Europa ruft Amerika

Das Transatlantikkabel verbindet zwei Kontinente 

Anfang der 1870er-Jahre existieren drei Kabelverbindungen zwischen der Alten und der Neuen Welt. Alle diese Transatlantikkabel sind im Besitz der Anglo American Telegraph Company. Ihr Hauptaktionär, der Brite John Pender, verteidigt das Monopol eisern. Um diese Vormachtstellung zu brechen, beschließen vor allem amerikanische Geschäftsleute und Persönlichkeiten, eine weitere Nachrichtenverbindung zu installieren. Die Einzigen, denen man eine derartige Aufgabe zutraut, sind die Siemens-Brüder. Und diese stellen sich der Herausforderung. 

Vorbereitung durch Amerika – Fehlschläge und Lernerfolge

Nach den großen Erfolgen der innerkontinentalen Land- und Seetelegrafenlinien ist schnell klar, dass die Verlegung eines Nachrichtenkabels zwischen dem amerikanischen Kontinent und Europa ein lukratives Geschäft verspricht. Bereits 1854 gründet der Unternehmer Cyrus Field die „Atlantic Telegraph Co. of New York, New Foundland and London“. In der Frage der Streckenführung entscheiden sich Field und seine Mitarbeiter für die Verbindung zwischen Irland und Neufundland, da in den Seekarten ein erhöhtes Plateau auf dem Meeresboden ausgewiesen ist; der Untergrund scheint geradezu ideal. Field beginnt 1854 zunächst mit dem Bau einer Leitung von New York nach Neufundland, bevor er sich drei Jahre nach Gründung der Gesellschaft an die eigentliche Aufgabe der Atlantikunterquerung wagt. 

 

Nach einem Fehlversuch im Sommer 1857 gelingt es Field am 5. August 1858, die erste Verbindung zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Telegrafennetz herzustellen. Wegen mangelnder Erfahrungen mit Kabellegungen über derart große Entfernungen wird das Kabel jedoch zu dünn und damit zu anfällig für Umwelteinflüsse produziert. Nach rund 400 Depechen und 23 Tagen Betrieb ist es zerstört. Es wird sieben Jahre dauern, bis Field erneut genügend Geld beisammenhat, um einen weiteren Versuch finanzieren zu können. Doch auch dieses Kabel reißt während der ersten Legung, sodass erst mit dem zweiten Versuch am 27. Juli 1866 eine dauerhafte telegrafische Verbindung zwischen Amerika und Europa hergestellt ist. Da man zwischenzeitlich auch das gerissene Kabel wiedergefunden hat, stehen nunmehr zwei funktionierende Leitungen zur Verfügung. Field ist finanziell gerettet und kann bereits 1867 seine kompletten Schulden zurückzahlen. Sowohl in New York als auch in London wird er als Held gefeiert.

Gute Geschäftsaussichten, umkämpfter Markt – die Siemens-Brüder steigen ein

Schnell entwickelt sich das profitable Geschäft mit der Transatlantik-Verbindung zu einem hart umkämpften Markt.

 

Nachdem es dem englischen Baumwollfabrikanten John Pender gelungen ist, die Kontrolle über die bestehenden Kabel zu erlangen, formt er ein Kartell, das er eisern gegen aufkommende Mitbewerber verteidigt.

 

Angesichts dieser Vormachtstellung wenden sich Investoren Anfang der 1870er-Jahre an die Siemens-Brüder, ob diese nicht ein eigenes „direktes“ Kabel zwischen Deutschland beziehungsweise Großbritannien und den USA verlegen könnten.

 

Zu diesem Thema schreibt Werner von Siemens 1871 erstmals an seinen Bruder Carl:

Bei der gestrigen Generalversammlung der deutschen Bank […] fragte mich der dritte Direktor […] ob wir geneigt wären, uns bei einem direkten deutsch-amerikanischen Kabel, wofür in Amerika jetzt große Meinung und viel Geld vorhanden wäre, zu beteiligen.
Brief von Werner von Siemens, 1871

Es wird jedoch noch über ein Jahr dauern, bis sich diese Idee konkretisiert, was nicht zuletzt an der Zurückhaltung Werner von Siemens liegt, dem finanzielle Verluste aus einigen früheren Kabellegungen noch sehr präsent sind. 

 

Anders William und Carl. Sie zeigen sich dem Vorhaben gegenüber wesentlich aufgeschlossener. Das ganze Jahr 1872 über sucht vor allem Carl nach Geldgebern im englischsprachigen Raum – und er hat Erfolg. Trotz aller Vorbehalte aufseiten Werners wird zum Jahreswechsel 1872/73 immer deutlicher, dass die Siemens-Brüder ein Kabel durch den Atlantik verlegen würden – entweder im Auftrag einer amerikanischen Gesellschaft oder auf eigene Rechnung.

Schließlich wird im März 1873 die „Direct United States Cable Company“ (DUSC) gegründet, deren Zweck „die Herstellung einer direkten und unabhängigen Telegraphen-Verbindung zwischen dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika“ ist. „Consulting Director“ wird Werners Bruder William.

 

Dem Firmennamen zum Trotz zeichnet sich bereits zu Beginn des Projekts ab, dass man mitnichten eine direkte Verbindung zwischen Irland und den Vereinigten Staaten schaffen wird. Stattdessen soll das Hauptkabel – wie die Kabel zuvor – von Irland nach Neuschottland führen, und von dort aus soll ein weiteres Kabel ans amerikanische Festland verlegt werden.

 

Laut einer heutigen Internetquelle ist der Hauptgrund hierfür, dass die damalige Kabeltechnik eine derartige Direktverbindung gar nicht erlaubt hätte. Die Signale wären aufgrund der großen Entfernung so schwach geworden, dass sie nicht mehr hätten empfangen werden können. Die in den Beständen von Corporate Archives überlieferten Quellen zur Kabellegung schweigen hierzu.

Schaufelräder und Bugruder – ein eigener Kabelleger wird gebaut

Während zur Verlegung der ersten Transatlantik-Kabel der umgebaute Dampfer „Great Eastern“ genutzt worden ist, konstruiert eine englische Firma 1872 ein erstes Spezialschiff zur Kabellegung, die „Hooper“. Dieses Schiff und seine umfangreichen eigenen Erfahrungen veranlassen William Siemens seinerseits, einen Kabeldampfer zu konstruieren, den er zu Ehren seines Freundes Michael Faraday auf dessen Namen taufen lässt. Die größte Besonderheit: Zwei an beiden Seiten angebrachte Schaufelräder, wie man sie bis dato nur von den amerikanischen Flussschiffen kennt, und ein zusätzliches Ruder im Bug machen die Faraday extrem wendig. Außerdem ermöglichen Aufbauten an Deck die Kabelverlegung entweder über Bug oder über Heck. Nachdem der Dampfer im Frühjahr 1874 fertiggestellt ist, sticht er am 16. Mai gegen acht Uhr in See, um den Atlantik zum ersten Mal zu überqueren.

Der nordamerikanischen Küste entlang – die erste Legung

Bevor man die eigentliche Hauptlegung über den Atlantik in Angriff nimmt, wird das Kabel an der nordamerikanischen Küste verlegt.

 

Die erste Teilstrecke führt von Halifax, Neuschottland, nach Portsmouth, New Hampshire, dann von Neuschottland nach Neufundland, wo aber nicht angelandet werden darf – ein Monopol der Anglo American Telegraph Company verbietet dies.

 

Nach den Briefen, die sich die Brüder schreiben, ist die Legung Anfang August beendet. Die Faraday kehrt nach Großbritannien zurück, und Carl berichtet Werner und William vom „Shoreend“, also einer Anladung, in Torbay auf Neufundland.

 

Allerdings kennzeichnet heute ein kleiner Park, der Tor Bay Atlantic Provincial Park, die Stelle, an der das Kabel angelandet wurde – auf Neuschottland.

Mit Hindernissen über den „großen Teich“ – Legung des Hauptkabels durch den Atlantik

Mit dem Verlegen des eigentlichen Atlantikkabels wird vermutlich Mitte bis Ende August begonnen. Laut Pole, dem Biografen von William Siemens, sticht die Faraday am 26. August wieder in See und beginnt bei Ballinskelligs Bay, einem kleinen Ort an der Küste von Irland, das Kabel auszubringen. Ab diesem Zeitpunkt ist Werner von Siemens persönlich vor Ort.

 

Bereits kurz nach Beginn der Legung kommt es zum Unglück, wie er berichtet: „ […] doch als ich heute früh auf meiner irischen Karre bei gewohnt scheußlichem Regenwetter von meinem 16 englischen Meilen entfernten Hotel hier ankam, traf ich lange Gesichter. Es war ein Fehler im Kabel, den das Schiff wieder aufzunehmen versuchte.“

 

Das Kabel ist gerissen – an einer Stelle, in die wegen ihrer Tiefe der komplette Mount Blanc hätte versenkt werden können. Allein bis der Schleppanker zur Kabelsuche den Grund erreicht, dauert es sieben Stunden. Noch nie ist ein Kabel aus einer solchen Tiefe geborgen worden.

 

Doch Carl gelingt das Unmögliche: Innerhalb von zwei Tagen kann er das verloren gegangene Kabelende wieder aufnehmen und mit der Legung fortfahren. Werner schreibt erleichtert nach Berlin: „Die in einem Tage durchgeführte Aufsuchung und Reparatur eines Kabels aus so enormen Tiefen (2.580 Faden) ist ein novum in der Legetechnik und wird unseren Ruf fest etablieren!“

Ein Jahr lang Pech und Pannen – doch dann steht die Verbindung

Das Projekt steht aber weiterhin unter keinem guten Stern. Mehrmals muss die Faraday das Kabel wieder auffischen und reparieren, bis Kohlemangel und stürmisches Wetter die „unglückliche Kabeleskadron“ zwingen, nach Irland zurückzukehren. An eine Aufgabe des Kabels ist jedoch nicht zu denken, da dies einen ungeheuren Prestigeverlust für die Direct United States Cable Company und die Siemens-Brüder bedeuten würde. Bereits Ende Oktober läuft die Faraday wieder aus – und hat wieder Pech. Nahe Neufundland geht das Kabel in einem Sturm erneut verloren, dieses Mal wird auch das Schiff selbst beschädigt.

 

Wegen der notwendigen Reparaturarbeiten und des dauerhaft schlechten Wetters ist an eine Vollendung der Kabellegung vor Jahresende 1874 nicht mehr zu denken. Erst Anfang April sticht die Faraday wieder in See, und im Juni 1875 gelingt es, erstmals eine Verbindung zwischen Torbay und Ballinskelligs Bay herzustellen. Allerdings arbeitet das Kabel nach wie vor fehlerhaft. Es kommt erneut zu Unterbrechungen, was sich sowohl auf die Kosten als auch auf die Stimmung der Beteiligten ausgesprochen negativ auswirkt. Mehrfach berichtet William an Werner, dass die Aktionäre der Direct United die Ablösung Carls als Projektleiter an Bord des Schiffes fordern.

 

Sternstunde der Technik – es ist geschafft!

Mitte August beginnt man erneut mit der Fehlersuche – und dieses Mal schafft es der Besatzung, den Fehler im Kabel zu finden. Anfang September steht die dauerhafte Verbindung zwischen den Stationen in Torbay und Ballinskelligs Bay. Werner ist erleichtert: „Also endlich ist das Kabel fehlerfrei fertig! Gott sei Dank dass dieser Alpdruck vorüber ist.“ Wenig später wird es dem Publikum übergeben, am 15. September 1875 schreibt Carl: „Heute ist der Eröffnungstag! Ich hoffe bald zu hören, wie es geht mit dem Depeschieren.“ Es geht hervorragend: Das Kabel schlägt die Konkurrenz um Längen. Carl berichtet aus London: „Das Kabel arbeitet fortgesetzt gut. Am ersten Tage haben die Stockexchange Leute ein Wettrennen veranstaltet und dabei hat dann die DUS die Anglos [die Konkurrenz] um eine Stunde und mehr geschlagen.“

 

In seinen „Lebenserinnerungen“ zieht Werner von Siemens im Nachhinein eine positive Bilanz des Projekts: „Diese unsere erste transatlantische Kabellegung war nicht nur für uns außerordentlich lehrreich, sondern führte überhaupt erst zur vollen Klärung und Beherrschung der Kabellegung im tiefen Wasser.“

 

Und für die englische Tochtergesellschaft von Siemens & Halske ist es ebenfalls enorm wichtig: „Die glückliche Vollendung des amerikanischen Kabels hob das Londoner Geschäft mit einem Schlage auf eine viel höhere Stufe des Geschäftslebens.“

 

Dr. Florian Kiuntke

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

Jorma Ahvenainen: The History of the Near Eastern Telegraphs Before the First World War, Helsinki 2011 (nur in englischer Sprache)