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Siemens etabliert erstmals betriebliche Sozialleistungen

Die betriebliche Altersversorgung gehört traditionell zu den wichtigsten freiwilligen Sozialleistungen bei Siemens. Mehr als ein Jahrzehnt bevor Reichskanzler Otto von Bismarck 1889 eine Alters- und Invaliditätsversicherung in Deutschland einführt, richtet das Unternehmen anlässlich seines 25. Jubiläums eine eigene Pensions-, Witwen- und Waisenkasse ein. Mit Gründung dieser Unterstützungskasse verfolgt Werner von Siemens zwei Ziele: die soziale Lage seiner Mitarbeiter zu verbessern und qualifizierte Arbeitskräfte langfristig an das Unternehmen zu binden. Siemens gehört damit zu den Vorreitern betrieblicher Sozialpolitik.

Freiwillige Sozialleistungen bei Siemens – eine Tradition wird begründet

Bereits wenige Jahre nach Gründung der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ versichert Werner von Siemens die gesamte Arbeitsbelegschaft bei der 1853 eingerichteten Kranken-, Sterbe- und Invalidenkasse für Maschinenbauarbeiter in Berlin. In den späten 1860er-Jahren reift in den Siemens-Brüdern Werner, William und Carl der Gedanke, für die mittlerweile knapp 1.000 Mitarbeiter ihres Unternehmens eine firmeneigene betriebliche Altersvorsorge zu etablieren. Konkreter Anlass ist das Auslaufen der russischen „Remonte-Verträge“ im Jahr 1867; damals enden nach zwölf Jahren die Wartungsverträge für das russische Staatstelegrafennetz. Während deren Laufzeit haben die Brüder erhebliche finanzielle Mittel in einem Reservefonds zurückgelegt, die nun frei werden – und zugunsten der Beschäftigten verwendet werden sollen.

Zunächst unterbreitet Werner von Siemens seinem jüngeren Bruder Carl den Vorschlag, einen Teil der Gelder an die leitenden Angestellten – die sogenannten Beamten – in St. Petersburg weiterzugeben, deren Engagement die Erfolge im russischen Telegrafengeschäft überhaupt erst ermöglicht habe. Carl von Siemens schlägt stattdessen vor, das Geld in Form eines „Invalidenfonds“ nach Berlin zu transferieren und dessen Zinsen für die Unterstützung von Betriebsangehörigen zu verwenden. Dieser Anregung folgend richtet man 1869 mit dem „Arbeiter-Unterstützungsfonds“ und dem „Beamten-Unterstützungsfonds“ zwei entsprechende Fonds ein. 

Finanzielle Absicherung für die Belegschaft – die dauerhafte Mitarbeiterunterstützung beginnt

Anlässlich des 25. Firmenjubiläums 1872 werden diese beiden Fonds in eine dauerhafte „Arbeiter- und Beamten-Pensions-Witwen- und Waisen-Kasse“ für die Beschäftigten in Berlin, London und St. Petersburg eingebracht. Zusätzlich zu den 50.000 Talern der drei Siemens-Brüder stiftet Werner von Siemens’ einstiger Partner Johann Georg Halske weitere 10.000 Taler. Damit beläuft sich der finanzielle Grundstock der Kasse auf insgesamt 60.000 Taler. Bereits im selben Jahr scheidet Siemens Brothers London aus der gemeinsamen Pensionskasse aus und gründet einen eigenen „Pension Fund“. Auch die russische Niederlassung etabliert 1888 eine eigene Unterstützungskasse. Mit dieser Entscheidung ist das Unternehmen seiner Zeit weit voraus: Die Pensions-, Witwen- und Waisen-Kasse wird mehr als ein Jahrzehnt vor Verabschiedung der gesetzlichen Invaliditäts- und Altersversicherung durch den Deutschen Reichstag gegründet.

„Es ist nicht allein Humanität“ – Werner von Siemens will die Mitarbeiter binden

Mit der Kasse verfolgen die Siemens-Brüder aber nicht nur soziale, sondern auch personalpolitische Ziele: Erstens sollen die Unterstützungsleistungen zur Lösung beziehungsweise Entschärfung der sozialen Frage beitragen; die Menschen, die für das Unternehmen arbeiten, sollen keine Not leiden. Angesichts des akuten Mangels an qualifizierten Arbeitskräften und der hohen Fluktuation ist man zweitens bestrebt, eine Stammbelegschaft aufzubauen und die Facharbeiter langfristig an das expandierende Elektrounternehmen zu binden. Darüber hinaus – und das ist der dritte Beweggrund – will die Unternehmensleitung die Beschäftigten gegen „Umsturztheorien der Sozialisten“ immunisieren und die Streikbereitschaft herabsetzen. Es ist demnach – so Werner von Siemens rückblickend – „nicht allein Humanität, sondern wesentlich gesunder Egoismus“, der ihn gemeinsam mit seinen Brüdern William und Carl bewegt, die Pensionskasse zu gründen.

 

Das unter Mitwirkung einer Arbeiternehmerkommission verfasste Statut regelt detailliert die Leistungen des Unternehmens und die Rechte der anspruchsberechtigten Belegschaft. Diese ist in drei Gruppen gegliedert: Beamte, „sonstige Bedienste“ und Arbeiter sowie „weibliche Arbeiter“. Zusätzlich zu den Zinsen aus dem bei der Firma mit fünf Prozent angelegten Kapitel zahlt Siemens & Halske alljährlich einen definierten, je nach Gruppe unterschiedlichen Betrag pro Mitarbeiter an die Kasse; die Beamten, Arbeiter und Arbeiterinnen selbst leisten keine Beiträge. 

Aus Loyalität erwachsen Sozialleistungen – und Sozialleistungen steigern die Loyalität

Nach 30-jähriger Dienstzeit bei Siemens & Halske haben über 50-jährige Beschäftigte Anspruch auf eine Pension. Bei Invalidität infolge eines Betriebsunfalls erhalten die Betroffenen bereits nach dem zehnten Dienstjahr finanzielle Unterstützung. Die Höhe der monatlichen Zahlungen, die ohne Rechtsanspruch gewährt werden, orientiert sich an den Dienstjahren; der maximale Satz beträgt knapp zwei Drittel des Lohnes. Hinterbliebene werden je nach „disponiblem Kassenbestand“ und nur bei Bedürftigkeit berücksichtigt. Beschäftigte, die zu einem anderen Unternehmen wechseln, durch eigenes Verschulden arbeitsunfähig werden oder den Interessen des Unternehmens zuwiderhandeln, verlieren jeglichen Pensionsanspruch.

In seinen „Lebenserinnerungen“ zieht Werner von Siemens eine positive Bilanz: „Beamte und Angehörige betrachten sich als dauernd zugehörig zur Firma und identifizieren die Interessen derselben mit ihren eigenen.“ Loyalität und Verbundenheit mit dem Unternehmen werden durch die Pensionskasse maßgeblich erhöht – zumal sie im Unterschied zur staatlichen Alters- und Invaliditätsversicherung, die 1889 verpflichtend wird, beitragsfrei ist. Der Grundgedanke der 1872 etablierten Unterstützungskasse lebt übrigens in der Beitragsorientierte Siemens Altersversorgung (BSAV) fort. Nach wie vor handelt es sich um eine freiwillige soziale Leistung des Unternehmens, die zur Gänze aus dem Firmenkapital finanziert wird.

 

 

Sabine Dittler 

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