Am Zuckerhut

Siemens startet in Brasilien

Im Jahr 1905 eröffnet Siemens in Rio de Janeiro eine eigene Landesgesellschaft. Ihre Etablierung markiert den vorläufigen Höhepunkt der weit ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Geschichte des deutschen Elektrokonzerns in Brasilien. Siemens ist das erste Großunternehmen der Branche, das sich dauerhaft in dem südamerikanischen Land niederlässt. 

Günstiges Investitionsklima – die Kommunikationsinfrastruktur wird ausgebaut

Als Siemens am 6. November 1905 in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro eine eigene Landesgesellschaft gründet, ist das Unternehmen bereits seit Jahrzehnten in Brasilien aktiv. Schon zu Beginn der 1860er-Jahre liefert die Londoner Filiale – damals zuständig für die überseeischen Märkte – Telegrafenkabel in das südamerikanische Land. 1867 errichtet Siemens Brothers die erste längere Telegrafenlinie Brasiliens. Diese verbindet die Residenz des Monarchen in Rio de Janeiro mit der Provinz Rio Grande do Sul. Fünf Jahre später beginnt die Firma, das erste Seekabel von der brasilianischen Hauptstadt nach Montevideo in Uruguay zu verlegen; das rund 2.500 Kilometer lange Kabel geht 1875 in Betrieb. Doch diesen Aufträgen zum Trotz bleiben die Aktivitäten der deutschen Elektroindustrie in Südamerika bis auf Weiteres sporadischer Natur.

 

Erst während der 1890er-Jahre zieht das Schwachstromgeschäft wieder an. Diese Entwicklung resultiert unter anderem aus der Tatsache, dass der Übergang von der Monarchie zur Republik im Jahr 1889 das Investitionsklima begünstigt und zu einer weniger zentralisierten Wirtschaft geführt hat.

 

1896 ist Siemens erneut an einem größeren Telegrafenprojekt beteiligt. Damals verlegt man ein rund 2.000 Kilometer langes Seekabel durch Teile des Amazonas-Stroms. Das Kabel soll entlegene Regionen des riesigen Landes mit dem bereits installierten Telegrafennetz verbinden und so dazu beitragen, den Kautschukexport zu fördern. 

Von den Bemühungen der brasilianischen Regierung, das Land zu modernisieren, profitieren vor allem die Städte. 1897 gewann Siemens & Halske (S&H) den Auftrag, in Rio de Janeiro die erste öffentliche Fernsprechvermittlung Brasiliens zu errichten. Hierfür gründet man 1898 eigens die „Brasilianische Elektrizitätsgesellschaft“ (BEG) mit Sitz in Berlin, die im Rahmen des Projekts als Finanzierungsgesellschaft fungiert. Das 1899 in Betrieb genommene Fernsprechamt wird bis 1904 auf knapp 2.000 Anschlüsse erweitert.

Aufträge für Energietechnik folgen – Gründung eines Vertriebsbüros in Rio de Janeiro

In den 1890er-Jahren erhält Siemens & Halske erste Bestellungen für die technische Ausrüstung von Kraftwerken in Übersee. 1894 wird das Unternehmen beauftragt, in Belém das erste Dampfkraftwerk Brasiliens zu errichten.

 

Angesichts der wachsenden Bedeutung Südamerikas als Absatzmarkt für energietechnische Erzeugnisse eröffnet der deutsche Elektrokonzern nur wenige Monate später in Rio de Janeiro ein sogenanntes Technisches Büro. Zuvor nahmen wechselnde Handelsvertreter die Siemens-Interessen vor Ort wahr.

 

Das Vertriebsbüro firmiert unter der Bezeichnung „Siemens & Halske, Berlin, Representação Geral para América do Sul“.

 

Seine Mitarbeiter sollen die Absatzmöglichkeiten nicht nur in Brasilien, sondern auch in ganz Südamerika beobachten und die spezifischen Rahmenbedingungen eines Auftrags so weit klären, dass die einzelnen Projekte ohne Zeitverlust und Rückfragen in Berlin bearbeitet werden können.

Die Entscheidung, in Brasilien dauerhaft Präsenz zu zeigen, erweist sich als richtig. 1896/97 errichtet Siemens & Halske in Salvador die erste elektrische Straßenbahn Brasiliens. Diese löst eine knapp 20 Jahre alte Maultierbahn ab, die die auf einer Halbinsel gelegenen Vororte mit dem Stadtzentrum verbindet.

 

Zwischen 1899 und 1905 elektrifiziert Siemens unter Beteiligung der Brasilianischen Elektrizitätsgesellschaft in einem Vorort von Rio de Janeiro eine weitere Straßenbahnlinie. Im Zusammenspiel mit den insgesamt sechs Kraftwerken, die das Elektrounternehmen bis Anfang des 20. Jahrhunderts nach Brasilien liefert, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Elektrifizierung des Landes.

Weiterentwicklung der Organisation – neue Rechtsform, viel versprechendeFusionen

Das Technische Büro in Rio fungiert fünf Jahre lang erfolgreich als Repräsentanz von Siemens & Halske in Südamerika. Mit dem Ziel, die Kapitalbasis zu erweitern, fasst die Unternehmensleitung in Berlin 1899 den Entschluss, das Büro in eine Aktiengesellschaft brasilianischen Rechts umzuwandeln. Entsprechend firmiert die Gesellschaft ab 1900 unter dem Namen „Companhia Electrica Brasileira Siemens & Halske“; seine Mitarbeiter widmen sich nun verstärkt dem Starkstromgeschäft.

 

Diesem Schritt folgen zahlreiche weitere Änderungen, mit denen man in der Regel auf die Weiterentwicklung der Führungs- und Organisationsstruktur des Gesamtunternehmens reagierte. So auch 1903, als Siemens & Halske mit der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co. (EAG) einen der bedeutendsten Wettbewerber auf dem Gebiet der Energietechnik übernimmt. Infolgedessen werden die Starkstromabteilungen von Siemens & Halske mit denen der EAG zur Siemens-Schuckertwerke GmbH (SSW) fusioniert. Im Interesse einer effektiven Marktbearbeitung wird die ausländische Vertriebsorganisation der beiden Stammgesellschaften zusammengeführt.

Präsenz direkt im Land – eine eigene Landesgesellschaft entsteht

Für den brasilianischen Elektromarkt gründet man im Oktober 1904 die Brasilianische Siemens-Schuckertwerke Elektrizitätsgesellschaft m.b.H. mit Sitz in Berlin. Auch das einstige Technische Büro in Rio de Janeiro wird neu organisiert und trägt ab dem 6. November 1905 den Namen „Companhia Brasileira de Electricdade Siemens-Schuckertwerke“. Die Firma ist die erste Siemens-Gesellschaft, die ausschließlich den brasilianischen Markt bearbeitet; dies gilt sowohl für das Stark- als auch für das Schwachstromgeschäft. Als Konsequenz stellt sich Siemens 1905 breiter auf und eröffnet Unterbüros im gesamten Land – unter anderem in São Paulo, Belo Horizonte, Porto Alegre und Bahia.

 

In der Folge wird vor allem das Anlagengeschäft kontinuierlich ausgebaut: Bis 1907 errichtet Siemens 16 weitere Kraftwerke; darunter 1904 ein Wasserkraftwerk in Rio Claro in der Provinz São Paulo, der am stärksten industrialisierten Region des Landes. Brasilien wandelt sich so innerhalb weniger Jahrzehnte vom „schwierigen Boden“, wie Werner von Siemens in einem Brief an seinen Bruder Carl 1866 formulierte, zum fruchtbaren Betätigungsfeld.

 

 

 

Dr. Ewald Blocher

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • Siemens in Brazil. 100 Years Shaping the Future, hrsg. v. Siemens Ltda., São Paulo 2005 (nur in englischer Sprache verfügbar)
  • Gerhart Jacob-Wendler: Deutsche Elektroindustrie in Lateinamerika. Siemens und AEG, 1890–1914, Stuttgart 1982
  • Stromzeiten. Pionierleistungen der Elektrotechnik. Fotografien aus dem Siemens Historical Institute, Berlin 2014