Im Herzen von Siemensstadt

Ein historischer Blick auf das Verwaltungsgebäude

Das jedes Berliner Rathaus an Größe übertreffende Verwaltungsgebäude des Unternehmens ist in architektonischer Hinsicht ein dem Historismus verpflichteter Bau. Gerade deswegen ist es für den Vorstand und die Direktion jahrzehntelang der perfekte Ort für die Wahrnehmung von repräsentativen Aufgaben. Künftig werden bauliche Tradition und Moderne aufeinandertreffen, denn nördlich des Verwaltungsgebäudes entsteht „Siemensstadt 2.0“

Von Berlin nach Spandau – die Verwaltung des Unternehmens wird verlagert

Während ab 1898 auf dem weitläufigen Gelände der Spandauer „Nonnenwiesen“ die ersten Fabrikanlagen und Werkswohnungen entstehen, errichtet das Elektrounternehmen zwischen 1899 und 1901 in Berlin, am Askanischen Platz in Kreuzberg, sein erstes Verwaltungsgebäude.

 

Der Jugendstilbau basiert auf Plänen des Bauingenieurs Karl Janisch, der dem Unternehmen erst seit wenigen Monaten angehört und nachfolgend für gut ein Jahrzehnt als sein Hausarchitekt fungieren wird.

 

Die Stadt Spandau, zu deren Gemarkung die Nonnenwiesen gehören, legt großen Wert darauf, dass das Hauptquartier eines so bedeutenden Unternehmens und Gewerbesteuerzahlers wie Siemens auf ihrem Gemeindegebiet zu wissen.

 

Das Unternehmen reagiert zunächst zurückhaltend, doch im Mai 1909 beschließt der Aufsichtsrat die Errichtung eines aus mehreren Flügeln bestehenden Gebäudekomplexes am Nonnendamm und beauftragt seinen Hausarchitekten Karl Janisch und dessen Mitarbeiter Friedrich Blume mit den entsprechenden Planungen.

 

Der Bau wird in zwei Etappen realisiert. In den Jahren 1910/1911 erfolgt zunächst die Errichtung des Westflügels. Unmittelbar nach dem Verkauf des Verwaltungsgebäudes am Askanischen Platz im Jahr 1912 beginnt die Errichtung des Ostflügels, der im Dezember 1913 fertiggestellt wird. Als offizielles „Geburtsdatum“ des Verwaltungsgebäudes, das für 3.000 Mitarbeiter konzipiert ist, gilt der 1. Dezember 1913. 

Maßgeblichen Anteil an der Innenausgestaltung der neuen Unternehmensrepräsentanz hat Hans Hertlein, der 1915 die Nachfolge Janischs als Hausarchitekt von Siemens antreten wird. Er setzt – im wahrsten Sinne des Wortes – farbliche Akzente, indem er die Türen blau streichen lässt.

Diese blauen Türen erzeugten zwar im ersten Augenblick etwas Befremden, bald aber hatte man sich an den belebenden, beinahe fröhlichen Ton gewöhnt und fand das Ganze ansprechend. […] Das Blau, das bald die Bezeichnung „Siemens-Blau“ erhielt, wurde auch an unseren Last- und Lieferwagen […] angebracht und trug mit seiner Wirkung im Straßenbild sogar zu einer gewissen Propaganda bei, zumal die mit einem gegensätzlichen Gelb aufgemalten Firmenzeichen weithin kenntlich waren.
Hans Hertlein, 1959

Der Ostflügel – Raum für Entscheidungen, Begegnungen und Ausstellungen

Zum Zeitpunkt der Eröffnung des Verwaltungsgebäudes beherbergt der Ostflügel unter anderen die Büros von Carl Friedrich von Siemens, Arnold von Siemens und Wilhelm von Siemens. Sie treffen hier alle wichtigen finanz-, investitions- und unternehmenspolitischen Entscheidungen.

 

Außerdem gibt es einen Vortrags- und Kinosaal sowie eine umfangreiche zweigeschossige Bibliothek, die vor allem Wilhelm von Siemens nutzt. Besonders prächtig eingerichtet ist das Sitzungszimmer des Vorstands, das wegen seiner Holztäfelung „Eichensaal“ genannt wird. 

Zu den architektonischen Besonderheiten gehört die repräsentativen Zwecken dienende „Ehrenhalle“ im Ostflügel, deren Mosaikboden César Klein – ein Vertreter der „Neuen Secession“ - gestaltet. Der Fußbodengestaltung verdankt die Halle ihre heutige Bezeichnung: die Mosaikhalle.

 

In der Halle werden Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur empfangen, wie etwa König Amanullah von Afghanistan (1928) und König Fuad von Ägypten (1929). Während der im Juni 1939 in Berlin stattfindenden Zweiten Weltkraftkonferenz fungiert der Raum als einer von mehreren Veranstaltungsorten in der Stadt. Als Carl Friedrich von Siemens, seit 1919 „Chef des Hauses“, 1941 stirbt, findet die Trauerfeier in der Ehrenhalle statt.

 

Aus der jüngsten Vergangenheit sind die Besuche von Bundeskanzler Gerhard Schröder und von Bundeskanzlerin Angela Merkel hervorzuheben. 1999 eröffnet Gerhard Schröder in der Mosaikhalle die die Siemens Business Conference. Angela Merkel nimmt am 7. Mai 2012, dem Tag des Ausbildungsplatzes, in dem Raum an einer Podiumsdiskussion über die Herausforderungen der Nachwuchssicherung und die Vorzüge des dualen Ausbildungswesens in Deutschland teil. Außerdem hält sie am 29. November 2016 während des Festaktes aus Anlass des 200. Geburtstages des Firmengründers in der Mosaikhalle vor rund 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien die Festrede. 

 

Seit den 1920er-Jahren dient die „Ehrenhalle“ auch als Ausstellungsraum für Produkte des Unternehmens. 

Bauprojekt für Jahrzehnte – der Wiederaufbau des Verwaltungsgebäudes

Während des Zweiten Weltkriegs wird das Verwaltungsgebäude durch Luftangriffe massiv beschädigt. Der zunächst provisorische Wiederaufbau beginnt unmittelbar nach Kriegsende. Anschließend werden sukzessive Dachstühle und Gebäudefronten instandgesetzt oder erneuert.

 

 

Der Wiederaufbau des stark zerstörten Ostflügels erfolgt erst in den Jahren 1973 bis 1976. Auf die Wiederherstellung der ursprünglichen Gestaltung der „Ehrenhalle“ wird dabei verzichtet. Die noch vorhandenen, aber stark beschädigten Glaskuppeln werden abgetragen und eine Etage tiefer durch eine Zwischendecke ersetzt.

Ein Gebäude – unterschiedliche Nutzungen

Mehrfach wird der Verwaltungsbau zweckentfremdet, beispielsweise während des Erstens Weltkriegs und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als Teile des Gebäudes jeweils als Lazarett für verwundete Soldaten dienen. 

 

Als sich ab 1949 im Zuge der Verlagerung der Firmenleitung nach München (Siemens & Halske) und Erlangen (Siemens-Schuckertwerke) die Verwaltungsaufgaben in Berlin deutlich reduzieren, werden in den 1950er-Jahren Gebäudeflächen zu Produktionszwecken umgewidmet, Berlin bleibt aber zweiter Firmensitz.

Mit der Wiederinbetriebnahme des Ostflügels 1976 erhält das Verwaltungsgebäude seine administrativen Funktionen zurück. Bis in die 1980er-Jahre sitzen im Verwaltungsgebäude unter anderem die Berliner Leitung sowie diverse Zentralabteilungen des Unternehmens. Seit 2005 ist die ehemalige Konzernzentrale der Siemens & Halske AG auch wieder Sitz für ein Vorstandsmitglied.

 

Zu den ersten Abteilungen, die 1914 Räumlichkeiten im Verwaltungsgebäude beziehen, gehört das 1907 gegründete Firmenarchiv. Das „historische Gedächtnis“ des Unternehmens zieht 1954 von Berlin nach München. Im Jahr 2016 kommt das nunmehr unter der Bezeichnung Siemens Historical Institute firmierende Konzernarchiv zurück nach Berlin – in das Verwaltungsgebäude. 

Siemensstadt 2.0 – Ein Megaprojekt wird zum „Zukunftsort“

 

 

In Berlin hat 1847 alles begonnen. Und in Berlin – konkret auf dem historischen Gelände von Siemensstadt mit seinem markanten Verwaltungsgebäude – geht es weiter: Die Siemens AG plant auf dem Firmengelände in Berlin-Spandau eine der größten Einzelinvestitionen in der Unternehmensgeschichte. In den kommenden Jahren sollen bis zu 600 Millionen Euro in eine neue Arbeits- und Lebenswelt investiert werden. Die Umgestaltung der historischen Siemensstadt in Berlin Spandau zur „Siemensstadt 2.0“ zählt nun auch zu den besonderen Zukunftsorten in Berlin, die vom Senat der Stadt ausdrücklich unterstützt und gefördert werden.

Dr. Frank Wittendorfer | Dr. Claudia Salchow

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Weiterführende Informationen zu dem Thema

Zum Weiterlesen

  • Wolfgang Ribbe / Wolfgang Schäche: Die Siemensstadt. Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985