110 Jahre Montagehalle für Turbinen in Berlin-Moabit

Jubiläum einer Architekturikone  

110 Jahre Montagehalle für Turbinen in Berlin-Moabit

„Es gibt kein schöneres Gebäude als die monumentale Halle aus Glas und Eisenbeton, die Peter Behrens für die Turbinenfabrik in der Huttenstraße geschaffen hat“, urteilt in den 1920er-Jahren der Schriftsteller Franz Hessel. Das vor 110 Jahren fertiggestellte Gebäude fasziniert noch heute, nicht zuletzt deshalb, weil es nach wie vor seinem ursprünglichen Bestimmungszweck dient: der Herstellung von Turbinen. Dass es sich bei diesen Antriebsmaschinen zu AEG-Zeiten um Dampfturbinen handelt und zu Siemens-Zeiten um Gasturbinen, kann in diesem Zusammenhang durchaus vernachlässigt werden.

Aufbruch Richtung Nordwesten – AEG verlagert Dampfturbinenfertigung

Am 27. Februar 1904 gründet die aus der „Deutschen Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität“ hervorgegangene „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“ (AEG) ihre Turbinenfabrik und verlagert im Zuge dessen die Dampfturbinenfertigung aus der im Berliner Wedding beheimateten AEG-Maschinenfabrik nach Moabit. Übernommen werden auf dem Areal der Huttenstraße 12 – 16 die Werkstätten der Vorbesitzerin, darunter eine erst acht Jahre alte und 200 Meter lange Montagehalle des Architekten Theodor Rönn, deren äußere Gestaltung den Historismus der zeitgenössischen Architektur bedient. 

 

Die ersten Turbinen, die in der Montagehalle gebaut werden, haben Leistungen von bis zu einem Megawatt. Innerhalb von zwei Jahren gelingt es den Ingenieuren, die Maschinenleistung auf sechs Megawatt zu steigern. Doch da höhere Leistungen damit einhergehen, dass die Turbinen immer größer und schwerer werden, kommt es zunehmend zu Platz- und mit Blick auf die Tragfähigkeit der Laufkrane zu Transportproblemen. Diese Problematik spiegelt sich auch darin wider, dass es ab dem Geschäftsjahr 1906/1907 in steter Regelmäßigkeit zu gravierenden Differenzen zwischen bestellter Megawatt-Leistung und gelieferter Megawatt-Leistung kommt. Da Personalaufstockungen in dieser Situation nur bedingt Abhilfe schaffen können, ist der Bau einer zweiten Montagehalle zwingend erforderlich.

Debatte um die Urheberschaft – Peter Behrens und/oder Karl Bernhard

Am 16. September 1908 informiert der AEG-Gründer Emil Rathenau den Königlichen Staatsminister und Minister für öffentliche Arbeiten, Paul von Breitenbach, über das neue Bauvorhaben des Unternehmens:

Wir beabsichtigen, an der Ecke Huttenstr. und Berlichingenstraße in Berlin eine eiserne Halle von 200 m Länge und 35 m Breite für den Bau von Dampfturbinen zu errichten. […] Wir haben für Entwurf und Berechnung der Halle den Privatdozenten an der Königlichen Technischen Hochschule, Herrn Regierungsbaumeister a. D. Bernhard in Berlin gewonnen und beabsichtigen, ihm auch während der Ausführung […] die Kontrolle nach Massgabe der staatlichen Vorschriften zu übertragen […].
Emil Rathenau, 1908

Karl Bernhard ist zu diesem Zeitpunkt ein im In- und Ausland anerkannter Experte vor allem des Eisen- und Eisenbetonbrückenbaus, der für die Umsetzung des Bauvorhabens der AEG geradezu prädestiniert zu sein scheint.

Es ist jedoch eher die Ausnahme denn die Regel, dass sein Name im Zusammenhang mit der Turbinenhalle fällt. In aller Munde ist stattdessen der Name Peter Behrens, der seit 1907 für die AEG als „künstlerischer Beirat“ tätig ist. Obwohl die AEG seine Berufung nicht mit der Übernahme architektonischer Aufgaben in Verbindung bringt, erteilt sie ihm bereits 1908 einen entsprechenden Auftrag. Er soll für die Turbinenfabrik und die benachbarte Glühlampenfabrik der AEG eine Kraftzentrale errichten.

Es wird sich nicht mehr klären lassen, wann und wie die AEG ihren künstlerischen Beirat in das Bauvorhaben der neuen Montagehalle für die Turbinenfabrik involviert. Fest steht erstens, dass sowohl Peter Behrens als auch Karl Bernhard – unabhängig voneinander und mit nicht zu überhörendem Nachdruck – für sich in Anspruch nehmen, den Entwurf geliefert zu haben.  

Fest steht zweitens, dass Kenner der Materie und insbesondere der Aktenlage seit über 20 Jahren betonen, dass Karl Bernhard nicht nur die statischen Berechnungen vornimmt, sondern obendrein federführend bei der Entwurfsarbeit ist. 

Im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleibt jedoch verankert, was bereits in der Abendausgabe des „Berliner Tageblatts“ vom 17. Februar 1910 nachzulesen ist: Der künstlerische Beirat der AEG reüssiert nicht nur als Produktgestalter, sondern auch als „Fabrikarchitekt“, der mit der Turbinenhalle einen „Musterbau“ errichtet habe.

 

Auch wenn der Anteil von Peter Behrens am Entwurf der Montagehalle letztlich deutlich geringer ausgefallen sein sollte, als zumeist behauptet, schmälert das keinesfalls seine Gesamtleistung für die AEG. Er verhilft dem Unternehmen zu gestaltästhetischer Modernität, indem er dessen Erzeugnisse, Drucksachen und Bauten, auf eine Synthese von Kunst und Technik insistierend, dem Prinzip der (industriellen) Sachlichkeit unterwirft. Ihm ist es zu verdanken, dass die AEG als erstes Unternehmen weltweit über ein Corporate Design verfügt.

Im Eiltempo errichtet – Vom ersten Spatenstich bis zur Gebrauchsabnahme vergehen nur siebeneinhalb Monate

Am 17. Dezember 1908 reicht die AEG den Antrag auf Baugenehmigung für die neue Montagehalle ein. Am 17. März 1909 erteilt die zuständige Behörde die Baugenehmigung, knapp zwei Wochen später, am 30. März 1909, beginnen die Ausschachtungsarbeiten.

 

Die Bauzeit ist sensationell kurz: Ende August, Anfang September desselben Jahres ist die Eisenkonstruktion errichtet, am 22. Oktober findet die Rohbauabnahme des vorerst 127 Meter langen Gebäudes statt, am 12. November folgt die Gebrauchsabnahme der als „eiserne Kirche“, „Kathedrale der Arbeit“ und „Maschinendom“ gefeierten Montagehalle. 

Moderne Baumaterialien in ungewohnten Farben – Absage an das Backsteineinerlei in Rot

Durch den Rückgriff auf die Baumaterialien Eisen, Glas und Beton unterscheidet sich die Montagehalle bereits gravierend von den Industriegebäuden in ihrem unmittelbaren räumlichen Umfeld, bei denen es sich fast ausschließlich um Backsteinbauten handelt. Hinzu kommt, dass sie mit Farben aufwartet, die in deutlichem Kontrast zum mehr oder weniger schmutzigen Backsteinrot stehen: Hellgrün, Dunkelgrün, Grauweiß und ein warmer Sandsteinton. 

Die Montagehalle gliedert sich in eine Haupthalle und eine Seitenhalle. Das eiserne mattgrüne Tragwerk der Haupthalle besteht aus zweimal 14 Dreigelenkbindern, deren Kämpfergelenke im Bereich der Berlichingenstraße über grauweißen Betonsockeln liegen. Hervorstechendes Merkmal der Fassade entlang der Berlichingenstraße sind die ebenfalls 14,40 Meter hohen schräg geneigten Fenster aus dunkelgrünem Klarglas zwischen den Bindern.

Die Stützweite und die Scheitelhöhe der Haupthalle betragen rund 25 Meter, über dem Scheitel befindet sich ein sattelförmiges Oberlicht, das sowohl der Belichtung als auch der Belüftung dient. Markante Charakteristika der in einem warmen sandsteinähnlichen Ton gehaltenen Stirnfront des Gebäudeteils sind die abgerundeten, horizontal durch Eisenbinder unterteilten Eckpylone aus Beton, die 14,40 Meter hohe Fensterwand, die von einem eisernen Rahmenwerk eingefasst ist, und der siebeneckige Giebel mit dem AEG-Firmenzeichen und der Bezeichnung „Turbinenfabrik“. 

Die Seitenhalle ist zweistöckig und verfügt im mittleren Dachbereich über ein Oberlicht. Der Bau ist knapp 13 Meter breit und hat eine Firsthöhe von 17,50 Metern. Seine Stirnfront und die ersten vier Meter der hofseitigen Fassade bestehen aus Beton. Unterbrochen wird dieses Baumaterial in der Stirnfront durch zwei große, von einem eisernen Rahmenwerk eingefasste Fenster. Hofseitig schließt sich an die Betonausführung ein eisernes, ebenfalls in mattgrün gehaltenes Tragwerk mit breiten Horizontalverbindungen an.

 

Da die Nordfront der Haupthalle ursprünglich ebenfalls über eine großflächige Fensterfront verfügt, fällt von den vier Seiten und vom Dach Licht in die Halle. Die Originalfenster an den vier Hallenseiten bestehen aus Klarglas. Ob an der Süd-, der West- und der Nordfront ebenfalls dunkelgrünes Glas eingesetzt ist, lässt sich derzeit nicht sagen. Auch die Frage, ob die Nutzung des definitiv getönten Glases an der Berlichingenstraße aus ästhetisch-künstlerischem Grund erfolgt ist, um Farbharmonie mit den Eisenträgern zu erzeugen, oder aus ästhetisch-funktionalem, um von vornherein für Sonnenschutz zu sorgen, muss vorerst unbeantwortet bleiben. 

Lobgesang in der Tagespresse – Der erste Bericht über die Montagehalle erscheint bereits am 4. November 1909

Die Liste der zeitgenössischen Äußerungen über die Montagehalle ist lang und durch Namen wie beispielsweise Adolf Behne, Oskar Lasche, Franz Mannheimer, Karl Ernst Osthaus und Karl Scheffler prominent besetzt. Die erste Abhandlung erscheint bereits acht Tage vor der Gebrauchsabnahme in der Abendausgabe vom „Berliner Tageblatt“. Ihr Autor ist der seinerzeit bekannte Technikhistoriker Artur Fürst, der die Entwicklung von AEG und Siemens genauestens verfolgt und im Rahmen dessen auch Biografien über die beiden Firmengründer, Werner von Siemens und Emil Rathenau, verfasst.

 

Fürst feiert die Seitenfront an der Berlichingenstraße als „einziges riesiges Glasfenster“, das nicht langweilig wirkt, weil „die schweren Eisenmassen […] eine abwechslungsreiche Gliederung hervor[rufen]“. Seine Attributierung einzelner Gestaltungselemente und -details als „leicht“, „heiter“, „munter“ und „fröhlich“ unterstreicht dabei die unübersehbare Differenz zur tradierten Industriearchitektur. Wenn er allerdings beschreibt, wie „der Eindruck des Hohen, Stolzen, Luftigen“ an der Giebelfront entsteht, lässt sich bereits erahnen, was einige wenige Zeitgenossen kritisieren werden, nämlich die monumentale und pathetische Anmutung der Giebelfront auf der einen Seite und die Verkleidung des eisernen Tragwerks durch die Nutzung von Beton als Füllmaterial auf der anderen Seite. 

Eine emotionale Steigerung erfährt Fürsts Bericht, wenn er zur Schilderung des Halleninneren übergeht, das seinem Empfinden nach „etwas domartiges“ habe. „Das Dach steigt zu schwindelnder Höhe, und obgleich an keiner Stelle der Versuch gemacht worden ist, die schwere Nutzkonstruktion zu verhüllen, ist doch allein durch die schmiegsame Linie, die alles Stützwerk hat, der Eindruck des Groben und Schweren glücklich vermieden. Zugleich sorgt die blendende Lichtfülle, die durch die langen Fensterfronten und das gleichfalls fast vollkommen aus Glas bestehende Dach hereindringt, dafür, dass dieser Halle der Eindruck des Fabrikmäßigen genommen wird.“

Dass Fürst seine Begeisterung noch zu steigern vermag, stellt er in der Abendausgabe des „Berliner Tageblatts“ vom 17. Februar 1910 unter Beweis, als er dem Gebäude bescheinigt, die Gemütsstimmung der darin Arbeitenden durchaus zu beeinflussen, indem ihnen „ein gewisses Persönlichkeitsgefühl“ verliehen werde, das „ihre Arbeitskraft steigert“: „Im Inneren hat man das Gefühl, als sei es hier drinnen hell und draußen dunkel. […] Das ist hier wirklich ein Maschinen-‚Saal‘, von dem man so oft gesprochen hat, ohne dass er doch vorhanden war, ein Festraum für Maschinenbau. Verschwunden ist das dunkle Fabriktor, aus dem sich, wenn die Feierglocke geläutet hatte, ein Strom gedrückter Menschen ins Helle drängte, die heitere Göttin Kunst hat sich neben das graue Gespenst Arbeit gesetzt, und die niedere Werkstattdecke weitete sich zum hohen Hallendach.“

Konzipierte Länge erreicht – Erste Erweiterung der Montagehalle

Zwischen 1939 und 1941 wird die Montagehalle um 80 Meter verlängert. Der Entwurf für den Erweiterungsbau, der sich von dem Original unter anderem durch eine steifere Auslegung der Rahmenkonstruktion und den Verzicht auf die Schrägstellung der Fensterflächen an der Front Berlichingenstraße unterscheidet, stammt von den Architekten Jacob Schallenberger und Paul Schmidt.      

Die Montagehalle im Wandel der Zeiten – Ein Querschnitt 

Wenn Sie erfahren möchten, welche Zäsuren die Geschichte der Montagehalle nach der Fertigstellung des ersten Erweiterungsbaus prägen, klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. 

Anziehungspunkt für Architekturinteressierte – Damals wie heute

Die Montagehalle wird 1956 als erster Industriebau Berlins unter Denkmalschutz gestellt. Ob sie in den 110 Jahren ihres Bestehens tatsächlich, wie von Artur Fürst seinerzeit prognostiziert, zu einem „Wahrzeichen des gesamten Viertels“ avanciert ist, sei dahingestellt. Ein Anziehungspunkt für Architekten, Bauingenieure und Kunstwissenschaftlicher, aber auch für Touristen aus aller Welt ist sie bis heute. Angesichts dessen scheint ein Satz, den der Architekt Erich Mendelsohn im März 1914 an seine zukünftige Ehefrau schreibt, nichts an Aktualität eingebüßt zu haben:

Kommen Sie durch Berlin, so vergessen Sie nicht, […], sich das Turbinenhaus der AEG von Peter Behrens anzusehen. Das müssen Sie gesehen haben.
Erich Mendelsohn, 1914

Dr. Claudia Salchow