125 Jahre Siemens in Mexiko

Gekommen, um zu bleiben

Im Sommer 1894 etabliert Siemens in Mexiko-Stadt das erste Technische Büro des Elektrounternehmens in Lateinamerika. Die Gründung dieser Geschäftsstelle markiert den Beginn einer wechselvollen Geschichte – geprägt durch politische Unruhen, zwei Weltkriege, eine Phase rasanten Wirtschaftswachstums sowie eine staatliche Finanzkrise. Diesen unsteten Rahmenbedingungen zum Trotz ist Siemens bis heute eines der erfolgreichsten ausländischen Unternehmen des Landes. 

Deutsche Elektroindustrie auf dem Vormarsch – erster Auftrag in Lateinamerika 

Am 1. August 1894 eröffnet Siemens & Halske (S&H) in Mexiko-Stadt eine Niederlassung unter dem Namen „S&H Despacho Técnico México“. Zunächst durch Victor von Uslar, einen externen Vertreter, aufgebaut und geleitet, entschließt sich Siemens im Folgejahr, das Büro auf eigene Kosten zu führen. Unter Leitung von Wilhelm Brockmann zieht die Vertretung erste Großaufträge an Land, darunter den über die Errichtung des ersten mexikanischen Dampfkraftwerks im Stadtteil Nonoalco. Zu diesem Zweck wird 1897 in der Hauptstadt eigens die Gesellschaft Compañia Mexicana de Electricidad S.A. gegründet. Dieser Auftrag ist zugleich das erste Geschäft der deutschen Elektroindustrie in Lateinamerika. Im selben Jahr installiert die Niederlassung die gesamte elektrische Beleuchtung in Mexiko-Stadt. Ab 1903 ist Siemens am Bau des landesweit größten Wasserkraftwerks am Rio Necaxa beteiligt.

1904 wird die Siemens-Schuckertwerke México Elektrizitäts-Gesellschaft mbH gegründet. Das Unternehmen, das in erster Linie Starkstromprojekte realisiert, übernimmt auch die Vertretung des Schwachstromgeschäfts von Siemens & Halske. Unter dem neuen Leiter Alfred Hirsch weitet die Niederlassung ihre Geschäftstätigkeit in den folgenden Jahren erfolgreich aus. Im Zuge des Großauftrags zum Bau eines Wasserkraftwerks in Guadalajara wird dort 1911 ein sogenanntes Unterbüro eröffnet. Noch im selben Jahr folgt eine weitere Dependance in Monterrey.

 

Durch Vermittlung der mexikanischen Landesgesellschaft beauftragt die Compañia de Luz, Fuerza y Ferrocarilles das Berliner Stammhaus 1911/12 mit der Elektrifizierung und Erweiterung einer Bahnlinie, die die Stadt Pachuca mit den umliegenden Silberminen verbindet. 1913 geht diese erste von Siemens in Mexiko elektrifizierte Bahn in Betrieb.

Schwierige Lage durch Revolution und zwei Weltkriege – doch der Neuanfang gelingt

Der weitere Ausbau der Aktivitäten in Mexiko wird zunächst durch die Revolution von 1910/11 erschwert. Die Unruhen ziehen eine Destabilisierung des Landes nach sich mit entsprechenden Folgen für das Geschäftsklima. Sodann verschärft der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verschärft die ohnehin schwierige Situation: Die Verbindung und der Warenverkehr zwischen der Siemens-Niederlassung und der Zentrale in Berlin werden unterbrochen. Erst nach dem Krieg verbessert sich die Situation. Zwischenzeitlich haben die Verantwortlichen beschlossen, die Gesellschaft als mexikanische Aktiengesellschaft fortzuführen. Während der Zwischenkriegsjahre profitiert Siemens von der forcierten Industrialisierung des Landes. Doch der Zweite Weltkrieg setzt dieser Entwicklung erneut ein Ende: Mexiko stand auf der Seite der Alliierten; 1942 wird die Vertretung per Gesetz aufgelöst, und alle Mitarbeiter werden entlassen.

 

Erst 1953 gelingt es Siemens, wieder am mexikanischen Markt Fuß zu fassen. Damals eröffnet man in Mexiko-Stadt ein Vertretungsbüro. Drei Jahre später wird eine eigene Landesgesellschaft gegründet, die vor Ort die Interessen der drei Stammgesellschaften Siemens & Halske, Siemens-Schuckertwerke und Siemens-Reiniger-Werke vertritt. Siemens profitiert in den Nachkriegsjahrzehnten von einem politisch stabilen Mexiko und einer anhaltend wachsenden Wirtschaft. 

 

Doch die guten Jahre für das mittelamerikanische Land sind bald wieder vorbei: Ende der 1960er-Jahre verlangsamt sich der Konjunkturaufschwung. 1982 erleidet die ökonomische Entwicklung im Zuge der internationalen Verschuldungskrise und der Zahlungsunfähigkeit Mexikos einen herben Einbruch.

Immer mehr Großaufträge – Siemens wird zum festen Wirtschaftsfaktor Mexikos

Da sich Siemens seit den 1950er-Jahren in einem stabilen geschäftlichen Umfeld bewegt, sind die Auswirkungen dieser Krisen vergleichsweise gering. Von Vorteil ist auch, dass das Unternehmen vor Ort mit zahlreichen Geschäftsfeldern vertreten ist. Diese reichen von der Energie- über die Verkehrs-, Nachrichten- und Industrietechnik bis zur Elektromedizin. Infolgedessen übersteht die Landesgesellschaft auch diese unruhigen Zeiten und baut ihre Aktivitäten weiter aus.

 

Zahlreiche Großaufträge prägen die folgenden Jahrzehnte. So trägt Siemens wesentlich zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs bei. 1987 ist man an der Modernisierung des Verkehrsnetzes in Guadalajara beteiligt, in mehreren Ausbaustufen wird die Millionenstadt im Westen Mexikos mit einem neuen Stadtbahnsystem ausgestattet. Im Rahmen dieses Großprojekts beginnt Siemens auch mit der Ausbildung von einheimischem Fachpersonal. Zehn Jahre später erhält Siemens/KWU vom staatlichen Erdölunternehmen PEMEX den bis dato größten Auftrag über die Modernisierung der kompletten Leittechnik einer Raffinerie.

 

2013 erzielt die Landesgesellschaft einen Umsatz von über 700 Millionen Euro und beschäftigt mehr als 6.000 Mitarbeiter. Für Siemens in Mexiko gilt in besonderer Weise, was der ehemalige Vorstandsvorsitzende Gerd Tacke 1967 formuliert: „So kommen wir in fremde Länder nicht als Händler, verkaufen unsere Ware und gehen dann wieder – sondern wir sind in fremden Ländern zu Hause, weil wir durch nationale Gesellschaften verwurzelt sind.“

 

 

Dr. Ewald Blocher