Das Siemens- Luftschiff hebt ab

Siemens steigt in eine neue Technologie ein

Biesdorf, Januar 1911: Zum ersten Mal in der Geschichte hebt ein von Siemens konstruiertes Luftschiff ab. Siemens und Luftschiffe? Bis in die 1920er-Jahre ist Siemens auch jenseits der Elektrotechnik aktiv. Zum Produktportfolio zählen beispielsweise Automobile, Flugzeugmotoren und Flugzeuge. Aber selbst für Siemens-Verhältnisse untypisch sind der Bau und die Erprobung von Luftschiffen in den Jahren 1907 bis 1912. Speziell für diesen Zweck errichten die Siemens-Schuckertwerke in Biesdorf bei Berlin eine Luftschiffhalle mit einem besonderen Clou.      

Werner von Siemens kauft ein Rittergut

Dass die Wahl überhaupt auf den Standort Biesdorf fällt, hängt damit zusammen, dass Werner von Siemens 1887 für 1,2 Millionen Mark das Rittergut und Schloss Biesdorf erwirbt. Das im Osten Berlins gelegene Areal umfasst 600 Hektar. Da das als gemeinsame Altersresidenz vorgesehene Anwesen seiner Frau nicht zusagt, überschreibt es Werner von Siemens 1889 seinem zweitältesten Sohn Wilhelm. Zwei Jahrzehnte später macht dieser Teile des Ritterguts zu einem internationalen Luftschifffahrtzentrum.

Ein Luftschiff braucht eine Halle

Luftschiffe spielen zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesichts der rasanten Entwicklung der Luftfahrt eine wichtige Rolle. Zahlreiche Erfinder und Konstrukteure, unter ihnen Ferdinand Graf von Zeppelin, unternehmen in jenen Jahren erfolgreiche Flugversuche mit Luftschiffen. Angeregt durch diese Fortschritte und die Aussicht auf lukrative Aufträge entschließt sich Wilhelm von Siemens 1907, in die Entwicklung der Motorluftschifffahrt, so die zeitgenössische Bezeichnung, einzusteigen.

Für die Unterbringung eines „Erprobungsluftschiffs“ benötigen die Siemens-Ingenieure eine große Halle, die mit Zustimmung Wilhelm von Siemens’ auf dessen Biesdorfer Gut errichtet wird. Karl Janisch, leitender Architekt bei Siemens, zeichnet für die im Juli 1907 aufgenommenen Planungen verantwortlich. Gebaut wird die Luftschiffhalle von der heute noch bestehenden Firma Steffens & Nölle AG in Tempelhof, die einige Jahre später auch den Berliner Funkturm errichtet.

Eine technische Meisterleistung

Die 1909 fertiggestellte Halle ist mit 136 Metern Länge, 25 Metern Höhe und 30 Metern Breite ein gigantisches Bauwerk. Außerdem lässt sie sich drehen. Damit ermöglicht sie es, Luftschiffe im Windschatten ein- und auszufahren. Das Einfahren von Luftschiffen in die hierfür vorgesehenen Hallen führt oft zu Unfällen: An den großen, meist unbeweglichen Einfahrtsöffnungen können starke Querwinde entstehen, die beim Manövrieren der Luftschiffe für Mensch und Material erhebliche Risiken mit sich bringen. Diese Gefahr ist nun gebannt.

Die Biesdorfer Halle verfügt über viele Glasflächen, das Dach besteht aus Holz und Pappe. Dennoch wiegt die Leichtbaukonstruktion 1.200 Tonnen. Das Hauptgewicht trägt ein zentral montierter Betondrehzapfen mit acht Metern Durchmesser. 24 Laufwagen, verteilt auf einen äußeren und einen inneren kleineren Drehkranz, führen die etwa zwei Meter über dem Boden rotierende Halle. Der Antrieb erfolgt durch jeweils zwei Benzin- und Elektromotoren. Eine Drehung der kompletten Halle dauert eine Stunde.

Die erste Fahrt des Siemens-Schuckert-Luftschiffs

Im Januar 1911 hebt das Siemens-Luftschiff zu seiner ersten Erprobungsfahrt ab. Seit mehreren Jahren arbeitet ein Team von Ingenieuren und Technikern auf diesen Zeitpunkt hin. Da die Technik sogenannter starrer Luftschiffe bereits weit fortgeschritten ist, verfolgen die Siemens-Entwickler ab 1908 mit der Arbeit an einem „prallen“ Luftschiff ein alternatives Konstruktionsprinzip. Indem das starre Gerüst wegfällt, wird das Luftschiff bei vergrößertem Gasvolumen und trotz erhöhter Zuladung deutlich leichter. Die Besatzung besteht in der Regel aus elf Mann, die zunächst kürzere Flüge in die nähere Umgebung von Biesdorf unternehmen, überwiegend zur Überprüfung und Erprobung von an Bord befindlichen Aggregaten und Flugsystemen. Bei einer Gesamtleistung von 500 PS erreicht das Luftschiff eine Geschwindigkeit von 72 Stundenkilometern.

Die letzte Fahrt des Luftschiffs

Bei den Fahrten über Berlin sind häufig auch Nicht-Siemensianer mit an Bord. So nutzen beispielsweise häufiger Vertreter des preußischen Generalstabs die Chance, an Demonstrationsfahrten teilzunehmen, schließlich sind Luftschiffe hauptsächlich für die militärische Nutzung gedacht. Prominentester Gast ist sicherlich Graf von Zeppelin selbst, der es sich nicht nehmen lässt, die Tauglichkeit eines Konkurrenzluftschiffs persönlich mitzuerleben. Auch Firmenchef Wilhelm von Siemens nimmt an einer der Fahrten teil, die zuweilen mehrere Stunden andauern.

Die letzte Fahrt des Siemens-Luftschiffs findet am 12. Mai 1912 statt. Zu diesem Zeitpunkt weiß jedoch niemand, dass es sich um die letzte Fahrt handelt. Bei der Rückkehr in die Biesdorfer Halle gibt es ein technisches Problem mit dem Fangseil, und die Landung misslingt. Das Luftschiff gerät in die Baumkronen eines benachbarten Waldstücks und wird beschädigt. Erst nach einer aufwendigen Reparatur vor Ort kehrt es sicher in die Halle zurück.

Das Ende der Siemens-Schuckert-Luftschifffahrt

Zwischen 1911 und 1912 absolviert das Siemens-Luftschiff insgesamt 73 Versuchsfahrten. Obwohl diese weitgehend erfolgreich verlaufen, stellt man das Erprobungsprogramm nach der Havarie vom Mai 1912 ein. Grund hierfür ist nicht der kleine Unfall, sondern die Erkenntnis, dass der pralle Konstruktionstyp dem starren der Zeppeline unterlegen ist und trotz der Leistungsfähigkeit des Prototypen nicht zur Serienreife gebracht werden könne. Das Militär vertraut auf die Konkurrenz, sodass das Siemens-Luftschiff Anfang 1914, nachdem es ab 1912 außer Dienst gestellt und sich gasentleert in der Halle befindet, abgewrackt wird.

Angesichts dieser Entwicklung verzichtet Wilhelm von Siemens darauf, sich in der zivilen Luftschifffahrt zu engagieren. Die eigens errichte Halle bleibt zwar noch einige Jahre bestehen und dient während des Ersten Weltkriegs als militärische Ausbildungsstätte, wird jedoch im Zuge des Versailler Friedensvertrags 1920 schließlich demontiert.

 

 

Ewald Blocher

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