Ein Anruf aus Berlin

Das erste Fernsprech-Fernkabel Deutschlands geht in Betrieb

Das sogenannte Rheinlandkabel ist das erste Fernsprech-Fernkabel Deutschlands: Ab 1921 verbindet die 600 Kilometer lange Fernsprechleitung Berlin mit dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Die erste Teilstrecke zwischen Berlin und Magdeburg wird Anfang November 1913 in Betrieb genommen. Das Kabel, das Zeitgenossen als „mustergültiges Erzeugnis der deutschen Fernsprechtechnik“ bezeichnen, stammt von Siemens & Halske. 

„Interurbane Telephonie“ im Visier – die Vorarbeiten beginnen

In Deutschland werden Fernsprech-Fernverbindungen bis 1912 fast ausschließlich als Freileitungen realisiert. Die „interurbane Telephonie“ – so der zeitgenössische Begriff – ist jedoch sehr störanfällig: Infolge einer Extremwetterlage mit gefrierendem Schnee und starken Stürmen brechen im Winter 1909 fast alle Nachrichtenverbindungen auf der Strecke Berlin–Hannover sowie zahlreiche Linien im nordwestdeutschen Raum zusammen.

 

Weite Teile des Fernsprechverkehrs von und über Berlin sind wochenlang außer Betrieb; besonders hart betroffen ist das rheinisch-westfälische Industriegebiet.

 

Angesichts dieser unhaltbaren Zustände entscheidet das Reichspostamt, das bestehende Freileitungsnetz durch kostenintensivere, aber zuverlässigere unterirdische Kabel zu ersetzen, die perspektivisch zu einem ausgedehnten Fernkabelnetz ausgebaut werden sollen. Allerdings verfügt man damals kaum über Erfahrungen mit Fernsprechkabeln so großer Reichweite – entsprechend kühn ist die Idee von einem deutschen oder gar europäischen Fernsprechnetz. 

 

Um 1900 hat Siemens & Halske das Potenzial der von Michael Pupin entwickelten Selbstinduktionsspulen für die technologische Entwicklung des Fernsprechweitverkehrs richtig eingeschätzt und sich die deutschen Schutzrechte an dessen Erfindung gesichert. Es folgen umfangreiche Forschungs- und Versuchsarbeiten, bis das Pupinverfahren für Telefonlinien großer Reichweite einsatzbereit war. 1910 sind die theoretischen Vorarbeiten so weit fortgeschritten, dass Fernsprechkabel von 1.000 Kilometern Übertragungsreichweite machbar erscheinen; mit den praktischen Vorarbeiten für den Bau des sogenannten Rheinlandkabels kann begonnen werden.

Ausbau in zwei Etappen – erst Berlin-Hannover, dann weiter nach Köln

Im Sommer 1912 wird Siemens & Halske „die Lieferung des Fernsprechkabels Berlin–Magdeburg nebst Pupinausrüstung und sonstigem Zubehör sowie die zur Herstellung der Kabelverbindung erforderlichen Arbeiten“ übertragen. Dieser Auftrag markiert den Beginn des europäischen Fernsprech-Kabelnetzes.

 

Die Produktion des Telefonkabels übernimmt das Kabelwerk Gartenfeld der Siemens-Schuckertwerke. Es besteht aus 52 Doppeladern von zwei beziehungsweise drei Millimetern Durchmesser und ist alle 1.700 Meter mit Pupinspulen ausgerüstet. Da das Kabel in Zementrohrkanäle eingezogen wird, kommt man ohne zusätzlichen Schutz vor chemischen oder mechanischen Einflüssen aus. Die verseilten Kupferleiter sind lediglich durch einen Bleimantel gegen Feuchtigkeit geschützt. 

Das Fernsprechkabel wird ab dem Spätherbst 1912 in Teilstücken von je 170 Metern Länge verlegt; die Arbeiten beginnen in Brandenburg an der Havel. Anschließend arbeitet man sich in Richtung Berlin vor. Nachdem die Reichshauptstadt an das Fernkabel angeschlossen ist, wird die Verlegung von Brandenburg aus Richtung Westen fortgesetzt. Im August 1913 ist die 150 Kilometer lange Verbindung zwischen Berlin und Magdeburg fertiggestellt, Anfang November wird das Kabel in Betrieb genommen. Im Jahr darauf reicht das Fernsprechkabel bereits bis Hannover, dann stoppt der Erste Weltkrieg den weiteren Ausbau. Erst im Frühjahr 1920 können die Arbeiten fortgesetzt werden. 

 

Mit der Verbindung Dortmund–Köln geht 1922 das letzte Teilstück des über 600 Kilometer langen Rheinlandkabels in Betrieb. Das Kabel für diesen Abschnitt liefert die in Köln-Mülheim ansässige Felten & Guilleaume Carlswerk AG (F&G), die zugehörigen Pupinspulen stammen von Siemens & Halske. Unter Beteiligung der Deutschen Reichspost und der AEG haben die beiden Kabelproduzenten bereits im Jahr zuvor mit der Deutschen Fernkabel Gesellschaft (DFKG) ein Gemeinschaftsunternehmen zum einheitlichen Aufbau des deutschen Fernmeldeweitverkehrsnetzes gegründet. 

 

 

 

Sabine Dittler