Hoch hinaus

Werner von Siemens präsentiert den ersten elektrischen Personenaufzug der Welt 

Heute erklimmen wir ganz selbstverständlich die einzelnen Stockwerke hoher Gebäude per Fahrstuhl. Doch das ist nicht immer so; lange Zeit muss man Treppe für Treppe und Stufe für Stufe nach oben steigen. Das ist sicher einer der Gründe, weshalb die Ära der Wolkenkratzer erst Ende des 19. Jahrhunderts beginnt. 

Der elektrische Aufzug als Nebenprodukt der Eisenbahn – „für Lifts sehr geeignet“

Es ist ein regelrechtes Abenteuer für die Besucher der Mannheimer Gewerbeausstellung: Auf einer offenen Plattform fahren bis zu vier Personen an einem provisorisch errichteten Aussichtsturm 40 Meter in die Höhe, ohne den hierfür notwendigen Antrieb überhaupt sehen zu können.

 

Erstmals bewegt ein elektrischer Motor einen derartigen „Lift“ mit 1,8 Stundenkilometer. Die Kraftquelle ist an der Unterseite der Plattform angebracht und zieht den Aufzug über ein Zahnradgewinde in die Höhe.

 

Diesen ersten elektrischen Aufzug der Welt entwickelt Werner von Siemens. Nachdem er 1866 das dynamoelektrische Prinzip mit der Dynamomaschine nutzbar macht, gilt seine ganze Aufmerksamkeit der Identifikation praktischer Anwendungsmöglichkeiten für diese neue Technik.

 

Eine seiner berühmtesten Konstruktionen ist die erste elektrische Eisenbahn, die 1879 anlässlich einer Berliner Industrieausstellung zur Freude der Besucher ihre Runden dreht.

 

Weniger bekannt ist, dass – quasi als Nebenprodukt dieser Konstruktion – die Idee für den elektrischen Lift entsteht.

 

Im Juni 1879 schreibt der Firmengründer an seinen Bruder Carl:

 

„Übrigens geht die Eisenbahn […] jetzt sehr schnell. In ca. 50 sec wird der Kreis von 270 Meter Bahnlänge durchlaufen, also ca. 5 Meter in der Sec. Die kronprinzlichen Kinder wurden gestern ganz bange. Vielleicht liesse sich noch eine andere Sache hinzufügen. Für Lifts und für Drehung von Drehscheiben pp. auf Bahnhöfen wäre die dyn. Maschine sehr geeignet.“

 

 

Der Elektropionier erhält bald Gelegenheit, diese Idee in die Praxis umzusetzen. Im April 1880 fragen die Organisatoren der „Gewerblichen & Landwirtschaftlichen Ausstellung des Pfalzgaus zu Mannheim“ bei ihm an, ob Siemens für ihre Ausstellung einen „elektrischen Aufzug“ konstruieren könne. Von Siemens nimmt den Auftrag an, und die Arbeiten beginnen kurz darauf.

 

Aber, wie bei Pioniertaten oft der Fall, sie dauern länger als geplant. So wird die Ausstellung zunächst ohne ihre größte Attraktion im Juli eröffnet. Erst Ende August 1880 kann der Aufzug in Mannheim montiert werden.

 

Werner von Siemens ist erleichtert und schreibt an Carl: 

Eben wird mir gemeldet, dass der elektrische Fahrstuhl gut geht! Hohe Zeit für die Ausstellung!
Werner von Siemens, 1880

Das Publikumsinteresse an dem Aufzug ist gewaltig; von September bis Mitte November können über 8.000 Menschen das neue Transportmittel ausprobieren und den Blick über Mannheim genießen.

Erste Begeisterung, viele Anfragen – aber letztlich wenig Geschäft

In der Folge überschlagen sich die Anfragen nach derartigen Aufzügen.

 

Viele Hotels wollen ihren Gästen den Komfort der neuen Technik bieten, aber auch kuriose Wünsche wie die Herstellung eines „Tischlein-deck-dich“ werden an Siemens herangetragen.

 

Da in den Beständen von Corporate Archives einzig die Einrichtung des elektrischen Aufzugs auf den Mönchsberg bei Salzburg überliefert ist, entwickelt sich das Geschäft mit elektrischen Aufzügen – dem großen Anfangsinteresse zum Trotz – wohl nicht zu einem nennenswerten Betätigungsfeld.

 

Werner von Siemens ist durch die erste Begeisterung für seinen elektrischen Aufzug stark motiviert, weitere Lebensbereiche zu elektrifizieren.

 

 

Schlaglichter der Elektrifizierung

Sehen Sie hier drei weitere Lebensbereiche, die durch Siemens & Halske elektrifiziert wurden

Dr. Florian Kiuntke