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125 Jahre Siemens in der Schweiz

1894 richtet die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ (S&H) in der Schweiz ein kleines Baubüro ein, um die Arbeiten am Flusskraftwerk Wynau im Kanton Bern koordinieren und beaufsichtigen zu können. 125 Jahre nach der Etablierung der ersten „Geschäftsstelle“ von Siemens in der Schweiz hat das Unternehmen in der Eidgenossenschaft rund 5.700 Mitarbeiter an mehr als 20 Standorten. Es gehört damit zu den größten und wichtigsten Arbeitgebern des Landes. 

Langsam, aber erfolgreich – Siemens-Erzeugnisse erobern die Schweiz

Die Geschichte von Siemens in der Schweiz beginnt wie die Geschichte von Siemens in Deutschland – mit dem Zeigertelegrafen.

1864 bestellt die Schweizer Armee bei Siemens & Halske einige Exemplare dieser technischen Innovation, ein Jahr später kommen sie erfolgreich zum Einsatz.

Bis das nächste Erzeugnis Made by Siemens & Halske in der Schweiz eingeführt wird, vergehen jedoch mehr als zehn Jahre. 

 

Auch die Schweizerische Telegraphendirektion bestellt im November 1877 bei Siemens & Halske Telefone. Die Lieferung erfolgt prompt, so dass bereits im Dezember 1877 auf den Telegrafenlinien zwischen Bern und Thun sowie zwischen Thun und Interlaken die ersten Telefongespräche geführt werden können.

Für den 15 Kilometer langen Gotthardtunnel, der 1882 in Betrieb genommen wird, liefert Siemens & Halske die Signaltechnik. Die insgesamt 150 Signalglocken sind das erste Bahnsicherungssystem, das in der Schweiz zum Einsatz kommt. 

… Der Telefonschwindel ist jetzt in Deutschland in voller Blüte, und ich kann sagen, ich werde die Geister, die wir berufen haben, nicht mehr los! Heute sind ca. 100 Briefe, welche Lieferung von Telephonen verlangen, eingegangen, und so geht es täglich …
Werner von Siemens an seinen Bruder Wilhelm (William) in London am 19. November 1877

Vor Ort aktiv seit 125 Jahren – Siemens in der Schweiz

Zwischen November 1894 und Januar 1896 errichtet Siemens & Halske in Wynau an der Aare im Kanton Bern das erste Flusskraftwerk der Schweiz. Die zu Projektbeginn erfolgte Einrichtung eines Baubüros für die Siemensingenieure vor Ort markiert den Beginn von Siemens in der Schweiz. Bis zur Eröffnung der ersten Niederlassung von Siemens in der Schweiz vergehen jedoch noch ein paar Jahre.

 

1903 fusionieren die Starkstromabteilung von Siemens & Halske und die in Nürnberg ansässige Elektrizitäts-Gesellschaft vormals Schuckert & Co. (EAG) zur Siemens-Schuckertwerke GmbH (SSW). Im Zuge dessen wird das seit 15. Oktober 1900 in Zürich bestehende Technische Büro der EAG umbenannt in Siemens-Schuckertwerke GmbH, Zweigbüro Zürich. 1909 wird dem Zweigbüro ein Technisches Büro für Schwachstromanlagen angegliedert. Weitere Büros entstehen ab 1913 in Lausanne und ab 1920 in Bern.

 

Der nächste Schritt der Institutionalisierung von Siemens in der Schweiz erfolgt am 25. Juli 1921 mit der Gründung der Siemens AG in Zürich. 

Die Generalversammlung erklärt […] die ‚Siemens‘ A.-G. in Zürich den gesetzlichen Vorschriften conform für gegründet und ermächtigt den Verwaltungsrat, die Gesellschaft in’s Handeslregister des Kantons Zürich eintragen zu lassen […]
Notarielles Protokoll über die constituierende Generalversammlung der „Siemens“ A.-G in Zürich, 25. Juli 1921 

Anfang 1922 wird das Unternehmen in Siemens Elektrizitätserzeugnisse AG (SEAG) umbenannt, gleichzeitig werden die bestehenden Technischen Büros in diese Gesellschaft integriert. Im selben Jahr erwirbt Siemens & Halske die in Albisrieden ansässige Protos Telephonwerke AG einschließlich der Belegschaft von 60 Mitarbeitern und verfügt damit über den ersten Fertigungsstandort in der Schweiz. 1924 werden die Protos Telephonwerke AG in Telephonwerke Albisrieden AG umbenannt, ab 1935 trägt sie in Folge der Eingmeindung von Albisrieden in die Stadt Zürich die Bezeichnung Albiswerk Zürich AG. Die Zahl der Mitarbeiter ist inzwischen auf 1.500 gestiegen.  

 

Ab 1969 firmiert die SEAG – einerseits Vertriebsorganisation für das gesamte technische Angebot des Hauses Siemens, andererseits Vertretung der Albiswerk Zürich AG – unter der Bezeichnung Siemens AG Zürich. Zwei Jahre später schließen sich die Siemens AG Zürich und die Albiswerk Zürich AG zur Siemens-Albis AG mit Sitz in Albisrieden zusammen. Die letzte Namensänderung wird am 1. Januar 1996 vollzogen: Aus der Siemens-Albis AG wird die Siemens Schweiz AG.

 

Heute hat Siemens in der Schweiz 5.740 Beschäftigte und knapp 300 Auszubildende an insgesamt 23 Standorten in der Deutschschweiz, der Romandie und im Tessin. Die mit Abstand größten Standorte sind Zürich, hier befindet sich die Regionalgesellschaft Siemens Schweiz, und Zug – Hauptsitz der operativen Geschäftseinheit Smart Infrastructure am Siemens Campus, der 2018 nach zweijähriger Bauzeit eröffnet wird. Er ist das weltweit erste Siemens-Projekt, das auf der Grundlage von Building Information Modeling (BIM) realisiert wird.  

Faszinierende und bahnbrechende technische Innovationen – eine Auswahl

Erzeugnisse und Projekte von Siemens für die Schweiz und von Siemens in der Schweiz stehen – damals wie heute – häufig für Meilensteine der Technikgeschichte. Die Liste der Landes-, Europa- und Weltpremieren auf diesem Gebiet ist deutlich umfangreicher als die hier präsentierte Auswahl.

Kommunikationstechnik 

 

1912 realisiert das in Zürich beheimatete Technische Büro für Schwachstromanlagen für die Basler Lebensversicherung die erste vollautomatische Haustelefonanlage der Schweiz. Zwei Jahre später sorgt Siemens im Auftrag der Schweizer Bundesbahn (SBB) für die Automatisierung des Diensttelefonverkehrs am Zürcher Hauptbahnhof sowie an umliegenden Bahnhöfen.

 

1920 verlegt Siemens unter der Federführung des Technischen Büros Lausanne ein 60 Kilometer langes Pupin-Kabel zwischen dem Telefonzentrum Lausanne und dem Genfer Hauptsitz des neu gegründeten Völkerbundes. Bei diesem Kabel, das die Sprachqualität verbessert und die Übertragungskapazität erhöht, handelt es sich um das erste unterirdisch verlegte Fernkabel der Schweiz. 

Energieerzeugung und -verteilung

Zwischen 1951 und 1954 wird im Kanton Basel-Landschaft das Niederdruck-Laufkraftwerk Birsfelden gebaut.

 

Die SSW liefern zwei Generatoren der Superlative, die jeweils 390 Tonnen wiegen. 250 Tonnen des Gesamtgewichts entfallen auf den Läufer, der einen Durchmesser von 11 Metern hat – ein gewaltiger Koloss, der nicht im Stück, sondern nur in Einzelteilen transportiert werden kann. Die Leistung jedes Generators beträgt 28,6 Megavoltampere.

 

In der Siemens Druckschrift „Generatoren für die Wasserkraftanlage Birsfeld“ von 1956 wird die Funktionsweise des Kraftwerks so beschrieben: „Durch das Kraftwerk wird der Rhein kurz oberhalb Basel um 4,6 bis 9,45 m aufgestaut […] Die für den Gesamtausbau des Kraftwerks zugrunde gelegte Abflußmenge beträgt etwa 1200 m³/s, die durchschnittliche Jahresenergieerzeugung etwa 440 Millionen kWh.“

 

1997 beginnt die Siemens Schweiz AG als Generalunternehmer schlüsselfertige Starkstromanlagen zu errichten. Erster Kunde sind die Stadtwerke St. Gallen, die für ein neues Unterwerk zwei Transformatoren geliefert bekommen. Drei Jahre später nimmt Siemens in Genf weltweit die erste unterirdische gasisolierte Hochspannungsleitung in Betrieb. 

 

Verkehrstechnik

Das Engagement von Siemens & Halske in der Schweiz bezieht sich seit den 1880er-Jahren auch auf städtische Verkehrsinfrastrukturprojekte. Für die erste elektrische Straßenbahn der Schweiz, deren regulärer Betrieb auf der Teilstrecke Vevey-Montreux-Chillon im Juni 1888 aufgenommen wird, liefert das Unternehmen die Fahrleitung. 

 

Im ausgehenden 19. Jahrhundert fertigt Siemens & Halske mehrere Motorwagen für die elektrische Straßenbahn in Basel. Während Basel diesem Verkehrsmittel bis in die Gegenwart treu geblieben ist, wird es in Luzern Anfang der 1960er-Jahre abgeschafft und durch Trolleybusse ersetzt.

 

Die ersten Trolleybusse mit Siemens-Motor fahren ab 1965 durch die Stadt. Im Laufe der Zeit sind mehr als 70 Trolleybusse mit Siemens-Antrieb im Einsatz. Zu den Großprojekten der jüngsten Vergangenheit gehört beispielsweise die Lieferung von 60 Doppelstock-Triebzügen (Dosto) für die S-Bahn Zürich zwischen Dezember 2005 und Juli 2009.  

Medizintechnik

1973 schreibt Siemens in der Schweiz auf dem Gebiet der Medizintechnik Geschichte: Im Hôpital Cantonal Lausanne kommt erstmals in Europa die Röntgeneinrichtung Cardoskop zum Einsatz. Die Innovation besteht darin, dass das Aufnahmesystem frei um das Herz des Patienten rotieren kann.  

 

Mitte der 1980er-Jahre installiert Siemens im Biozentrum Basel und im Institut Brunnhof in Bern die ersten Magnetresonanztomographen. 2005 wird das Spital Pourtalés in Neuchâtel nach jahrelangem Umbau wiedereröffnet.

 

Siemens ist nicht nur Lieferant modernster Medizintechnik, sondern auch für die Gebäudeautomatisierung und -sicherheit zuständig. 

 

Verkehrs- und Sicherheitstechnik 

In der jüngsten Vergangenheit ist es erneut der Gotthardtunnel, der für Schlagzeilen sorgt: Anfang Juni 2016 – und damit 134 Jahre nach der Inbetriebnahme des alten Tunnels – passiert der erste Zug den neuen, 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel.

 

Heute sind es täglich rund 170 Züge, die den längsten Bahntunnel der Welt mit einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern durchqueren. Dank Siemens geht es sicher durch die Alpen, denn das Unternehmen hat die Bahnleittechnik und das Brandschutzsystem geliefert.

 

 

 

 

 

Dr. Claudia Salchow

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