Rotes Gold

Dampfkraftwerk Tocopilla geht in Betrieb

Chile ist reich an Bodenschätzen, das Land verfügt unter anderem über die größten bekannten Kupfervorkommen der Welt. Mitte der 1910er-Jahre wurde in Chuquicamata, der weltweit größten Kupfermine, erstmals elektrolytisch gewonnenes Kupfer produziert. Die hierfür erforderlichen Energieerzeugungs- und -übertragungsanlagen stammten von den Siemens-Schuckertwerken, die im Rahmen des Großprojekts als Generalunternehmer fungierten. Im Auftrag der Chile Exploration Company lieferte man Ausrüstung im Wert von mehr als zwölf Millionen Mark nach Chile.

Hoher Energiebedarf bei der Kupfergewinnung – Brechen, Herauslösen, Umwandeln

Chile ist reich an Bodenschätzen; so verfügt das Land unter anderem über die größten bekannten Kupfervorkommen der Welt. Im 19. Jahrhundert gehen die Ausbeutung der Bodenschätze und die wirtschaftliche Erschließung Chiles weitgehend von Deutschland und Großbritannien aus. Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen auch US-amerikanische Unternehmen, sich immer stärker vor Ort zu engagieren. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die großen Kupfererzlager in Norden des Landes. Da das in der Región de Antofagasta geförderte Erz einen vergleichsweise geringen Kupfergehalt hatte, lassen sich die Kupferminen in Chuquicamata nur unter Einsatz großtechnischer Verfahren und Anlagen sinnvoll nutzen. 

 

Um das Kupfer auf elektrolytischem Weg aus dem Gestein zu lösen, muss das Kupfererz zunächst in kleine Stücke gebrochen werden. Im nächsten Schritt setzt man verdünnte Schwefelsäure zu, in der sich das enthaltene Kupfer löst. Nach einigen Reinigungsstufen wird das Halbedelmetall mithilfe von Gleichstrom in Form von elektrolytisch reinem Kupfer aus dieser Lösung gewonnen. Die Anlage in Chuquicamata ist die erste, die in großem Maßstab auf diesem Weg Kupfer gewinnt. 

Besser als die Konkurrenz – Großauftrag von mehr als zwölf Millionen Mark

Den Planungen der ersten Ausbaustufe liegt eine Tagesproduktion von rund 125 bis 150 Tonnen elektrolytisch reinen Kupfers zugrunde, wofür bis zu 10.000 Tonnen Erz verarbeitet werden müssen. Dies erfordert einen Energiebedarf von etwa 24 Megawatt. Da Chuquicamata in der Atacama-Wüste liegt, stehen in unmittelbarer Nähe der Grube weder Wasserkraft noch fossile Brennstoffe für die Stromerzeugung zur Verfügung. Angesichts dieser Rahmenbedingungen entschließt man sich, ein Kraftwerk am Meer  zu errichten und den Strom von dort zum Empfängerwerk auf über 2.700 Metern Höhe nahe dem Bergwerk zu übertragen.

 

Dank der Vermittlung von Karl Georg Frank, der das „Informationsbüro“ des deutschen Elektrokonzerns in New York leitet, kann sich Siemens gegen die mächtige Konkurrenz aus Nordamerika und Großbritannien durchsetzen: Im Mai 1913 vergibt die Chile Exploration Company, ein Kupferunternehmen des New Yorker Bankhauses Guggenheim & Sons, den Auftrag zur Errichtung des Kraft- und Empfängerwerks an die Siemens-Schuckertwerke, die als Generalunternehmer Starkstromausrüstung inklusive Fremdmaterial für über zwölf Millionen Mark nach Chile liefern. 

Rohöl-Lieferungen per Schiff – vom Meer in die Wüste 

Nach längeren Vorstudien verständigt man sich auf die Hafenstadt Tocopilla als Standort des Kraftwerks, da das als Brennstoff benötigte Rohöl einfach per Schiff angeliefert werden konnte. Das Empfängerwerk wird unweit des 140 Kilometer entfernten Grubengeländes errichtet. Die Übertragung der von den Drehstromgeneratoren in Tocopilla erzeugten Elektrizität zum Empfängerwerk in Chuquicamata erfolgt über eine 100.000-Volt-Hochspannungsleitung.

 

Vor Ort transformiert man den Drehstrom wieder auf 5.000 Volt herunter. Der größte Teil der Energie wird dann mithilfe von Maschinenumformern in durchschnittlich 235-Volt-Gleichstrom umgewandelt, da die Elektrolyse sowie die verschiedenen Motoren mit Gleichstrom betrieben werden.

Fertigstellung fristgerecht – zahlreichen Schwierigkeiten zum Trotz

Im Rahmen des ehrgeizigen Großprojekts gilt es, zahlreiche Schwierigkeiten zu überwinden. So wird die gesamte Anlage auf erdbebengefährdetem Gebiet errichtet; auch der Transport aller erforderlichen Materialien in das unzugängliche Gelände ist ausgesprochen mühsam. Darüber hinaus herrscht in der Atacama extreme Trockenheit. Entsprechend muss das Kühlwasser in Tocopilla durch Destillation aus dem Meerwasser gewonnen werden, während man beim Empfängerwerk auf eine in der Nähe vorbeiführende Hochdruckwasserleitung zurückgreifen kann.

 

Auch politische Auseinandersetzungen behindern den Fortgang der Arbeiten: Da der Bau fast komplett in die Zeit des Ersten Weltkriegs fällt, gestaltet sich der Transport der Maschinen von Deutschland nach Chile äußerst schwierig. Die letzten großen Sendungen treffen erst im April 1915 an ihrem Bestimmungsort ein. Dennoch können einen Monat später die ersten Maschinen in Betrieb genommen werden. Im Februar 1916 ist das bis dato größte Kraftwerk des Landes planmäßig einsatzbereit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Franz Hebestreit

 

Zum Weiterlesen

  • Siemens-Schuckertwerke, Die Anlagen der Chile Exploration Company in Tocopilla und Chuquicamata (= SSW Druckschrift 909), [Berlin 1921]
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