Von Anfang an dabei

Siemens und die deutsche Wiedervereinigung

Fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Siemens in 14 ostdeutschen Städten präsent: Rund 5.600 Beschäftigte arbeiten in sieben Niederlassungen sowie an 13 Fertigungs- und Entwicklungsstandorten. Doch Siemens ist nicht nur mit der Entwicklung und Fertigung, dem Vertrieb und Service sowie der Ausbildung ein wichtiger Motor der Wirtschaft im Osten Deutschlands. Gemeinsam mit Forschungspartnern vor Ort treibt das Unternehmen wesentliche Innovationen voran. 

 

Dass die Entwicklung tradierter ostdeutscher Standorte vor dem Hintergrund der strategischen Neuausrichtung des Unternehmens einerseits für Konflikte sorgt und andererseits neue Perspektiven eröffnet, lässt sich exemplarisch anhand des Turbinenwerks Görlitz demonstrieren, dessen Wurzeln bis in das Gründungsjahr der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ zurückreichen.

1989/90 – Jahre tiefgreifender Veränderungen

Die Jahre 1989/90 sind eine Zeit tiefgreifender Veränderungen: Erstmals nach Gründung der Siemens AG im Jahr 1966 führt das Unternehmen eine umfassende Organisationsreform durch. Darüber hinaus übernimmt der Konzern das britische Elektronikunternehmen The Plessey Company sowie die Aktienmehrheit der Nixdorf Computer AG und führt diese mit dem Bereich Daten- und Informationstechnik zur Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) zusammen.

Zeitgleich zu diesen Entwicklungen bricht die DDR politisch zusammen, und die deutsche-deutsche Grenze wird geöffnet. Es folgen die Währungsunion, der Einigungsvertrag und schließlich der Beitritt der DDR zum Gebiet der Bundesrepublik am 3. Oktober 1990.

Das Unternehmen engagiert sich mit großem Einsatz in den neuen Bundesländern. Wir wollen dort eine ähnlich gute Marktposition erreichen wie in den westlichen Bundesländern.
Karlheinz Kaske, 1990

Tradition im Osten Deutschlands – 1889 erstes Technisches Büro in Chemnitz

Das Gebiet der neuen Bundesländer gehört traditionell zum Markt der 1847 in Berlin gegründeten „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“: Bereits 1889 hat Siemens in Chemnitz ein eigenes Vertriebsbüro eröffnet. Weitere „Technische Büros“ in Dresden (1892), Leipzig (1897), Erfurt (1897), Magdeburg (1901), Rostock (1910) und Cottbus (1929) folgen. Zusätzlich unterhält das Elektrounternehmen mehrere Produktionsstandorte – unter ihnen das noch heute bestehende, zu Siemens Healthineers gehörende Werk für Röntgenröhren im thüringischen Rudolstadt. 1939 beschäftigt das Haus Siemens auf dem Gebiet der späteren Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) beziehungsweise der DDR rund 30.000 Mitarbeiter.

Situation nach 1945 – „Siemens“ in der DDR offiziell verschwunden

Infolge des Zweiten Weltkriegs ist der Name „Siemens“ auf dem Gebiet der SBZ/DDR 1949 offiziell verschwunden. Wichtige Produktionsstätten sind enteignet und die Technischen Büros zwangsweise aus dem Unternehmen herausgelöst worden, das Vertriebssystem in der SBZ ist damit zerstört. Die ehemaligen Siemens-Werke und -Niederlassungen sind nun Volkseigene Betriebe (VEB), die man in das System der sozialistischen Planwirtschaft integriert. Das Geschäft mit der DDR-Zentralverwaltungswirtschaft wird fortan von der Westberliner Zweigniederlassung (ZN Berlin) organisiert. Über Jahrzehnte pflegen und entwickeln deren Mitarbeiter das innerdeutsche Siemens-Geschäft weiter, beeinflusst von den politischen Beziehungen beider deutscher Teilstaaten. Vor allem von den Leipziger Frühjahrs- und Herbstmessen sowie von der Hannover Messe gehen wichtige Impulse aus.

1984 schließt Siemens mit einem Konsortium von Außenhandels­betrieben und Kombinaten der DDR ein Abkommen mit dem Ziel, die Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet langfristig zu fördern. Mit Erfolg: Innerhalb weniger Jahre steigt der Umsatz im „Ostgeschäft“ von 46,5 Millionen (1983/84) auf 150 Millionen D-Mark (1988/89) sprunghaft an. Vor allem Produkte und Lösungen aus den Gebieten Automatisierungstechnik, medizinische Technik und Datentechnik sind gefragt. 

Nach der Wende – Euphorie und Unsicherheit

Dank der systematischen Intensivierung der Geschäftsbeziehungen kann Siemens auf eine Vielzahl von Kontakten zurückgreifen, als im Frühjahr 1990 die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, Gemeinschaftsunternehmen mit DDR-Partnern einzugehen oder in anderer Form zusammenzuarbeiten. Innerhalb weniger Monate werden mehr als 20 Absichtserklärungen und Kooperationsabkommen unterzeichnet, die die Grundlage für spätere Käufe und Übernahmen ehemals Volkseigener Betriebe (VEB) und Kombinate schaffen. Parallel entsteht eine Vertriebs- und Serviceorganisation nach westdeutschem Vorbild. „Wir kamen mit fliegenden Fahnen und hohen Erwartungen“, erinnert sich ein Verantwortlicher, der die Jahre 1990 bis 1992 bei Siemens in Leipzig miterlebt. Er fügt hinzu:

Die Euphorie war genauso allgegenwärtig wie die Unsicherheit. Doch getragen wurden wir alle – die Mitarbeiter aus dem Osten und dem Westen – von einem gemeinsamen Willen zum Neuanfang.

Hoffnungen und Erwartungen – Enormer Nachholbedarf in den neuen Bundesländern

Siemens hat große Ziele: Das Unternehmen will in den neuen Bundesländern rasch zum führenden Anbieter von Elektronik und Elektrotechnik werden und eine ähnlich gute Marktposition erreichen wie im bisherigen Bundesgebiet. Der damalige Vorstandsvorsitzende Karlheinz Kaske bringt es auf den Punkt: Er will vor Ort fünf Milliarden D-Mark Umsatz erwirtschaften, rund eine Milliarde D-Mark investieren und mehrere Tausend Mitarbeiter einstellen.

 

Sämtliche Aktivitäten werden von einem kleinen Team mit Sitz in Westberlin koordiniert. Mit dem Engagement in den neuen Bundesländern verbunden ist die Erwartung, von den umfangreichen Vorhaben zu Ausbau und Modernisierung der ostdeutschen Infrastruktur zu profitieren. Schließlich besteht in der Kommunikations- und Datentechnik, der Energieversorgung, Fabrikautomatisierung sowie der Medizin- und Umweltschutztechnik ein enormer Nachholbedarf. 

 

Darüber hinaus hofft man, die gewachsenen Beziehungen der ehemaligen DDR-Gesellschaften für die Erschließung der mittel- und osteuropäischen Elektromärkte nutzen zu können. Eine Hoffnung, die sich infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion nur sehr eingeschränkt erfüllen sollte. 

Erfolgsfaktor Mitarbeiter – Investition in Aus- und Weiterbildung

Besonderen Wert legt Siemens auf die Aus- und Weiterbildung der neuen Mitarbeiter. Entsprechend werden alle in den übernommenen DDR-Betrieben bestehenden Ausbildungsverträge fortgeführt; Anfang der 1990er-Jahre absolvieren knapp 1.600 junge Menschen eine zumeist gewerbliche Ausbildung. Außerdem investiert das Unternehmen mehr als 30 Millionen D-Mark in die Renovierung und zeitgemäße Ausstattung der zwölf firmeneigenen Ausbildungs­stätten.

 

Im Interesse eines umfangreichen Wissenstransfers besuchen rund 500 Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern westdeutsche Patenbetriebe mit dem Ziel, sich durch Learning by Doing auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten. Mehrere Tausend Fach- und Führungskräfte werden im Rahmen eines umfassenden Seminarprogramms in den Themen Marketing, Betriebswirtschaft, Personalführung und Arbeitsrecht trainiert.

„Siemens wieder in ganz Deutschland tätig“ – Aufbau Ost erfolgreich abgeschlossen

 

Bis zum Frühjahr 1991 übernimmt der Elektrokonzern 15 ehemalige VEB ganz oder in Teilen von der Treuhand: die Hälfte davon Produktionsbetriebe, die übrigen Vertriebs-, Engineering- und Servicegesellschaften. Im nächsten Schritt gilt es, die anfangs in der Rechtsform einer GmbH geführten Unternehmen zum 1. Oktober 1992 in die bestehenden Strukturen der Siemens AG einzugliedern. Stolz verkündet Kaskes Nachfolger Heinrich von Pierer anlässlich eines Besuchs von Bundeskanzler Helmut Kohl im Kabelwerk Schwerin Mitte November des Jahres, dass dies gelungen sei. Siemens sei „wieder in ganz Deutschland unternehmerisch tätig“.

 

Heute blickt das Unternehmen auf eine wechselvolle und dennoch erfolgreiche Entwicklung zurück: Seit 1990 wurden rund dreieinhalb Milliarden Euro in den neuen Bundesländern investiert und hoch moderne Standorte geschaffen. Siemens ist 2018 mit rund 118.000 Mitarbeitern sowie einigen Tausend Auszubildenden einer der größten deutschen privaten Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe. Nicht alle ehrgeizigen Ziele von 1990 konnten bis heute erreicht werden – aber vieles wurde geschafft.

Ein Beispiel von insgesamt 15 – das Turbinenwerk Görlitz

Zu jenen Produktionsbetrieben, die Siemens Anfang der 1990er-Jahre übernimmt, gehört das Turbinenwerk Görlitz. Die Geschichte dieses traditionsreichen Fertigungsstandorts, in dem derzeit 830 Mitarbeiter und Auszubildende beschäftigt sind, reicht zurück in das Jahr 1847, als es in der Neißestadt zur Gründung der ersten Maschinenbauanstalt kommt, die als Keimzelle des Turbinenwerks gilt. Auf die Herstellung von Textilmaschinen folgen ab 1858 – und das für mehr als 100 Jahre – Dampfmaschinen. 1906 wird schließlich der Bau von Dampfturbinen für industrielle Anwendungen und den Einsatz in Elektrizitätszentralen aufgenommen, wobei die Auftragslage in den folgenden vier Jahrzehnten aufgrund der jeweils konkret gegebenen politischen und wirtschaftlichen Lage einerseits und der starken Konkurrenz im In- und Ausland andererseits größeren Schwankungen unterliegt.

 

Nach der Demontage des während des Zweiten Weltkriegs vor allem für die Rüstung produzierenden Werkes erhält dieses im Herbst 1946 die Lizenz zur Reparatur von Dampfturbinen und zur Herstellung von Ersatzteilen. Anfang des Jahres 1947 erfolgt die Umwandlung in den „Volkseigenen Betrieb Görlitzer Maschinenbau“ (GMB), fünf Jahre später werden die ersten Dampfturbinen ausgeliefert, die auf einem neuen Design basieren.  Zum Zeitpunkt der politischen Wende kann der Standort darauf verweisen, seit 1952 knapp 900 Dampfturbinen mit einer Gesamtleistung von 5.000 Megawatt vor allem für Kunden im In- und sozialistischen Ausland geliefert zu haben; darüber hinaus verfügt der Standort über jahrzehntelange Erfahrungen auf dem Gebiet des Dampfturbinenservice.

Im März 1990 unterzeichnen das GMB-Management und der Unternehmensbereich KWU der Siemens AG eine Absichtserklärung über die zukünftige Kooperation. Einen Monat später findet im Görlitzer Werk im Beisein von Heinrich von Pierer, dem damaligen Vorsitzenden des Bereichsvorstands Energieerzeugung (KWU), die erste Betriebsversammlung statt: 

„Ich sehe die […] Betriebsangehörigen noch vor mir: Einerseits besorgt, was wird die Zukunft bringen? Anderseits doch auch erwartungsfroh: Es kommt mit Siemens immerhin ein guter Partner. Für uns aus Erlangen war das ein bleibender Eindruck – sozusagen gelebte Wiedervereinigung.“
Heinrich von Pierer, 1990
Mit diesem Zukunftspakt lösen wir unser Versprechen ein, den Strukturwandel der Lausitz aktiv mitzugestalten.
Joe Kaeser, 2019

Sabine Dittler | Dr. Claudia Salchow

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