Made in Erlangen

Eine „Forschungsstadt für Starkstrom“ entsteht

Vor mehr als einem halben Jahrhundert feiert Siemens die Eröffnung des damals größten privatwirtschaftlichen Forschungslaboratoriums Europas auf dem Gebiet der Energietechnik. In seinem Grußwort lobt Hans Lenz, Bundesminister für wissenschaftliche Forschung, den Mut des Elektrokonzerns, aus eigener Initiative eine solche Investition zu tätigen. Im Laufe seines Bestehens ist das Erlanger Forschungszentrum Ausgangspunkt zahlreicher Innovationen, die maßgeblich dazu beitragen, die weltweit führende Marktposition des Technologieunternehmens zu festigen. 

„Alles was irgendwie mit der Erzeugung und Umwandlung elektrischen Stroms zu tun hat“ – ein großes Betätigungsfeld

Siemens ist ein führender internationaler Technologiekonzern; traditionell ist die systematische Forschung und Entwicklung (FuE) von strategischer Relevanz für das Unternehmen. Mit dem Ziel, Ergebnisse der Grundlagenforschung schneller in konkrete Produkte und Lösungen umsetzen zu können, regt Ernst von Siemens im September 1959 an, „die für die grundlegende Forschung und Entwicklung tätigen Laboratorien und Abteilungen in einem neuen Vorstandsbereich zusammenzufassen“.

 

Im Zuge dessen werden die Forschungslaboratorien, die die Siemens-Schuckertwerke zu jener Zeit in Erlangen, Nürnberg und Pretzfeld unterhalten, im Süden Erlangens zusammengeführt – es entsteht eine zentrale, modern ausgestattete Forschungsstätte für den energietechnischen Bereich. Die Initiative des damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden beider Stammgesellschaften wird auch von der Tatsache beeinflusst, dass Wettbewerber wie General Electric oder Philips bereits über groß angelegte Forschungseinrichtungen verfügen.

 

In einem Interview umreißt Heinz Goeschel, ab 1960 Leiter der Zentralen Forschung und Entwicklung (ZEF, heute Corporate Technology), den Zuständigkeitsbereich des neuen Forschungsstandorts wie folgt: „Alles was irgendwie mit der Erzeugung und Umwandlung elektrischen Stroms zu tun hat“.

 

Rund 100 Millionen D-Mark, ein Sechstel des damaligen FuE-Jahresbudgets, werden zwischen 1959 und 1965 in den Aufbau des Erlanger Zentrums südlich der Paul-Gossen-Straße investiert. Auf 61.000 Quadratmetern Nutzfläche tüfteln fortan 1.500 Mitarbeiter im Forschungslaboratorium, in den technischen Entwicklungslaboratorien und in der Reaktortechnik. Einer der Tätigkeitsschwerpunkte ist die Grundlagenforschung in den Bereichen organische und Elektrochemie, Plasmaphysik und Festkörperforschung.

 

 

 

 

Gerade die beiden letztgenannten Technologiefelder sind von zentraler Bedeutung für Siemens: Aus ihnen gehen im Verlauf der 1970er- und 1980er-Jahre die eigenständigen Geschäftsfelder Automatisierungs- und Reaktortechnik hervor – letztere in Gestalt der Kraftwerk Union AG (KWU). Frühe Forschungen auf dem Gebiet der Prozessrechner und der digitalen Antriebssteuerung sowie die Entwicklung und Erprobung unterschiedlicher Reaktortypen sind Meilensteine dieser Entwicklung.

 

Auch in der Grundlagenforschung werden große Erfolge erzielt, unter anderem bei der Entwicklung von Hochleistungsschaltern und Supraleitern, die Eingang finden in Forschungsarbeiten zur Kernspintomographie und Magnetschwebetechnik. Vor allem die Entwicklung des späteren Transrapid profitiert von der Arbeit der Erlanger Forscher: Auf einer 1973 eigens errichteten Rundstrecke wird der sogenannte Magnetkissen-Express im Dauerbetrieb erprobt. 

Mehr Aufgaben, mehr Fläche, mehr Geld – Ausbau und strukturelle Neuausrichtung 

Ab Ende der 1960er-Jahre wird das Forschungsgelände wiederholt um neue Gebäude und Versuchsanlagen erweitert, unter anderem durch die Verlagerung der fertigungstechnischen Laboratorien von Nürnberg nach Erlangen (1977). Innerhalb von 20 Jahren investiert Siemens mehr als 200 Millionen DM in den Ausbau des Forschungszentrums. Bis 1990 erhöht sich die Nutzfläche auf mehr als das Doppelte, und die Zahl der Mitarbeiter steigt auf über 5.000 Personen.

 

Die „Forschungsstadt für Starkstrom“ erlebt jedoch nicht nur bauliche Veränderungen – auch die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten werden mit Blick auf die technologische Basis und die Innovationskraft des Elektrounternehmens zeitgemäß weiterentwickelt. Drei Jahre nach Gründung der heutigen Siemens AG (1966) führt man die Forschungseinrichtungen von Siemens & Halske und die der Siemens-Schuckertwerke organisatorisch zusammen, nachdem man nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst getrennt voneinander geforscht hat. Infolgedessen fokussiert sich der Erlanger Standort konsequent auf die energietechnische Forschung, während in München schwerpunktmäßig auf dem Gebiet der Daten- und Nachrichtentechnik gearbeitet wird.

 

Bereits damals beginnt man damit, die FuE-Tätigkeit anwendungsorientierter zu gestalten und stärker an den unmittelbaren Bedürfnissen der operativen Geschäftseinheiten von Siemens auszurichten. Diesen Weg setzt man in den folgenden Jahrzehnten konsequent fort.

Fit für die Zukunft – von der Starkstrom-Ära ins Zeitalter der Digitalisierung

Aktuell steht der Forschungsstandort Erlangen vor großen Veränderungen: Spätestens mit der Globalisierung und Digitalisierung haben der Austausch der Siemens-Forscher untereinander sowie die Kooperation mit Forschungsinstituten wie der Universität Erlangen oder Partnern aus der Industrie stark an Bedeutung gewonnen. Dieser Entwicklung trägt der geplante „Siemens Campus Erlangen“ Rechnung. Mit dem Großprojekt will Siemens, so Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, „Spitzenforschern aus aller Welt ein Zuhause geben“. Ab 2016 wird das bestehende Forschungsgelände in einen offenen und durchlässigen „Siemens Campus“ mit Büro-, Forschungs- und Laborarbeitsplätzen umgestaltet. Kürzere Wege und ein kommunikativeres Umfeld sollen die Zusammenarbeit fördern sowie Innovationen beschleunigen, die auch künftig von Erlangen aus in alle Welt gehen.

 

Dr. Ewald Blocher

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • Ferdinand Trendelenburg: Aus der Geschichte der Forschung im Hause Siemens, Düsseldorf 1975
  • Lothar Hack: Technologietransfer und Wissenstransformation. Zur Globalisierung der Forschungsorganisation von Siemens, Münster 1998
  • Robert Buderi: Engines of Tomorrow. How the World’s Best Companies Are Using Their Research Labs to Win the Future, New York u. a. 2000 (in englischer Sprache)