Über den großen Teich 

Die Geschichte von Siemens in den USA

Es beginnt mit einer Neubewertung: 1881 erkennt Werner von Siemens die Bedeutung des US-amerikanischen Marktes für sein Unternehmen und zehn Jahre später eröffnet Siemens in Chicago eine erste eigene Produktionsstätte. Mehr als ein Jahrhundert später erweist sich diese Einschätzung als goldrichtig: Im Jahr 2001 ist Siemens in den USA zum größten ausländischen Investor im Bereich Elektrotechnik und Elektronik herangewachsen. Erstmalig übertreffen damit die Aktivitäten auf einem ausländischen Markt diejenigen in Deutschland. Heute sind die USA der wichtigste Markt für Siemens und eine tragende Säule des weltweiten Unternehmenserfolges.

Die Anfänge – Werner von Siemens erkennt die Bedeutung des amerikanischen Markts

Im Mai 1881 schreibt Werner von Siemens an seinen Bruder William, es sei „wirklich eine Sünde“, den US-amerikanischen Markt unbeachtet zu lassen. Der Gründer der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ gelangt in späteren Lebensjahren zu der Überzeugung, dass kein Land der Welt seinem Unternehmen ein größeres Marktpotenzial bieten könne. Die ersten Geschäftskontakte zwischen Siemens & Halske und amerikanischen Unternehmern reichen zwar in die 1840er-Jahre zurück.

 

Doch damals wie auch in den folgenden Jahrzehnten beschränken sich die Aktivitäten in erster Linie auf das Anmelden von Patenten, den Abschluss von Lizenzverträgen und die Lieferung einiger weniger Nischenprodukte.

 

1892 errichtet man in Chicago eine eigene Produktionsstätte; von 1908 bis 1941 unterhält Siemens ein kleines Vertreterbüro in New York. Auch intensiviert das deutsche Elektrounternehmen seine Geschäftskontakte zu den US-amerikanischen Marktführern General Electric und Westinghouse Electronic Corporation (kurz Westinghouse).

Partnerschaft statt Konkurrenz – Siemens arbeitet mit Westinghouse zusammen

Vor allem mit letzterem Unternehmen verbindet Siemens ab 1924 eine anhaltende Partnerschaft. Westinghouse, 1886 gegründet und wie Siemens im Feld der Energietechnik aktiv, unterzeichnet am 17. Oktober 1924 einen Kooperationsvertrag mit den Siemens-Schuckertwerken, der den regelmäßigen Austausch von Patenten und Know-how vorsieht.

 

Das amerikanische Unternehmen ziert sich anfangs, da man in der Führungsspitze Siemens zuallererst als Konkurrenten erblickt. Diese Hürde kann jedoch überwunden werden, denn die getroffene Vereinbarung legt zudem fest, dass sich Siemens in den USA und in Kanada in den Arbeitsgebieten von Westinghouse nicht engagiert, wohingegen der amerikanische Konzern auf eine Geschäftstätigkeit am europäischen Markt verzichtet.

 

Für Siemens ist die Kooperation ein besonderer Gewinn. Denn wie andere deutsche Unternehmen hat der Elektrokonzern durch den Ersten Weltkrieg und die auferlegten Beschränkungen des Versailler Friedensvertrages sowohl technologisch den Anschluss an die internationale Entwicklung in der Energietechnik verloren als auch einstige Marktpositionen im Ausland eingebüßt. Diese Nachteile wieder auszugleichen, dazu trägt auch der geschlossene Kooperationsvertrag bei.

 

Trotz dieser fruchtbaren Übereinkunft mit Westinghouse, gelingt Siemens in den USA allerdings eine dauerhafte Markterschließung zunächst nicht. Bis 1945 kommt das Unternehmen über die Patentverwertung und ein begrenztes Geschäft mit Spezialartikeln nicht hinaus.

Ein neuer Anlauf – die Entwicklung des US-Geschäfts nach 1945

Erst als sich das deutsche Elektrounternehmen nach Ende des Zweiten Weltkriegs am Heimatmarkt stabilisiert, rücken die Vereinigten Staaten von Amerika erneut in den unternehmerischen Fokus. Die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Westinghouse und die Gründung eines Informationsbüros in New York 1954 markieren den Neubeginn des US-Geschäfts. Anfangs konzentriert sich Siemens auf den Export medizintechnischer Güter wie Rönt­genanlagen und Dentaltechnik.

 

Im Verlauf der 1960er-Jahre wird das Produktportfolio unter anderem um Elektronenmikroskope, elektronische Bauelemente, Mess- und Prüfgeräte, Fernschreiber und Vermittlungstechnik sowie Dampfturbinen und Generatoren erweitert. Darüber hinaus sind Tochtergesellschaften wie die Deutsche Grammophon und OSRAM am amerikanischen Markt präsent. Obwohl die Bandbreite der Exportprodukte zu Beginn der 1970er-Jahre eine beachtliche Größe erreicht hat, bleibt der quantitative Umfang der Lieferungen – verglichen mit anderen Auslandsmärkten – begrenzt. 

Eine unternehmerische Offensive – Intensivierte Markterschließung und Etablierung in den USA

Erst in den 1970er-Jahren entschließt sich die 1966 gegründete Siemens AG unter Vorsitz des damaligen CEO Bernhard Plettner, die USA umfassender in ihre Geschäftsaktivitäten einzubeziehen. 1970 gründet man die Siemens Corporation mit Sitz in Iselin, New Jersey, und erweitert die zuvor rein informative Beratungstätigkeit in den USA. Mit dem Ziel, die Position am US-amerikanischen Elektromarkt zu stärken, geht die Siemens-Tochtergesellschaft verstärkt Joint Ventures mit US-Elektrokonzernen ein und übernimmt einheimische Unternehmen. Der Kauf von Computest 1973 läutet diese neue Ära der Geschäftspolitik ein.

 

1974 fasst Paul Dax, der für das Ausland zuständige Vorstand, die große Bedeutung des US-amerikanischen Markts für Siemens wie folgt zusammen: „Es führt uns kein Weg an den USA vorbei. Unsere [...] Tätigkeit in den Vereinigten Staaten wird [...] ein Prüfstein unserer Leistungs- und Anpassungsfähigkeit sein“. Dieser Ein­schätzung entsprechend erzielt der Konzern ab Ende der 1970er-Jahre steigende Umsätze. Hohe Anlaufkosten und verschiedene strukturelle, institutionelle sowie personelle Hemmfaktoren bringen es jedoch mit sich, dass man dennoch kaum Gewinne erzielt. 

Endlich schwarze Zahlen – das langjährige Engagement in den USA trägt Früchte

Erst ab Mitte der 1980er-Jahre schreibt die Siemens Corporation schwarze Zahlen – und die USA steigen zum wichtigsten Auslands­markt der Siemens AG auf. Ein erster Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Entscheidung, Siemens 2001 an der New York Stock Exchange zu notieren. Mit einem Umsatz von 18,9 Milliarden US-Dollar übertreffen die Aktivitäten am nordamerikanischen Markt im selben Jahr erstmals das Deutschlandgeschäft. Zwar wird die Börsennotierung 2014 wieder zurückgenommen, da sich, wie bei anderen deutschen Unternehmen, die diesen Schritt gegangen sind, kein zusätzlicher Schub für den amerikanischen Markt einstellt.

 

Dennoch bleiben die USA der größte Einzelmarkt für Siemens weltweit. Bereits 2006 nimmt das US-Geschäft rund 20 Prozent des Siemens-Gesamtumsatzes ein. So werden beispielsweise rund 45 Prozent des globalen Absatzes im Bereich Medizintechnik und rund 32 Prozent im Bereich Gebäudetechnik in den USA erwirtschaftet.

Vorreiter der Digitalisierung – die USA sind heute Siemens‘ größter Markt

Hochqualifizierte Mitarbeiter in der Fertigung sind für Siemens in den USA, wo wir seit mehr als 160 Jahren aktiv sind, von entscheidender Bedeutung. Die USA sind heute unser größter Markt. In den vergangenen 15 Jahren haben wir hier rund 35 Mrd. US-Dollar investiert.
Joe Kaeser, 2017

Siemens setzt seit den 2000er-Jahren am amerikanischen Markt in besonderem Maße auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung. So erhält das Unternehmen 2010 aus den USA den bis dahin größten Onshore-Windauftrag. Im Bundesstaat Iowa gehen zwei Jahre später insgesamt 258 Windenergieanlagen in Betrieb mit einer Gesamtleistung von 593 Megawatt – genug Energie, um 190.000 US-Haushalte mit sauberem Strom zu versorgen. 2014 erhält Siemens den größten Auftrag, der in den USA jemals im Bereich Nahverkehr vergeben wird. Die Verkehrsbehörde von San Francisco bestellt 175 Stadtbahnwagen im Wert von rund 650 Millionen US-Dollar. Die Wagen zeichnen sich durch eine besondere Leichtbauweise und Effizienz aus, sodass sie bis zu 40 Prozent weniger Energie verbrauchen als herkömmliche Straßenbahnen.

 

Bereits 2013 stattet Siemens die über 100 Jahre alte New Yorker Metro mit dem automatischen Zugsteuerungssystem Trainguard aus und ist damit ein Vorreiter in der Digitalisierung. Die digitale Transformation voranzutreiben, hat sich Siemens in den USA in besonderem Maße auf die Fahnen geschrieben. Seit 2007 investiert man mehr als zehn Milliarden US-Dollar in ansässige Softwarefirmen, seit 2002 jährlich eine Milliarde US-Dollar in Forschung und Entwicklung und seit 2011 jährlich mehr als 50 Millionen US-Dollar in Berufsausbildungsprogramme. Blickt man heute auf die Anfänge von Siemens in den USA zurück, erweist sich die Einschätzung des Firmengründers mehr als zutreffend. In seiner mehr als 160-jährigen Geschichte hat sich Siemens in den USA erfolgreich von einer eher unbekannten Nischenfirma zu einem marktprägenden Player entwickelt.

 

Dr. Ulrich Kreutzer | Dr. Ewald Blocher

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Zum Weiterlesen

Ulrich Kreutzer, Von den Anfängen zum Milliardengeschäft. Die Unternehmensentwicklung von Siemens in den USA zwischen 1845 und 2001, Stuttgart 2013