Mit Strom auf die Straße

Von der Elektromote zum eHighway

Seit 2014 errichtet Siemens Teststrecken für über Oberleitungen angetriebene LKW. Der eHighway ist ein erster Schritt auf dem Weg zum elektrischen Güterverkehr der Zukunft und ein völlig neuer Einsatzbereich für Oberleitungen. Dabei beginnt alles vor mehr als 130 Jahren ganz unscheinbar – mit einem umgebauten Pferdewagen. Es ist Geburtsstunde des Oberleitungsbusses und der Grundstein einer neuen Art der motorisierten Fortbewegung.

Eine kühne Idee – der Bau einer „elektro-magnetischen Droschke“

Am 29. April 1882 sorgt ein offener Jagdwagen in Halensee bei Berlin für großes Staunen. Das Gefährt bewegt sich vorwärts, ohne – wie damals üblich – von Pferden gezogen zu werden oder auf Gleisen zu fahren. Aufmerksame Beobachter können stattdessen eine Kabelverbindung zu einer elektrischen Oberleitung erkennen, die das Fahrzeug in Bewegung versetzt. Über 130 Jahre ist es her, dass der erste elektrische Oberleitungsbus der Welt erfolgreich seine Jungfernfahrt absolviert. Auf der etwa 540 Meter langen Versuchsstrecke in Halensee – auf dem heutigen Kurfürstendamm – präsentiert Werner von Siemens eine Erfindung, die ihn schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Bereits 1847 berichtet der Firmengründer seinem Bruder William von der Idee: „Wenn ich mal Muße und Geld habe, will ich mir eine elektro-magnetische Droschke bauen, die mich gewiss nicht im Dreck sitzen lässt.“ Dieser Plan wird Anfang der 1880er-Jahre Wirklichkeit.

Strom statt Pferde – ein großer Schritt in der Technikgeschichte

Zu diesem Zweck baut Werner von Siemens einen offenen Jagdwagen so um, dass dieser weder ein Pferdegespann noch eine Schienenführung benötigt, um sich fortzubewegen. Vielmehr wird das Gefährt, das unter dem Namen „Elektromote“ Geschichte schreiben wird, über eine Oberleitung mit elektrischer Energie versorgt. Auf diesem doppelpoligen Kabel bewegt sich ein kleiner, achträdriger Kontaktwagen, der als Stromabnehmer dient. Er muss gesondert beschwert werden, um nicht vom Oberleitungskabel zu kippen. Zwei biegsame Kupferkabel verbinden den Kontaktwagen mit dem Gefährt. Sie leiten den Strom an einem Holzmasten, der auf dem Fahrzeug montiert ist, entlang hinab zur Droschke. Dort versorgen sie die beiden Hauptstrommotoren. Eingebaut unter dem Fahrersitz treiben diese über Stahlketten die Hinterräder an; ein funktionsfähiges Differentialgetriebe ist zum damaligen Zeitpunkt noch nicht entwickelt.

Dank einer Motorleistung von jeweils drei Pferdestärken erreicht das Gefährt bei einer Betriebsspannung von etwa 550 Volt Gleichstrom eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 12 km/h. Über eine Lenkvorrichtung an der Vorderachse kann

der Fahrer die Fahrtrichtung bestimmen. Allzu frei kann er das Fahrzeug jedoch nicht

bewegen, da es sich entlang der 50 Stahlmasten bewegen muss, die die Oberleitung

tragen. Zur Stromerzeugung lässt der leitende Oberingenieur von Siemens & Halske,

Carl Ludwig Frischen, eigens in einem nahe gelegenen Schuppen ein kleines

Kraftwerk aufbauen. Es besteht aus einer Dampfmaschine, an die eine

Dynamomaschine gekoppelt ist.

Holprige Straßen, harte Reifen – der erste Hype ist schnell vorbei

Dennoch kommt die „Elektromote“ nicht über ihr Anfangsstadium hinaus: Zwar erhält Werner von Siemens im Oktober 1881 die Erlaubnis der Stadt Berlin, eine Versuchsstrecke für das Fahrzeug zu bauen – allerdings mit dem Hinweis, „dass Euer Wohlgeboren indessen dafür gefälligst Sorge tragen müssen, dass durch den Betrieb der Dampfmaschine (zur Stromerzeugung) und des Straßenwagens Unglücksfälle verhütet werden und die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen“ werden müssen. Obwohl der „Obus“ im Vergleich zu Schienenfahrzeugen kostengünstiger ist, stellt Werner von Siemens die Testfahrten in Halensee bereits Mitte Juni 1882 wieder ein. Grund hierfür sind insbesondere die schlechten Straßen, auf denen sich das Gefährt nur mit vielen Störungen bewegt. Auch gibt es damals noch keine Gummireifen für Fahrzeuge. Zusätzlich setzt Mitte der 1880er-Jahre eine Elektrifizierungswelle von Pferdebahnen ein; gleichzeitig werden die elektrischen Straßenbahnen technisch weiterentwickelt. Die Technik des „Obusses“ gerät vorerst in Vergessenheit.

Auf dem eHighway in die Zukunft – Siemens baut die ersten Oberleitungen für LKW

Heute ist die Technik der mit Oberleitungen elektrisch angetriebenen Busse nachwievor weit verbreitet. Doch wie Werner von Siemens vor mehr als 130 Jahren, denkt man bei Siemens heute auch wieder einen Schritt weiter. 2014 installiert das Unternehmen in Kalifornien den weltweit ersten eHighway. Zwischen den beiden größten Häfen der USA in Los Angeles und Long Beach verkehren auf einer rund eineinhalb Kilometer langen Teststrecke mit Hybridantrieben und intelligenten Stromabnehmern ausgerüstete eHighway-LKW lokal emissionsfrei. Die Fahrzeuge werden von den Oberleitungen mit elektrischer Energie versorgt. Ähnliche Teststrecken werden in Europa erstmals 2015 in Schweden und 2017 in Deutschland installiert. Auf der Autobahn A5 zwischen dem Frankfurter Flughafen und Darmstadt wird die zehn Kilometer lange Teststrecke Ende 2018 den Betrieb aufnehmen und ist ein weiterer Schritt hin zum elektrischen Güterverkehr der Zukunft.

 

 

Ulrich Kreutzer | Ewald Blocher

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