Hell erleuchtet 

Die gemeinsame Geschichte von Siemens und OSRAM

Auch wenn Siemens und OSRAM inzwischen getrennte Wege gehen, können die beiden Unternehmen doch auf eine knapp 100-jährige gemeinsame Geschichte zurückblicken. In deren Verlauf entwickelt sich der Lichtquellenhersteller zu den traditionsreichsten Marken weltweit und ist heute rund um den Globus der Inbegriff von Licht schlechthin. Daran ist Siemens nicht ganz unbeteiligt. 

Sinnvolle Kooperation  – Siemens, AEG und  Auergesellschaft

Einer der am schnellsten wachsenden Bereiche der Elektroindustrie vor dem Ersten Weltkrieg ist die Glühlampenherstellung. Zu dieser Entwicklung trägt die seit 1905 produzierte Wolframlampe mit einem Glühfaden aus Wolfram bei, für deren Vertrieb sich verschiedene Firmen auf den Markennamen OSRAM einigen. Das Warenzeichen soll sowohl auf das Osmiumverfahren als auch auf das Wolframmetall hinweisen und wird 1906 von dem Erfinder Carl Auer von Welsbach beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin angemeldet.

 

 

Nach dem Verlust der Auslandsmärkte infolge des Ersten Weltkriegs erscheint es den drei führenden deutschen Glühlampenherstellern AEG, Siemens & Halske und der Deutschen Gasglühlicht AG (Auer-Gesellschaft) sinnvoll, ihre Interessen zu bündeln. Ziel ist, sich gegen die ausländische Konkurrenz stärker aufzustellen und verloren gegangene Märkte zurückzugewinnen. Erleichtert wird dieser Entschluss durch die Tatsache, dass sich die Unternehmen bereits 1911 in einem Patent- und Erfahrungsaustausch darauf verständigt haben, ihre Lampenformen und -typen weitgehend zu vereinheitlichen.

Firmengründung – Glühlampen von OSRAM erobern den Weltmarkt

Die Deutsche Gasglühlicht AG hat bereits im November 1918 ihr Glühlampengeschäft ausgelagert und dafür die Osram-Werke GmbH KG gegründet. Am 5. Februar 1920 treten Siemens & Halske und die AEG als Kommanditisten bei. Das erste Geschäftsjahr und die Gründung der Gesellschaft werden rückwirkend auf den 1. Juli 1919 festgesetzt. 

 

In den 1930er-Jahren zählt OSRAM zu den weltweit größten Herstellern von Leuchtmitteln; allein in Deutschland beläuft sich der Marktanteil auf gut 70 Prozent. Um die Auslandsmärkte zu erschließen, werden zahlreiche Verkaufsstützpunkte in Form von eigenen Gesellschaften unter Beteiligung von Auslandskapital gegründet. Die führende Stellung auf dem Weltmarkt hält OSRAM nicht zuletzt dank eines intensiven Erfahrungsaustauschs mit Herstellern auf internationaler Ebene aufrecht. 1956 wird die OSRAM GmbH KG aus steuerlichen Gründen in eine GmbH umgewandelt.

Siemens steigt voll ein – auf dem Weg zur 100-Prozent-Beteiligung 

Die Krisensituation bei der AEG, die 1977 zur Übernahme der AEG-Anteile an der KWU und an der TU durch die Siemens AG führt, kann der damalige Vorstandsvorsitzende Bernhard Plettner auch zum Erwerb der OSRAM-Anteile nutzen. Zu dieser Zeit besitzen Siemens 43, die AEG 36 und die General Electric Company 21 Prozent der Geschäftsanteile. Nachdem Siemens 1976 die AEG-Anteile erworben hat, erhöht sich die Siemens-Beteiligung an OSRAM auf 79 Prozent. Zwei Jahre später, 1978, stellt General Electric Siemens vor die Alternative, ihr entweder die Kapitalmehrheit und damit die Führung von OSRAM zu überlassen oder aber die General-Electric-Anteile selbst zu erwerben. Siemens entscheidet sich für die Übernahme.

 

Mit dieser Entscheidung beweist Bernhard Plettner Weitsicht – OSRAM entwickelt sich in der Folge sowohl in technologischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht ausgesprochen positiv. 1978 übernimmt Plettner den Vorsitz im Aufsichtsrat von OSRAM; seit diesem Jahr schreibt die Gesellschaft, in der Bernhard Plettners jüngerer Bruder Helmut seit 1976 den Vorsitz in der Geschäftsführung wahrnimmt, wieder schwarze Zahlen. Zu Recht sieht man die Flaute, in der sich das Unternehmen seit Beginn der 1970er-Jahre befunden hat, als überwunden an: Erstmals können wieder Rücklagen gebildet werden.

Großes Wachstum, neue Rechtsform – von der OSRAM GmbH zur OSRAM Licht AG

Zu Beginn der 1980er-Jahre ist OSRAM der weltweit viertgrößte Lampenhersteller mit 28 Fertigungsstätten, davon 18 im Ausland. In Lateinamerika steht das Unternehmen, was die Marktbedeutung betrifft, an dritter, in Europa an zweiter und in Deutschland an erster Stelle. Von 1989 bis 2013 wird die OSRAM GmbH als Unternehmensbereich mit eigener Rechtsform geführt. 

Im Juli 2013 wird der Lichthersteller aus dem Konzern ausgegliedert und unter dem Dach der OSRAM Licht AG an die Börse gebracht. Siemens bleibt zunächst mit einem Anteil von 19,5 Prozent an dem Unternehmen beteiligt.

Als börsennotiertes Unternehmen wird OSRAM direkten Zugang zum Kapitalmarkt und die Möglichkeit haben, sein Profil in der breiten Öffentlichkeit zu schärfen. OSRAM ist aus unserer Sicht ein attraktives Investment und eine interessante, eigenständig handelbare Anlage.
 Peter Löscher, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG, 23. Januar 2013

Im Oktober 2017 verkauft Siemens den Rest seiner verbliebenen Beteiligung an dem traditionsreichen Lichtkonzern. Damit ist das letzte Kapitel in der knapp 100-jährigen gemeinsamen Geschichte von Siemens und OSRAM geschrieben. 

 

 

 

 

 

Dr. Frank Wittendorfer