Siemens in Indien

Eine Brücke nach Indien

Von der Indo-Linie zu Smart City Lösungen

Siemens trägt in Indien die Verantwortung für acht Kompetenzzentren, elf Forschungseinrichtungen, 22 Fabriken und über 9.500 Mitarbeiter. Die ersten Niederlassungen wurden bereits 1922 in Bombay (Mumbai) gegründet, doch die Geschichte von Siemens in Indien fängt viel früher an – im Jahr 1867, als Werner von Siemens und seine Brüder die Weichen für die Indo-Europäische Telegrafenlinie von London nach Kalkutta stellen. 

Weltsensation – In 28 Minuten von London nach Kalkutta 

Die Geschichte von Siemens in Indien beginnt vor über 150 Jahren. In den 1860er-Jahren werden nach und nach in ganz Europa neuartige Telegrafennetze ausgebaut, um eine schnelle Kommunikation zwischen den wichtigsten Städten zu ermöglichen. Der Bau einer Linie von England bis nach Indien wird immer wieder diskutiert, bis sich das noch junge Unternehmen Siemens & Halske (S&H) entscheidet, sich der gewaltigen Herausforderung stellen: Eine 11.000 Kilometer lange Landlinie soll durch mehrere Länder von London bis nach Kalkutta (Kolkata) in nur wenigen Jahren verlegt werden. Werner von Siemens und seine Brüder nutzen 1867 ihre internationalen Beziehungen, um die Finanzierung des ambitionierten Projekts zu sichern. Im April 1868 wird die „Indo-European Telegraph Company“ mit Sitz in London gegründet, die die Errichtung und den Betrieb der neuen Linie übernehmen soll. Nach sorgfältiger Planung und Arbeitsaufteilung beginnt im Juni 1868 der Bau der Indo-Europäischen Telegrafenlinie. Trotz vieler Schwierigkeiten gelingt es den Siemens-Brüdern, nach nur zwei Jahren Bauzeit am 12. April 1870 die erste Depesche über die Telegrafenlinie zu verschicken: Die Strecke von London bis Kalkutta legt das Telegramm nur 28 Minuten zurück – eine Weltsensation.

 

 

[…] so faßte ich den kühnen Plan, eine telegraphische Speziallinie zwischen England und Indien durch Preußen, Russland und Persien, die Indo-Europäische Linie, ins Leben zu rufen.
Werner von Siemens, 1892

Ein mühsamer Start – SSW fasst langsam Fuß in Indien

Nach Fertigstellung der Indo-Europäischen Telegrafenlinie bleibt Indien ein vielversprechender, aber gleichzeitig ein schwer bezwingbarer Markt für Siemens. Besonders am Anfang stellt Indien für das Unternehmen eine enorme Herausforderung dar: Ein Land, das ungefähr so groß ist wie Europa und deutlich bevölkerungsreicher, ein Land, in dem sich viele Völker verschiedener Ethnien mischen und dessen Geografie sowohl vom höchsten Gebirge der Welt als auch von Wüsten und Dschungel bestimmt wird. 

Erst mehrere Jahre nach dem Bau der Telegrafenlinie gelingt es den Siemens-Schuckertwerken (SSW), in Indien allmählich Fuß zu fassen: Sie betrauen zunächst ab 1903 das Import-Export Unternehmen Schröder, Smidt & Co mit der Vertretung. Dieses von deutschen Händlern 1862 im Land gegründete Unternehmen importiert und verkauft mehrere Jahre lang SSW-Erzeugnisse in Indien. Um die Geschäfte außerhalb Europas besser organisieren zu können, gründen S&H und die britische Dependance Siemens Brothers Ltd. 1908 gemeinsam die „Central-Verwaltung-Übersee.“ Durch diese Organisation gelingt es Siemens, auch in Indien größere Aufträge zu erhalten und umzusetzen.

Zu den frühen Aufträgen gehört beispielsweise die Lieferung von SSW-Turbogeneratoren für das Kraftwerk von Tata Iron & Steel um 1910. Weitere Generatoren werden in den darauffolgenden Jahren für verschiedene indische Kraftwerke produziert, zum Beispiel für das Wasserkraftwerk Khopoli, von dem der erzeugte Strom über eine circa 70 Kilometer lange Leitung nach Bombay übertragen wird. Durch solch erfolgreich durchgeführte Aufträge festigt sich der Ruf von SSW als zuverlässiger und qualitätsstarker Lieferant landesweit.

 

 

Der Beginn eines verlässlichen Unternehmens – Siemens (India) Ltd.

Obwohl der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Ausweitung des Indiengeschäfts unterbricht, gelingt es SSW im Jahr 1921, die Vertretung in Kalkutta erneut zu übernehmen. Oberingenieur Edmund von Rziha wird berufen, um vor Ort alle Vorbereitungen und Entscheidungen für die Gründung der indischen Siemens-Gesellschaft zu treffen.

 

Nur ein Jahr später, am 8. November 1922, gründet von Rziha das neue Unternehmen Siemens (India) Ltd. mit Hauptsitz in Kalkutta. Mehrere Unterbüros in Bombay, Karachi, Delhi, Madras, Colombo und Lahore werden kurz darauf eröffnet. Bemerkenswert ist, dass mehrere dieser Unterbüros mit ausschließlich indischem Personal besetzt ist und viele junge Inder direkt vor Ort ausgebildet werden.

Die goldenen Jahre der Energieerzeugung und Fertigung

Siemens ist schon früh eng mit der Entwicklung der Stromversorgung Indiens verbunden, insbesondere mit der Energieerzeugung. Anfang der 1950er-Jahre errichtet das Unternehmen mehrere Kraftwerke. Sie sind bis heute Meilensteine der eigenständigen Stromerzeugung. Im Januar 1954 entsteht beispielsweise das Wasserkraftwerk Pathri am Oberen Ganges-Kanal bei der Stadt Hardwar (Haridwar). Hier, am Rande des Himalajas, zweigt der heilige Fluss ab und bewegt über 270 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Um diese Kraft auszunutzen, eröffnet dort 1955 das erste Groß-Wasserkraftwerk Indiens, dessen mechanischen und elektrischen Teil SSW gemeinsam mit der J. Voith GmbH projektiert.

 

Weitere Großprojekte zur Stromerzeugung werden in den 1950er-Jahren vollendet: Siemens liefert die elektrische Ausrüstung für ein weiteres Wasserkraftwerk in Hirakud im Osten des Landes und für eines in Maithon nordwestlich von Kalkutta sowie für die Dampfkraftwerke Chola bei Bombay (Mumbai), Mau, Sohawal und Gorakhpur im Norden Indiens.

Gleichzeitig baut Siemens India die Fertigung in den 1950er-Jahren stark aus: Zunächst beginnt 1955 eine kleine Werkstatt unter einem Bogen der Mahalaxmi-Brücke in Bombay mit der Montage und Reparatur von Schaltanlagen. Da diese den stets steigenden Bedarf an elektrischen Ausrüstungen schon bald nicht mehr decken kann, gründet Siemens 1957 ein Werk für Schaltanlagen in Worli bei Bombay, die „Siemens Engineering & Manufacturing Co. of India Private Ltd“. In den Folgejahren entstehen mehrere im ganzen Land verteilte Produktionsstätten, in denen Motoren, Schaltanlagen, Transformatoren, Kabel und weitere elektrische Elemente gefertigt werden. 

Von der Lehrlingswerkstatt zum Nachhaltigkeitsstandort – Die Elektromotorenfabrik in Kalwa

Zu den großen Fertigungsstätten gehört auch die 1966 eröffnete Elektromotorenfabrik in Kalwa. Bereits zwei Jahre vor ihrer Eröffnung errichtet man eine Lehrwerkstatt für indische Lehrlinge, damit gut ausgebildetes Personal unmittelbar nach Eröffnung der Motorenfabrik mit der Produktion beginnen kann.

 

Nachdem die aus mehreren Hallen bestehende Fabrik auf einem über 290.000 Quadratmeter großen Grundstück im April 1966 den ersten Motor fabriziert, wächst der Standort kontinuierlich. Heute ist der Industriestandort als „grüne“, nachhaltige Fertigungsstätte bekannt: Durch die weltweit größte Solaranlage auf einem Siemens-Fabrikdach und ein ausgeklügeltes Recyclingsystem ist sie ein Vorzeigestandort in Sachen Nachhaltigkeit. 

Lokale Partner und langjährige Kooperationen – Das Erfolgskonzept von Siemens India

Siemens gelingt es, mehrere Kooperationsabkommen mit indischen Firmen abzuschließen. Ab 1958 beginnt die Zusammenarbeit mit der Bharat Bijlee Ltd., die hauptsächlich Motoren und Transformatoren fertigt. Kurz darauf wird die Cable Corporation of India Ltd. gegründet, eine Siemens-Beteiligungsgesellschaft, die vorwiegend Starkstromkabel, Signalkabel und Leitungen herstellt. Beide Firmen vertreiben sowohl die eigenen Produkte als auch Siemens-Erzeugnisse auf dem indischen Markt und in anderen Ländern.

 

1977 startet die umfangreiche Kooperation von Siemens mit dem staatlichen indischen Elektrokonzern Bharat Heavy Electricals Limited (BHEL). Das bis dahin größte deutsch-indische Kooperationsprojekt stellt eine umfassende Produktionsgemeinschaft zwischen einem westlichen Großunternehmen und einem leistungsfähigen Staatsbetrieb dar. 

Besondere Ereignisse stabilisieren das Geschäft

Anlässlich des 100. Jubiläums von Siemens in Indien wird das Unternehmen 1967 in Siemens India Ltd. umfirmiert. Im Rahmen der Feierlichkeiten führt das Unternehmen eine Firmenpension für seine rund 4.000 Mitarbeiter ein. Durch den kontinuierlichen Ausbau der Industrie bis in die frühen 1970er-Jahre bleibt das Siemens-Geschäft in Indien über mehrere Jahrzehnte stabil. 1971 geht das Unternehmen an die indische Börse, die Bombay Stock Exchange. Siemens India erhält daraufhin große Aufträge im Inland, wie die Ausrüstung mehrerer Bahnhöfe in und um Bombay mit neuester Signaltechnik, die zum Teil in dem nahe gelegenen Werk in Worli hergestellt wird.

1981 eröffnet Siemens in Nashik (Nasik) eine Fabrik für modernste elektronische Komponenten, die sich über ein Grundstück von mehr als 140.000 Quadratmetern erstreckt. Nashik befindet sich um die 170 Kilometer von Bombay im nordwestlichen Teil des Bundesstaates Maharashtra, und die dort errichtete Siemens-Fabrik wächst stetig. Heute sind hier über 300 Mitarbeiter beschäftigt, und die Fertigung von Produkten hat sich vervielfältigt: Durch die Fertigung von Erzeugnissen für die Signaltechnik sowie von maßgeschneiderten technischen Schränken für Automatisierungssysteme und Frequenzumrichter stellen die Siemens Nashik Works  heute eine der wichtigsten Produktionsstätten Indiens dar.  

 Highlights von Siemens India im neuen Jahrtausend 

Carolina Maddè