Mut und Erfindergeist

Mit dem Zeigertelegrafen beginnt die Siemens-Erfolgsgeschichte

Ein kleiner rechteckiger, etwa zehn Kilogramm schwerer Kasten ist Mitte des 19. Jahrhunderts Ausgangspunkt für eine beeindruckende Erfolgsgeschichte: Mit der Konstruktion seines Zeigertelegrafen läutet Werner von Siemens eine neue Ära der elektrischen Telegrafie ein – und begründet so 1847 den späteren Weltruhm der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. Von Anfang an bilden wegbereitende Technologien und darauf aufbauende Geschäftsmodelle das Fundament von Siemens – Innovationen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie nicht bei der reinen Erfindung verharren, sondern sich am Markt durchsetzen – bis heute. 

„Fast alle meine Unternehmungen scheiterten“ – Die Anfänge sind schwer

Anfang 1847 blickte der 30-Jährige jedoch auf eher düstere Jahre zurück. Im Januar schreibt Werner von Siemens an seinen späteren Schwiegervater: „Fast alle meine Unternehmungen scheiterten, […] und wir kamen, mit Schulden belastet, an den Rande des Verderbens.“ Versuche des preußischen Offiziers, sich und seine jüngeren Geschwister während der 1840er-Jahre mit kleineren Erfindungen und dem Verkauf von Patenten über Wasser zu halten, laufen mehr schlecht als recht. Erst als er sich im Sommer 1846 der elektrischen Telegrafie zuwendet, beginnt sich das Blatt allmählich zu wenden.

Neuartiges Kommunikationssystem – von der optischen zur elektrischen Telegrafie

Die elektrische Telegrafie ist zu jener Zeit in Preußen ein noch unbearbeitetes Feld. Bis in die 1840er-Jahre kommen lediglich optische Telegrafen zum Einsatz. Behördliche und militärische Nachrichten werden Zeichen für Zeichen mithilfe von schwenkbaren Signalarmen übermittelt, die an hohen Masten befestigt sind. Erste Telegrafenapparate, die Mitteilungen elektrisch senden, sind in den 1830er-Jahren entwickelt worden, stecken technisch aber noch in den Kinderschuhen. Gleichwohl ist das große Potenzial dieses neuartigen Kommunikationssystems bereits erkennbar: Unabhängig von Tageslicht und Witterung arbeitet die elektrische Telegrafie schneller und zuverlässiger als die optische.

Zwar bemüht sich das Militär ab 1837, diese vielversprechende Technologie in Preußen einzuführen, doch es vergehen noch elf Jahre, bis man mit dem Bau der ersten elektrischen Telegrafenlinie beginnt. Zunächst müssen die bestehenden technischen Mängel beseitigt werden.

Technischen Mängeln auf der Spur – eine innovative Idee

Werner von Siemens ist als Militärangehöriger und Erfinder ein aufmerksamer Beobachter der skizzierten Entwicklung. Dennoch wendet er sich erst im Sommer 1846, als es um seine „Erfindungsspekulationen“ besonders schlecht steht, der Telegrafentechnik zu. Damals sieht er bei einem Berliner Bekannten erstmals einen Wheatstone-Telegrafenapparat und erkennt schnell, woran es dem Gerät technisch mangelte. 

Die Engländer Charles Wheatstone und William Cooke ließen 1837 einen Telegrafen patentieren, bei dem sich ein elektrisch angetriebener Zeiger auf einer mit Buchstaben und Zahlen versehenen Zeichenscheibe bewegt. Diese Konstruktion ermöglichte eine deutlich schnellere Nachrichtenübertragung. Die erforderlichen Stromimpulse wurden mittels einer Kurbel an dem Apparat erzeugt. Schwachstelle des Geräts war die manuelle Stromerzeugung: Drehte der Telegrafist die Kurbel nicht mit der richtigen Geschwindigkeit, blieben die Zeiger hängen.

Werner von Siemens beschäftigt sich zwei Wochen lang intensiv mit diesem Problem und entwickelt ein neues Konstruktionsmodell, indem er den Lauf zweier miteinander korrespondierender Telegrafen elektrisch synchronisiert. Drückt man beim sendenden Telegrafen eine Buchstabentaste, unterbricht dies den Stromfluss, und der Zeiger des Empfangsgeräts stoppt auf demselben Buchstaben.

Die Überzeugungsarbeit trägt Früchte – der Durchbruch gelingt

Im Sommer 1846 gelingt es Werner von Siemens, den Zeigertelegrafen von Wheatstone und Cooke entscheidend zu verbessern. Im nächsten Schritt gilt es, seine Konstruktion praktisch zu erproben. Allerdings gibt es in Preußen damals weder eine elektrische Telegrafenlinie, noch kennt von Siemens jemanden, der seinen Apparat bauen und zur Serienreife bringen kann. Das preußische Militär hat bereits 1844 eigens zur Erprobung der elektrischen Telegrafie eine Telegrafenkommission eingerichtet.

Dem Erfinder gelingt es 1847 nicht zuletzt dank guter persönlicher Kontakte, die er als Offizier zu den Kommissionsmitgliedern pflegt, das Gremium von seinem Apparat zu überzeugen und die Konkurrenz auszustechen. Zeitgleich findet er in dem Feinmechaniker Johann Georg Halske einen geeigneten Partner, der den Zeigertelegrafen nach seinen exakten Vorgaben konstruiert.

Alles auf eine Karte – „eine feste Laufbahn durch die Telegrafie“

Werner von Siemens beweist nicht nur großes technisches Gespür, sondern beabsichtigt nun, alles auf eine Karte zu setzen: „Ich bin jetzt fest entschlossen, mir eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden“, schreibt er im Dezember 1846 an seinen Bruder William. Und mehr noch: Nur fünf Monate, nachdem er im Mai 1847 das Patent auf seinen Telegrafenapparat eingereicht hat, eröffnet er gemeinsam mit Johann Georg Halske die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. Im folgenden Jahr erhält die junge Firma den Zuschlag für den Bau der ersten elektrischen Telegrafenlinie Preußens von Berlin nach Frankfurt am Main. Anlässlich ihrer Fertigstellung im April 1849 kann die Nachricht über die Beschlüsse der Frankfurter Nationalversammlung – des ersten deutschen Parlaments – innerhalb einer Stunde ins rund 500 Kilometer entfernte Berlin telegrafiert werden – damals eine wahre Sensation. Der Zeigertelegraf von Werner von Siemens hat seine Feuertaufe bestanden.

Ideen mit Geschäftspotenzial – die Erfolgsformel, auch heute noch

Die Geschichte dieser ersten bahnbrechenden Innovation macht deutlich, wie sehr sich Siemens seit den frühesten Anfängen durch seine Innovationskraft auszeichnet. Von Beginn an konzentriert sich das Unternehmen auf die relevanten Technologien und bringt sie zur Marktreife. Auch die Ingenieure von heute verbinden dabei wissenschaftliche Neugier mit unternehmerischem Handeln und machen Siemens zu einem Unternehmen, das auf vielen Gebieten Maßstäbe setzt und heute die Wertschöpfungskette der Elektrifizierung wie kaum ein anderer beherrscht. Siemens hält weltweit rund 60.000 erteilte Patente und nimmt damit in internationalen Statistiken eine Spitzenposition ein.

 

 

 

 

Ewald Blocher | Alexandra Kinter

Siemens investiert mit 5,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2017 so viel in Forschung und Entwicklung wie nie zuvor. Und das ist gut angelegtes Geld, denn diese Investitionen fließen zielgerichtet in Innovationsfelder und sichern die Zukunftsfähigkeit unserer Geschäfte.
Joe Kaeser, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG

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