Marie Busch

Eine Pionierin geht ihren Weg

Vor 100 Jahren sind Frauen in Führungspositionen noch gänzlich undenkbar – die Karriere von Marie Busch ist deshalb umso bemerkenswerter. Sie beginnt ihr Berufsleben Ende des Ersten Weltkriegs bei einem Vorgängerunternehmen von Siemens Healthineers und geht nach mehr als 40 Jahren als Mitglied der Geschäftsführung in den Ruhestand.

Die Ausbildung – Basis der späteren Erfolge

 

Marie Busch, die sich auch „Mia“ nennen ließ, wird am 21. Januar 1894 als Tochter des Fabrikanten Karl Ernst Busch und seiner Ehefrau Emilie, geb. Gissler, in Remscheid geboren. Zu dieser Zeit existieren dort verschiedene selbstständige Werkzeugmacher mit Namen Busch, die oftmals auf lange Traditionslinien zurückblicken konnten. Vermutlich stammt Marie Busch aus einer dieser Fabrikantenfamilien und ist somit von klein auf mit dem Alltag in einem Industrieunternehmen vertraut. Marie durchläuft eine für die damalige Zeit typische Ausbildung höherer Töchter: Nach dem Besuch der Volksschule wechselt sie 1903 auf das Lyceum, bevor sie sich ab 1910 in einem privaten „Realgymnasial-Kurs“ auf das Abitur vorbereitet. Die Prüfungen hierfür legt sie 1914 als Externe am Röntgengymnasium in Lennep ab, da zur damaligen Zeit Mädchen dieses Gymnasium nicht als reguläre Schülerinnen besuchen dürfen. Die Koedukation ist noch nicht verbreitet. 

 

 

Liebe zur Rechtswissenschaft – auf Umwegen ans Ziel     

 

Im gleichen Jahr beginnt Marie ein kaufmännisches Studium an der Handelsschule Köln, das sie im Februar 1916 mit dem Gesamtprädikat „sehr gut“ und dem Abschluss „Diplom-Kaufmann“ – heute vermutlich „Diplom-Kauffrau“ – beendet. Im Ruhestand erinnert sie sich: „Meine ganze Liebe galt immer der Rechtswissenschaft. Damals wurden jedoch Frauen zum jur. Staatsexamen noch nicht zugelassen – da ich ein solches aber gern haben wollte, beschritt ich den Weg über die kaufmännische Diplom-Prüfung, nicht bedenkend, dass mir die Kölner Semester für den Dr. jur. nicht angerechnet werden würden. Da der Krieg mich zum baldigen Abschluss meiner Studien zwang, machte ich dann das Staatswissenschaftl. Dr.-Examen mit im wesentlichen juristischen Fächern nach dem Rat meiner Professoren.“

 

Entsprechend wechselt Marie Busch an die Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg, wo sie bis 1918 Rechts- und Staatswissenschaften studiert. Im Mai 1918 wird sie mit einer Arbeit über die Remscheider Industrie im Krieg promoviert.

 

Einer ihrer Professoren attestiert ihr später: 

Frl. Dr. Busch hat in dieser [ihrer Arbeit] wie in ihrer sonstigen Tätigkeit eine glückliche Vereinigung praktischer Beobachtungsgabe mit theoretischer Betrachtung gezeigt. Besonders hervorzuheben ist namentlich ihr auf sehr guten Kenntnissen beruhendes juristisches Verständnis, wie es sich besonders noch in der Doktorprüfung gezeigt hat.

Von der Direktionsassistentin zur Leiterin der Rechts- und Steuerabteilung – ein steter Aufstieg

Zielstrebigkeit beweist Marie Busch auch beim Einstieg ins Berufsleben: Wenige Monate nach Studienende bewirbt sie sich bei Karl Zitzmann, dem damaligen Vorstandschef der Erlanger Medizintechnikfirma Reiniger, Gebbert & Schall (RGS). Die 24-Jährige überzeugt ihn und tritt am 15. Oktober 1918 ihre Stelle als Direktionsassistentin an. Im Rahmen ihrer Tätigkeit befasst sie sich vornehmlich mit steuerlichen und handelsrechtlichen Fragen.

Nach der Fusion von RGS mit der elektromedizinischen Abteilung von Siemens & Halske steigt Busch auf der Karriereleiter weiter empor: Sie wechselt 1925 zur neuen gemeinsamen Vertriebsgesellschaft Siemens-Reiniger-Veifa (SRV) nach Berlin und übernimmt dort die Leitung der Rechts- und Steuerabteilung. In dieser neuen Verantwortung erhält sie im Februar 1929 Handlungsvollmacht. Auch nach Gründung der Siemens-Reiniger-Werke (SRW) bleibt sie im Amt; im Juni 1936 folgt die Beförderung zur Prokuristin durch den Aufsichtsrat. Damit steht sie nach knapp 18 Jahren im Unternehmen mit den beiden Vorständen Max Anderlohr und Theodor Sehmer an der Spitze des Unternehmens. 

 

 

Rückkehr nach Erlangen – Personalerin bei SRW, Vorstand bei der INAG

 

Im Oktober 1944 wird Marie Busch im Zuge von Dienststellenverlagerungen von Berlin nach Erlangen versetzt. Zurück in Franken, übernimmt sie das Personalreferat, zunächst für SRW Erlangen, nach dem Krieg für das gesamte Unternehmen. Zusätzlich wird sie 1950  Vorstandsmitglied der INAG Industrie-Unternehmungen AG, einer Tochterfirma der SRW. Beide Positionen hat sie bis September 1959 inne, als sie nach über 40-jähriger Dienstzeit in den Ruhestand geht.

Hoch qualifiziert – und bei den Mitarbeitern geschätzt

Eine detaillierte Charakterisierung der Persönlichkeit von Marie Busch ist schwer. Im Erlanger MedArchiv sind nur wenige Quellen überliefert, die Auskunft über ihr Wesen geben könnten. Dies hängt vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Als Marie Busch 1964 durch das MedArchiv gebeten wird, ihre „Lebensdaten“ zu übermitteln, antwortet sie: „Es war etwas mühsam, sie zusammenzustellen, da ich durch Kriegseinwirkung fast alle Unterlagen verloren habe und daher auch z. T. die genauen Daten nicht sagen kann […].“

 

Dennoch zeichnen die wenigen überlieferten Dokumente das Bild einer ehrgeizigen und hoch qualifizierten Frau, die die Vorläuferunternehmen von Siemens Healthineers an verantwortlicher Position mitprägt und zur damaligen Zeit vorhandene gesellschaftliche Hürden zu überspringen weiß. Als Marie Busch am 10. Dezember 1964 in Erlangen einer schweren Krankheit erliegt, schreiben die Vorstände von SRW und INAG: „Fräulein Dr. Busch verfügte über ausgezeichnete Fachkenntnisse, die sie befähigten, alle ihr übertragenen Aufgaben in hervorragender Weise zu bewältigen. Sie war darüber hinaus eine ausgeprägte Persönlichkeit von hoher Bildung und weitgespannten Interessen, die aus der Geschichte der Siemens-Reiniger-Werke nicht hinwegzudenken ist. Durch ihre menschliche Anteilnahme an allen, mit denen sie beruflich in Berührung kam, erfreute sie sich allgemeiner Beliebtheit und großer Verehrung. Wir werden sie nicht vergessen.“

 

 

Dr. Florian Kiuntke