Leistungen, die ihm eine herausragende Stellung in der englischen Gesellschaft und der Scientific Community verleihen, strahlen auf das gesamte Unternehmen aus. Seine zahlreichen Mitgliedschaften und Engagements in den renommierten technischen Vereinen und Verbänden verhelfen ihm zu einer einflussreichen Stellung in der britischen Ingenieurwelt und Wissenschaft, die verschiedenen Ehrungen und Ehrendoktorwürden sind ein eindrücklicher Beleg dafür.

 

Eine besondere Auszeichnung seiner Akzeptanz und Anerkennung in der englischen Gesellschaft ist das Adelsprädikat „Sir“, das William infolge der Nobilitierung durch Queen Victoria im Jahre 1883, kurz vor seinem Tod, erhält.

 

 

Die Zukunft fest im Blick – Siemens ist in England gut aufgestellt für das 21. Jahrhundert

Heute, 170 Jahre nachdem William Siemens das Londoner Büro von Siemens & Halske eröffnete, gibt es in Großbritannien und Irland insgesamt 15 Produktionsstandorte und zahlreiche Niederlassungen in mehr als 30 Städten mit rund 16.500 Mitarbeitern. Siemens ist mit allen Geschäftsbereichen auf den britischen Inseln vertreten und erwirtschaftet Jahresumsätze in Milliardenhöhe.

 

Mit einer umfangreichen Nachwuchsförderung sorgt das Unternehmen zudem für die Kreativität der Zukunft: Jährlich starten 600 Auszubildende ins Berufsleben. Siemens in Großbritannien steht damals wie heute für innovative Ideen und neue Technologien, bietet Lösungen an, die den Bedürfnissen der Zeit genügen, und ist bereit für die Herausforderungen von morgen.

Lars Sonnenberg | Dr. Ewald Blocher