Siemens und der VDE

125 Jahre gemeinsame Geschichte

Am 22. Januar 1893 wird in Berlin der heutige Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. (VDE) gegründet. Seitdem entwickelt sich der Verein zur wichtigsten Interessenvertretung der Elektrotechnik in Deutschland und zu einem der größten Verbände Europas. Im November 2018 feiert der VDE sein 125. Jubiläum. Grund genug zu fragen, welchen Anteil Siemens an der Gründung des Verbands hat und was das Unternehmen heute noch mit dem VDE verbindet.

Die Anfänge: Siemens und die Vorläufer des VDE

Die Elektrotechnik erlebt im 19. Jahrhundert einen turbulenten Aufschwung. Um die Interessen der Branche auf nationaler Ebene in einer schlagkräftigen Organisation zu bündeln, schlägt Werner von Siemens 1879 vor, einen eigenen Verband ins Leben zu rufen. 

Neben der Telegrafie […] sehen wir überall ein ernsthaftes Streben, der Elektrizität einen wichtigen Platz in den alten Industriezweigen zu erobern […]. Allen diesen Bestrebungen fehlt bisher ein ordnender, berichtigender, belehrender Mittelpunkt.
Werner von Siemens an Heinrich von Stephan, 5. Februar 1879

Gemeinsam mit dem Reichspostdirektor Heinrich von Stephan und 34 weiteren Angehörigen unterschiedlicher Berufsgruppen gründet er am 20. Dezember 1879 den Elektrotechnischen Verein zu Berlin (ETV). Dem Ziel, die Interessen der gesamten Elektroindustrie zu fördern, wird der ETV jedoch nicht gerecht, da die nachrichtentechnischen Berliner Betriebe rund um Siemens & Halske dominieren und parallel eine Reihe von unkoordinierten Verbänden und Vereinen auf regionaler Ebene gegründet werden, die untereinander konkurrieren. 

Erster elektrotechnischer Zertifizierungsstandard – die Gründung des VDE in Berlin

Angesichts dieses Wildwuchses wird ein neuer Versuch unternommen, einen Branchenverband auf nationaler Ebene zu schaffen. Auf Initiative von Arthur Wilke, ehemaliger Siemens-Ingenieur und Verfechter der Energietechnik, und dem Elektrotechnikprofessor Adolf Slaby wird am 22. Januar 1893 der Verband der Elektrotechniker Deutschlands mit Sitz in Berlin gegründet. Zum Vorstand gehören auch der AEG-Direktor Emil Rathenau und Wilhelm von Siemens, der zweitälteste Sohn von Werner von Siemens. Damit repräsentiert die Führungsspitze des VDE sowohl die Interessen der Wissenschaft als auch die der Industrie.

 

Ein Jahr später wird der Name in „Verband Deutscher Elektrotechniker“ (V.D.E.) geändert und die Elektrotechnische Zeitschrift zum Publikationsorgan des Verbands bestimmt. Man beginnt, Standards, Sicherheitsvorschriften und Normen für die Branche zu erarbeiten. 1895 erscheint mit der VDE 0100 die erste VDE-Vorschrift zur sicheren Erstellung elektrotechnischer Anlagen. Rund zehn Jahre später veröffentlicht der Verband erstmals „Normalien, Vorschriften und Leitsätze“ für die Branche. 

 

1920 wird eine VDE-Prüfstelle für elektrotechnische Produkte eingerichtet – und das VDE-Zeichen als offizieller Zertifizierungsstandard eingetragen und geschützt. Hauptaufgaben des elektrotechnischen Dachverbands sind damit Normierung, Ausbildungswesen, Produktprüfung und wissenschaftlicher Dialog.

Internationale Anerkennung – der VDE etabliert sich

Mitglieder des VDE sind sowohl Einrichtungen wie der ETV Berlin und Unternehmen wie die AEG und Siemens als auch Privatpersonen wie der Siemens-Ingenieur und spätere Vorstand Emil Budde. Der Physiker, der 1899 die Gründung eines sogenannten Normalienbüros bei Siemens fördert und damit die internen Standardisierungsbemühungen wesentlich vorantreibt, übernimmt 1904 und 1910 jeweils für zwei Jahre den Vorsitz des VDE. Ab 1911 leitet er, wiederum für zwei Jahre, die International Electrotechnical Commission (I.E.C), die allgemeine Rahmenvereinbarungen – zum Beispiel für Spannungen, Frequenzen und Schaltzeichen – festlegt und sich damit als internationales Normungsgremium auf dem Gebiet der Elektrotechnik etabliert, das sie bis heute ist.

Rasch wird der Verband größer: Bereits zwei Jahre nach seiner Gründung hat der VDE über 1.500 Mitglieder. 1923 wird zum ersten Mal die 10.000er-Schwelle überschritten, und Ende 1942 sind mehr als 20.000 Mitglieder in 43 lokalen VDE-Bezirksverbänden organisiert. Die Verbandsarbeit ist vielschichtig: Die Bezirksverbände dienen als Treffpunkte für Vorträge und den technisch-wissenschaftlichen Austausch, die jährliche Mitgliederversammlung entscheidet über die Annahme der von Fachleuten aus Wirtschaft, Handwerk, Behörden und Wissenschaft in Ausschüssen erarbeiteten VDE-Bestimmungen. Deren Ziel sind die Verhinderung von Schäden und der störungsfreie Betrieb von elektrischen Anlagen, indem beispielsweise Sicherheitsregeln zur Vermeidung von Bränden oder Lebensdauer- und Wartungsintervalle auf dem jeweils aktuellen Stand der Technik festgelegt werden.

Neuanfang nach Kriegsende – Kooperation mit dem Deutschen Institut für Normung (DIN)

Die Wirren des Zweiten Weltkriegs und die Folgen der deutschen Teilung machen auch vor dem VDE nicht halt. Eine Neugründung ist erforderlich. Diese erfolgt am 23. März 1950. Wenige Wochen später hält der Verband seine erste Jahreshauptversammlung in Köln ab. Die mehrtägigen Veranstaltungen dienen künftig nicht nur der Wahrnehmung der vereinsrechtlichen Pflichten, sondern sind vor allem ein Forum für Elektrotechniker und Ingenieure, die sich in zahlreichen Fachgruppen im Rahmen von Vorträgen und Diskussionen wissenschaftlich austauschen. Ab 1952 arbeitet der nun in Frankfurt am Main ansässige Verein wieder mit voller Kraft in Organisationen wie der International Electrotechnical Commission mit – und er stellt sich mit Aufnahme der Unternehmen ABB (1953) und IBM (1962) internationaler auf. 

Die Normierungsarbeit wird seit 1970 von der Deutschen Elektrotechnischen Kommission (DKE) geleistet, die als gemeinschaftliches Organ zu gleichen Teilen vom VDE und vom Deutschen Institut für Normung (DIN) besetzt und dem VDE angegliedert wird. Die beiden Verbände arbeiten bereits seit den 1950er-Jahren zusammen, wobei das DIN für die auf Vereinheitlichung bezogene Normung und der VDE für den Erlass von Vorschriften für Sicherheit und Qualitätssicherung zuständig ist.

Win-win-Situation – VDE ohne Siemens nicht denkbar

Seit seiner Gründung besteht zwischen Siemens und dem VDE eine enge Verbindung: Angefangen bei Wilhelm von Siemens und Emil Budde haben leitende Siemens-Mitarbeiter immer wieder maßgeblich die Arbeit der Normungsausschüsse geprägt. Häufig wechseln sie dann auch an die Spitze des VDE. In dieser Tradition stehen beispielsweise die Siemens-Ingenieure Karl Küpfmüller, Ulrich Haier oder Dietrich Ernst, die den VDE für jeweils zwei Jahre in den 1950er-, 1970er- und 1980er-Jahren leiten. 

Zu den Zielen unserer Arbeit […] gehört die rechtzeitige Einflussnahme auf technische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen, die Mitwirkung bei der Schaffung allgemeingültiger Regelwerke, die Beseitigung oder Verhinderung von Handelshemmnissen und die Einflussnahme auf die Forschungspolitik.
Siemens-Vorstand Ulrich Haier am 23. Mai 1977 in München

Dieses Engagement verdeutlicht den hohen Stellenwert, den die technische Normungsarbeit der VDE-Gremien für Siemens hat. Die Arbeit findet vor allem in VDE-Fachgesellschaften wie der Informationstechnischen Gesellschaft (1954 als „Nachrichtentechnische Gesellschaft“ gegründet) oder der Gesellschaft für Mikroelektronik (seit 1984) statt, in denen oft gleichzeitig bis zu 40 Siemensianer in verschiedenen Ausschüssen mitwirken.

Auch in der Führungsspitze des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik, wie der VDE seit 1998 heißt, sind immer wieder hochrangige Siemens-Mitarbeiter vertreten. Seit März 2018 ist Ralf Christian, der Chief Executive Officer der Division Energy Management, Mitglied des VDE-Präsidiums.

Von der gemeinsamen, 125-jährigen Geschichte von Siemens und dem VDE profitieren bis heute beide Seiten: Das VDE-Siegel garantiert die Einhaltung von Güte-, Prüf- und Qualitätsrichtlinien und schafft damit Sicherheit für Hersteller, Verbraucher und Behörden, zum Beispiel durch verbindliche Garantieansprüche, und dem Unternehmen Siemens ermöglichen die transparenten Zertifizierungen eine wirtschaftlichere Produktion, verringerte Prüfkosten, kürzere Lieferzeiten infolge verbesserter Austauschbarkeit und damit entscheidende Wettbewerbsvorteile – insgesamt also eine klassische Win-win-Situation.

 

 

Sebastian Stahn