Aus Konkurrenten werden Partner

Die Entstehung der Siemens-Reiniger-Werke

1932 steht die Medizintechnik des Siemens-Konzerns mit dem Rücken zur Wand. Jährlich größer werdende Verluste nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 setzen den Verantwortlichen immer mehr zu und zwingen zum Handeln. Am Ende mit Erfolg: Die aus der Not geborenen Siemens-Reiniger-Werke sind bereits 1939 auf vielen Gebieten Weltmarktführer. 

Vom Aschenputtel zum Branchenschwergewicht – das Geschäft mit Medizintechnik wächst

Im Vergleich zu den beiden Stammgesellschaften Siemens & Halske AG und Siemens-Schuckertwerke AG steht das Medizingeschäft von Siemens traditionell immer ein wenig abseits. Zwar experimentiert bereits Werner von Siemens auf den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten – 1878 erfindet er mit dem „Phonophor“ einen Telefonhörer für Schwerhörige –, doch neben Großprojekten wie der Verlegung des ersten direkten Transatlantikkabels oder dem Bau von Kraftwerken führt die Medizintechnik eher ein Schattendasein.

 

Betrachtet man aber das Geschäft mit der Gesundheit für sich genommen, so zeigen sich auch hier die Siemens-Stärken. Bereits kurz nach Entdeckung der Röntgenstrahlen 1896 bringt der Konzern eigene Röntgenröhren auf den Markt und entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem Schwergewicht der Branche. Vor diesem Hintergrund sieht sich die Unternehmensleitung 1925 in der Situation, die Notlage eines der größten Wettbewerber, der Reiniger, Gebbert & Schall AG (RGS), zu nutzen und diese Firma zu erwerben. Übernahme und Integration verlaufen erfolgreich: Innerhalb kurzer Zeit wird eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft gegründet, und man legt erste Produktionen wie die der Röntgenröhren im thüringischen Rudolstadt zusammen. Als Konsequenz kann die Medizintechniksparte Jahr für Jahr steigende Gewinne vermelden.

 

 

Das ändert sich schlagartig mit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Im Zuge des rasanten wirtschaftlichen Niedergangs brechen die Steuereinnahmen des Staates ein, der mit seinen Ausgaben zur Gesundheitsvorsorge einer der Hauptkunden der Medizintechnik ist. Dies hat immer größere Verluste zur Folge, wie der Geschäftsbericht des Sommers 1932 deutlich zum Ausdruck bringt: 

Die verminderte Kaufkraft unserer privaten Abnehmer und die Kürzung der Ausgaben für medizinische Zwecke bei den Krankenhäusern, kommunalen und staatlichen Behörden im In- und Auslande führten zu einem Rückgang unseres Bestellungseingangs und Umsatzes.

Der Chef der gemeinsamen Vertriebsgesellschaft Dr. Theodor Sehmer denkt bereits 1930 laut über eine Fusion der einzelnen Teilgesellschaften nach, 1932 werden dazu konkrete Maßnahmen beschlossen: zum einen die Verlagerung und damit Zusammenführung der kompletten medizintechnischen Fabrikation von Berlin-Siemensstadt nach Erlangen und zum anderen die engere Zusammenfassung der Organisation.

 

Die endgültige Entscheidung trifft mit Carl Friedrich von Siemens die oberste Konzernspitze: „Die Betriebe müssen durch Konzentration und organisatorische Vereinfachungen […] sich so einrichten, dass sie bei 50–60% des Höchstumsatzes wieder eine angemessene Verzinsung des Kapitals ergeben. […] Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Zusammenfassung der Verantwortung für die Leitung des Gesamt-Unternehmens in einem Vorstand gegenüber dem bisherigen […] Zustand, der darunter litt, dass die Verantwortung zwischen einer Vertriebsgesellschaft und 3 Werken aufgeteilt war.“

 

Damit sind die Würfel gefallen, die erforderlichen Maßnahmen und Vorarbeiten werden getroffen; bereits Ende 1932 bringen die verantwortlichen Gremien die Fusion auf den Weg.

Fusion beendet Zersplitterung – vereint durch die Weltwirtschaftskrise

Ein neuer Name für die Gesellschaft ist schnell gefunden. Bereits im Juli schreibt der damalige technische Vorstand von RGS Max Anderlohr: „Bisher ist über den künftigen Namen der vereinigten Med-Gesellschaften zwar noch nichts Endgültiges vereinbart worden […], ich glaube aber, dass Herr Dr. von Buol [der damalige Vorstandschef von S&H] mit dem Namen Siemens-Reiniger-Werke (SRW), der bei den Erörterungen der letzten Zeit wiederholt Verwendung fand, einverstanden sein wird. Sowohl Herr Dr. Sehmer als ich selbst schlagen diesen Firmen-Namen vor.“

Die abschließende und entscheidende außerordentliche Hauptversammlung von RGS findet am 19. Dezember 1932 statt. Die Anteilseigner genehmigen die Beschlüsse, die Vermögenswerte der einzelnen Teilgesellschaften auf die RGS zu übertragen und diese in SRW umzunennen. Nach dem Jahreswechsel wird die neue Bezeichnung den Behörden angezeigt und am 25. Januar 1933 in das Handelsregister eingetragen. Bereits einen Tag später, ab acht Uhr morgens, müssen „alle ausgehenden Schriftstücke, die noch den Namen RGS tragen, mit dem neuen Firmenstempel versehen werden“. Die Siemens-Reiniger-Werke AG nimmt offiziell die Arbeit auf.

 

Dr. Florian Kiuntke

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Florian Kiuntke, Mit Röntgen auf Kurs – Das Röntgenwerk der Siemens AG in Rudolfstadt 1919–1939