Die längste Rallye der Welt weckt das Interesse von Siemens

Mit dem Protos von New York nach Paris

Am 12. Februar 1908 startet „the greatest auto race“, ein spektakuläres Automobilrennen von New York nach Paris. Die rund 22.000 Kilometer lange Rennstrecke führt die Teilnehmer auf drei Kontinente, über Gebirge und kilometerlange Schlammpisten sowie durch Flüsse und Wüsten.

Das erste Automobil-Rennen „Rund um die Erde“ ist von den Zeitungen Le Matin, Paris, und der New York Times organisiert. Insgesamt beginnen sechs Wagen von vier Teams aus Amerika, Frankreich, Italien und Deutschland ihr Abenteuer und gehen am New Yorker Times Square vor 250.000 begeisterten Fans an den Start. Die Motoren werden unter tosendem Beifall der Menge zum Laufen gebracht. Der Präsident des amerikanischen Automobilclubs tritt vor die aufgereihten Wagen und gibt den Startschuss. 

 

Die teilnehmenden Fahrzeughersteller sind De Dion-Bouton, Motobloc und Sizaire-Naudin aus Frankreich, Züst aus Italien sowie der amerikanische Thomas geführt von George Schuster. Der Fahrer des deutschen Teams ist Oberleutnant Hans Koeppen in einem Protos-Wagen. Sein Fahrzeug stammt aus der gleichnamigen Berliner Motorenfabrik und ist von 600 Arbeitern in nur 16 Tagen gebaut worden.

Für lange Zeit bildete der Protos für uns moderne Nomaden unser Haus und unsere Zuflucht in allen Lagen eines wahren Abenteuerlebens.

Hans Koeppen: Im Auto um die Welt, Berlin 1909

Das Auto ist Schlafplatz und Reparaturwerkstatt in einem, letztere ist in einem wuchtigen Aufbau mit zugluftdichter Plane untergebracht. Das Team übernachtet über den Sitzen, wo ein extra Schlafplatz eingebaut ist. An Bord des Rennwagens befinden sich darüber hinaus Ersatzteile, Lebensmittel, Medikamente, Waffen und sogar Schlittenkufen. Außerdem ist das Fahrzeug mit sechs gewaltigen Tanks für insgesamt 700 Liter Benzin und 100 Liter Öl ausgestattet, da es unterwegs kaum Tankstellen gibt. Der Vier-Zylinder-Motor mit 4.360 Kubikzentimetern Hubraum bringt es auf 30 PS und schafft unter idealen Bedingungen eine Spitzengeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern.

 

Trotz schwieriger Witterungsverhältnisse erzielt der Protos auf der Strecke von St. Petersburg nach Deutschland einen Tagesrekord von 625 Kilometern. Hans Koeppen hält die Erlebnisse und Eindrücke von der Fahrt in seinem Buch „Im Auto um die Welt“ fest und schildert darin, wie er mit seinem Team herausfordernde Situationen meistert. Am 24. Juli 1908 erreicht der Protos Berlin, wo er bereits von einer riesigen Menschenmenge erwartet wird. Zwei Tage später und nach 167 Tagen insgesamt trifft er in Paris ein. Koeppen schildert die Ankunft mit folgenden Worten: „Wir waren am Ziel! [...] und konnten uns als Erste hier zur Stelle melden“. Dennoch geht das deutsche Team nicht als Sieger aus dem Rennen hervor. Weil die Deutschen in den USA 150 Kilometer der Strecke per Bahn zurückgelegt haben, dies war ursprünglich erlaubt, müssen sie den Sieg an den Amerikaner George Schuster abtreten. Dieser großen Enttäuschung zum Trotz feiert man Koeppen nach seiner Rückkehr in die Heimat wie einen Helden.

Die Marke Protos

Das Rennen inspiriert den Hollywood-Regisseur Blake Edwards 1965 zu der Abenteuerkomödie „Das große Rennen um die Welt“ mit Tony Curtis und Jack Lemmon in den Hauptrollen. Aus diesem Titel geht jedoch nicht hervor, dass das Protos-Rennen mit der Industriegeschichte Berlins in enger Verbindung steht: 1898 gründet der Ingenieur Alfred Sternberg die Motorenfabrik Protos in der damals noch selbstständigen Stadt Schöneberg bei Berlin. Wenige Jahre später zieht die Firma nach Reinickendorf und nimmt die Produktion von Sechszylinder-Modellen mit 100 PS auf. Jedoch steht es aufgrund der Wirtschaftskriese 1907/08 schlecht um Sternbergs Motorenfabrik.

Siemens als Automobilhersteller

Die öffentliche Aufmerksamkeit rund um das Rennen zahlt sich für den Protos-Gründer aus. Denn im Bestreben, den Siemens-Schuckertwerken neue Wachstumssegmente zu erschließen, nutzt Wilhelm von Siemens, der damalige „Chef des Hauses“, noch 1908 die Gelegenheit, die Motorenfabrik Protos zu übernehmen. Fortan werden in Berlin-Reinickendorf „Protos-Wagen der Siemens-Schuckertwerke“ gebaut – so die offizielle Bezeichnung aller Fahrzeugmodelle. Zwei Jahre später umfasst die Produktpalette sieben verschiedene Benzin- und drei Elektrowagen.

 

Die Firmenleitung muss jedoch bald erkennen, dass die Perspektiven in der Automobilbranche wenig Erfolg versprechend sind. Allein zwischen 1920 und 1924 engagieren sich in Deutschland 121 Firmen erstmals im Pkw-Bau. Daher konzentriert sich das Elektrounternehmen Mitte der 1920er-Jahre auf seine Kernkompetenzen und gibt die Automobilproduktion wieder auf. Unter dem eingeführten Markennamen Protos werden noch jahrelang elektrische Haushaltsgeräte hergestellt und vertrieben.

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