Meilenstein im Land der Magyaren

Siemens seit 130 Jahren in Ungarn erfolgreich.

„Budapest wird in einigen Wochen um eine Spezialität reicher sein“, schreibt eine österreichische Zeitung, das „Politische Volksblatt“, im Oktober 1887. Und in der Tat, noch im selben Jahr nimmt die am 22. November 1887 von Siemens mitgegründete Bahn-Gesellschaft „Körúti Villamos Vasút Vállalat Siemens & Halske, Lindheim & Cie és Balázs Mór“ den Betrieb einer Probestrecke für die erste elektrische Straßenbahn der Donau-Metropole auf. Diese erste Firmengründung von Siemens in Ungarn ist die Keimzelle für eine enge und erfolgreiche Zusammenarbeit – bis heute. Zahlreiche Siemens-Projekte, die seither umgesetzt wurden, zeugen davon.

Der Zug der Zeit – Werner von Siemens begründet die elektrische Eisenbahn

Es ist die Firma Siemens & Halske, die 1879 auf der Berliner Gewerbeausstellung die weltweit erste von elektrischem Strom angetriebene Bahn vorstellt. Sie ist der Ausgangspunkt für eine völlig neue Art urbaner Mobilität – elektrisch betriebene Straßenbahnen und später Hoch- und Untergrundbahnen. Doch die ersten Jahre gestalten sich schwierig. Werner von Siemens, dessen Erfindungen diese Technik überhaupt erst möglich machen, ist seiner Zeit voraus. Seine Pläne, in der Berliner Friedrichstraße eine Hochbahn zu errichten, werden von der Stadtverwaltung abgelehnt – die Anwohner machen gegen die Pläne mobil, sie wollen das Straßenbild nicht „verschandelt“ sehen.

Doch Werner ist hartnäckig, und im Mai 1881 geht die weltweit erste dem öffentlichen Nahverkehr dienende elektrische Straßenbahn der Welt im heutigen Ortsteil Berlin-Lichterfelde in Betrieb. Die zunächst lediglich zweieinhalb Kilometer lange Strecke dient der Erprobung des neuartigen Fortbewegungsmittels. Doch bei Siemens ist man sich sicher: Es ist eine Technik mit Zukunft, auch wenn der erste große Auftrag noch ein paar Jahre auf sich warten lässt.

Budapest macht mobil – Siemens-Eisenbahn revolutioniert Nahverkehrssystem

Die erste Gelegenheit, das neue Nahverkehrssystem kommerziell einzusetzen, kommt 1887 in Budapest. Die Stadt an der Donau entwickelt sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sprunghaft zur Metropole – allein zwischen 1880 und 1900 verdoppelt sich die Zahl der Einwohner auf nahezu 740.000. Der öffentliche Nahverkehr kann mit dieser Entwicklung nicht mehr mithalten. Die Stadt verfügt zwar seit Längerem über eine größere Anzahl von Pferde-Omnibussen und über eine Pferde-Schienenbahn, jedoch sind diese mittlerweile mit der Beförderung der Passagiere heillos überfordert. Die Stadtverwaltung will handeln, doch ihr sind die Hände gebunden: Zwei Bahngesellschaften haben das Monopol auf den Nahverkehr und streiten mit der Verwaltung über den weiteren Ausbau. Aber es gibt einen Ausweg – die Mitbestimmung der Gesellschaften gilt nicht für motorisierte Bahnen. In Budapest weiß man von der Siemens’schen Straßenbahn, die seit 1883 auch in Wien getestet wird. Werner von Siemens reagiert schnell: Gemeinsam mit dem ungarischen Eisenbahningenieur Mór Balász und der österreichischen Firma Lindheim & Co unterbreitet Siemens & Halske der Budapester Stadtverwaltung ein Angebot zum Bau einer elektrischen Straßenbahnlinie. Es wird die erste große Linie dieser Art in Europa sein.

Von der „Probebahn“ zur Bahn-Gesellschaft – wichtige Schritte auf dem Weg zum Erfolg

Die Stadt nimmt das Angebot dankend an, behält sich jedoch zunächst eine Testphase vor, während der eine „Probebahn“ installiert wird. Am 27. September 1887 erhalten Siemens und seine Partner die Baugenehmigung. Zusätzlich schreibt das ungarische Handelsrecht die Gründung einer eigenen Baugesellschaft vor, sodass Siemens & Halske und Lindheim & Co gemeinsam mit Mór Balász die Straßenbahn-Gesellschaft „Körúti Villamos Vasút Vállalat Siemens & Halske, Lindheim & Cie és Balázs Mór“ schließlich in das Budapester Handelsregister aufnehmen lassen. Um keine Zeit zu verlieren, beginnen die Arbeiten an der Probelinie bereits im Oktober, und am 28. November 1887, also sechs Tage nach der Registrierung am 22. November, wird die Bahn feierlich in Betrieb genommen.

Auf einer kurzen Strecke zwischen Westbahnhof und Königsgasse, einem Teilstück des sogenannten Budapester Rings, fahren zwei elektrisch betriebene Motorwagen zunächst nur zwischen zwei Haltestellen. Ein Motorwagen verfügt insgesamt über 18 Sitz- und 14 Stehplätze, die Fahrgeschwindigkeit beträgt aus Sicherheitsgründen zunächst 15 Stundenkilometer, obwohl eigentlich 40 möglich sind. Damit die Geschwindigkeit auch eingehalten wird und die Anwohner beruhigt sind, begleitet die Bahn in ihrer Testphase stets ein berittener Polizist.Die Linie ist ein voller Erfolg. Schon im Folgejahr erhalten Siemens & Halske und seine Partner den Auftrag, ein ganzes Straßenbahnnetz in der Donau-Metropole zu errichten. Das erste, zweieinhalb Kilometer lange Teilstück ist am 30. Juli 1889 fertiggestellt. Bis 1898 umfasst das Netz insgesamt rund 60 Kilometer Streckenlänge, wovon knapp die Hälfte im innerstädtischen Bereich unterirdisch mit Strom versorgt wird, während die Randbezirke über Oberleitungen Stromzufuhr erhalten.

Das „Budapester System“ – eine Innovation mit Zukunft

Für Siemens ist dieses Projekt mehr als ein Geschäftserfolg, es ist ein echter Meilenstein. Denn das sogenannte Budapester System– die unterirdische Stromzufuhr über einen unter der Straßendecke angelegten Kanal –, das eigens für diese Linie im Unternehmen entwickelt wird, ist eine technische Innovation mit Vorbildcharakter in der ganzen Welt. Das System wird später in vielen Städten wie Brüssel, Paris, Chicago und New York nachgeahmt. Aber damit nicht genug: Um den Straßenbahnauftrag angemessen ausführen zu können, richtet Siemens & Halske 1890 eigens ein Technisches Büro in Budapest ein. Zehn Jahre später wird es in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und dokumentiert, wie fest Siemens am ungarischen Markt bereits etabliert ist.

130 Jahre in Ungarn – eine Erfolgsgeschichte

Siemens hat vor 130 Jahren den Nahverkehr Ungarns revolutioniert und prägt ihn bis heute. Allein in den vergangenen 20 Jahren hat das Land mit Unterstützung von Siemens einen Teil seiner älteren Infrastruktur ersetzt. Mit weiteren großen von Siemens umgesetzten Mobilitätsprojekten hat Ungarn einen wichtigen Schritt in die Zukunft gemacht.Im verarbeitenden Gewerbe hat sich das Land zu einem wichtigen Knotenpunkt für die europäische Fertigung entwickelt. Und es verfügt über einige der modernsten Automobilproduktionsstätten der Welt. Wie in den vergangenen 130 Jahren wird Siemens auch in Zukunft sein Know-how und seine Erfahrung in die Modernisierung des Landes einbringen.

Was im November 1887 mit der Registrierung im Budapester Handelsregister und der Eröffnung der ersten Teststrecke einer elektrischen Straßenbahn beginnt, entwickelt sich bis heute, 130 Jahre später, zu einer dauerhaften und erfolgreichen Geschichte von Siemens in Ungarn.

 

 

Ewald Blocher

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