Glühbirne 2.0

Siemens-Forscher Werner Bolton entwickelt einen Verkaufsschlager 

Anfang des 20. Jahrhunderts ist elektrisches Licht keine Selbstverständlichkeit, zahlreiche Gebäude werden nach wie vor mit dem gefährlichen Gaslicht beleuchtet. Doch bald lassen sich dank der Erfindung der Differentialbogenlampe Fabriken sowie öffentliche Gebäude, Straßen und Plätze elektrisch beleuchten, allerdings ist dies für Privathaushalte keine Option, zumal das Licht der handelsüblichen Kohlefaden-Glühlampen zu schwach ist. Siemens erkennt diese Marktlücke und forscht an der Verbesserung der Glühbirne.

Besser als die Konkurrenz – Siemens arbeitet an der Weiterentwicklung der Edison-Glühlampe

Im Herbst 1879 präsentiert Thomas Alva Edison der Welt die ersten Kohlefaden-Glühlampen, die längere Zeit brennen. Während der amerikanische Erfinder und Unternehmer in Amerika an der Weiterentwicklung seiner Lampe arbeitet, unternimmt in Deutschland Werner von Siemens, unterstützt von seinem Sohn Wilhelm, in Berlin die ersten systematischen Versuche mit eigenen Glühlampen. Zufrieden mit den Arbeiten schreibt der Firmengründer Ende 1881 an seinen in England lebenden Bruder William: 

 

Auf der Suche nach einer geeigneten Glühfadenlampe experimentieren Vater und Sohn 1882 zunächst mit Metalldrähten, gehen dann aber schon bald zu Kohlefäden über. Und das im großen Stil, denn noch im selben Jahr errichtet Siemens & Halske in Berlin die erste Glühlampenfabrik Deutschlands. Im April 1882 werden die ersten 22 Kohlefaden-Lampen zum Preis von 6,50 Mark je Stück ausgeliefert. Zum Vergleich: In dieser Zeit kosten ein Kilo Roggenbrot 0,26 und ein Kilo Kartoffeln 0,07 Mark. 

Mit Glühlampen habe ich gute Fortschritte gemacht und bin jetzt fest überzeugt, daß wir bald bessere Glühlampen als einer der Konkurrenten haben.
Werner von Siemens, 1881

Tantal statt Kohle – sieben Jahre Forschung bringen den Erfolg

Vier Jahre später produziert das Unternehmen bereits rund 200.000 Kohlefaden-Glühlampen – ein Riesenerfolg, doch Siemens sieht weiteres Verbesserungspotenzial und beauftragt den Chemiker Werner Bolton mit der Weiterentwicklung der Siemens-Glühlampe. Bolten arbeitet seit Frühsommer 1896 im Glühlampenwerk von Siemens & Halske.

 

Nach jahrelangen Versuchen gelingt es ihm 1903 erstmals, den bis dato gebräuchlichen und sehr fragilen Kohlefaden durch einen stabilen Metallglühfaden aus Tantal zu ersetzen. Das Material weist alle gewünschten Eigenschaften zur Leitung elektrischen Lichts auf: Es hat einen hohen Schmelzpunkt (um 3.000 Grad Celsius), verfügt über einen niedrigeren Dampfdruck und ist leicht verformbar. 

Erst geheim, dann patentgesichert – die Metallfaden-Glühlampe geht in Serie

Am 18. September 1903 wird im Berliner Glühlampenwerk von Siemens & Halske die erste serienreife Tantallampe hergestellt. Im Laufe des Jahres 1904 geht diese Metallfaden-Glühlampe in Serie – zunächst unter Geheimhaltung. Doch schon Anfang 1905 präsentiert Siemens der Öffentlichkeit die erste „erfolgreiche Metallfaden-Glühlampe der Welt“, nachdem man sich zuvor patentrechtlich absichert hat. 

 

Damit setzt Siemens auf das richtige Pferd. Die Tantallampe entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einem echten Verkaufsschlager. Zusätzlich zu Berlin werden auch im Glühlampenwerk des englischen Tochterunternehmens Siemens Brothers jährlich viele Tausend Tantallampen produziert. 

 

Bis 1914 verkauft Siemens weltweit über 50 Millionen Glühlampen. Und auch in den USA, in England und Frankreich werden diese Lampen noch bis Mitte der 1910er-Jahre in Lizenz hergestellt – der Glühdraht stammt stets von Siemens & Halske.

Sabine Dittler